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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-08 · Heft 23 (8.6.1917) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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ein Einblick in die Akten des hiesigen Großherzoglichen und Geheimen Hauptarchivs interessante Notizen für die folgende Darstellung gegeben. Bereits im Jahre 1773 wurde Levi (Levin) als Violoncellist mit einem Jahresgehalt von 120 Rtlr., 2 Faden Holz und 2000 Stück Tors angestellt und Simon als Violinist und Violoncellist mit 400 Rtlr., 6 Faden Holz und 6000 ©tüdE Torf angenommen. An Sabbaten und Feiertagen waren sie vom Dienst befreit. Das erfahren wir aus einem Gesuch des Kapellmeisters Westenholz an den Herzog, worin er bittet, seinem Knaben zu erlauben, daß er im Orchester (in Ludwigslust, wohin die Hofkapelle 1767 verlegt wurde) beim Violoncello mit akkompagnieren dürfe, „da ohnehin öfters Sabbathe und Festtage einfallen, wo der Musicus Levin nicht mitspielen darf" (24. Oktober 1774). Der Sohn Westenholz' bittet sodann am 26. November 1778 um Ausnahme als Mitglied der Hofkapelle. „Ich bin hier nicht mehr ganz überflüssig, weil ich bald zu dieser, bald zu jener Parthi treten muß, besonders aber am Sabbath der Juden beim Violoncell unumgänglich nötig bin." Simon hat sich nicht lange halten können. Er mußte Schulden halber 1778 seinen Abschied nehmen. Schon im Jahre 1775 befiehlt der Herzog Friedrich Franz I. dem Hofmarschallamt, eine Verfügung zur Regulierung der Schulden Simons zu treffen. Es werden ihm zunächst 40 Taler von der Gage abgezogen. Die Gläubiger, unter denen sich der jüdische Baßsänger Emanuel Aron und Levin Abraham zu Berlin befinden, wenden sich an den Herzog, der verfügt, daß Simon wegen der wider ihn eingereichten Klagen und daraus abzunehmenden schlechten Ausführung seine Dienste zu lösen und der Abschied anzukündigen sei (23. Oktober 1777). Den wiederholten Bitten und Vorstellungen Simons, in herzoglichen Diensten weiter verbleiben zu dürfen, will der Herzog, „wenn es sich angebrachtermaßen verhält", Gewährung widerfahren lassen, aber die mißlichen Umstände gestatteten es nicht. Simons Wunsche entsprechend wird jedoch der Abschied so emgerichtet, daß er als ehrlicher Mann, wie er nach Ludwigslust gekommen, wieder an großen Höfen sein Fortün suchen kann (15. Juni 1778). Die Milde des Herzogs gewährt der Frau Simons, Friederike geb. Behrendsen aus Schwerin, öfters Gnadengeschenke. Aus den Bittbriesen und Verteidigungen Simons entnehmen wir, daß er als junger Mann nach Ludwigslust gekommen, daß ihm bei seinem Glück, in Herzoge lichen Diensten zu stehen, von allen Seiten Kredit angeboten worden; „die Unbesonnenheit hat ihn zu mehrerem Aufwands verleitet, und natürliche Gutherzigkeit vollführte das Uebrige." Als Jude mußte er wegen des eingeschränkten Gebrauchs der Speisen auf fremde durchreisende Glaubensgenossen, welche Pflicht er überhaupt gegen alle notleidenden Menschen beobachtet, vieles verwenden. „Ich will, wenn mir Gott, der Gott unserer Väter, Gesund und Leben schenkt, Alles wieder nachholen und verhoffe mit Gott seiner Hilfe, mich bald befreit zu sehen von meinen Creditores. Ich habe mich schon längst gefreut, so wie die Levieden und Sänger des Königs Salomon bei dem Bau des Tempels Ew. Herzoglichen Durchlaucht im neuen Falle neu aufbliehen zu sehen, und die Gnade zu haben,, ein Mitglied der Freude zu sein, und dazu meine wenige Tonkunst in der größesten Freude mit beizutragen. Aber wie erschrak ich, dieser Freude mich beraubt zu sehen. Nein! Dies glaube ich nicht! Ich habe einen gar zu gnädigen Herrn, dessen Freude einzig und allein ist, seine untertänigen Verehrer glücklich zu machen. Soll ich um ein Bagatell Schulden für meine Gläubiger unstät und flüchtig werden? Nein! So viel Gnade will ich erbitten, wie Cain sich bei Gott ausgebeten hat, da er spricht: Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande und muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstät und flüchtig sein ... Ich soll um Schulden wegen von E. H. O. degradiret werden. Wo findet man wohl einen Menschen ohne Schulden. Die meisten von der Capelle liegen in dieser Krankheit." ... Beim Abschiede Simons ergeht an die Kapellmusizi die nachdrückliche Erinnerung, daß sie sich für Kontrahierung aller anderen, jedoch insbesondere solcher Schulden, die durch unbesonnenen, übermäßigen Aufwand entstehen, auf das sorgfältigste hüten und für die baldige Wiederbezahlung bereits gemachter Schulden fördersamst sorgen wollten, so lieb ihnen die Vermeidung unbeliebiger Verfügung sein könnte. — 1785 reicht die Frau Simons ein klägliches Gesuch um Unterstützung an den Herzog ein, weil ihr Mann, der Jude, sie verlassen. Von Simon (vorausgesetzt, daß es dieser ist), so schreibt Clemens Meyer (S. 141), besitzt die Musikalische Sammlung 1 Sonate a Clavicem et Violine, obligato, dediciert an den Durch!. Prinz Friedrich Franz (1.) zu Mecklenburg" (Nr. 5098), „zehn Menuet alternat. für Violine I., II., Oboe, Clarino, Flaute, Basson e Basso" (1770) (Nr. 5099). Als der bedeutendste unter den jüdischen Künstlern wird Georg Noölli genannt. „Geboren 1727, ein berühmter portugiesischer Pantaleonvirwuse, der 13 Jahre lang eine Zierde der Ludwigsluster Hoskapelle war. Er war ein Schüler von Hebenstreit s Erfinder des Pantaleon — Pantalon taufte Ludwig XIV. von Frankreich das von Pantaleon Hebenstreit (geb. 1669 zu Eisleben, gest. 15. November 1750 in Dresden) verbesserte Hackbrett (1690), das zeitweilig große Sensation machte), später auch von Pater Martini sGiambatista Martini, gewöhnlich Padre Martini genannt, geb. 24. April 1706 zu Bologna, gest. 4. Oktober 1784 daselbst, war ein hochberühmter Musikhistoriker und Kontrapunktist) befand sich viel auf Konzertreisen, trat 1765 in Frankfurt a. M. auf und nannte sich „in Braunschweigischen Diensten stehend". 1775 trat er im April und November in Hamburg auf, hat in Ludwigslust konzertiert, gefiel ungemein und wurde für die Hofkapelle engagiert. Am 19. April 1776 trat er seinen Dienst in Ludwigslust an. Sein Anstellungsdekret vom 24. Mai sichert ihm jährlich 450 Rtlr. Gage, 6 Faden Holz, 6000 Stück Torf, täglich „1 Bouteille roth Wein" und freie Wohnung zu. Nebenbei sollte er „Ripino Violine, Biol. und obligat Bratsche" spielen. Im Sommer wurde für ihn ein neues Pantaleon für 120 Rtlr. angefertigt. 1782 erhielt er einen Reisepaß nach Frankreich und Italien; im Juni/Juli 1778 bis 1779 einige Monate Urlaub zu Konzertzwecken nach Dänemark und Schweden. 1783 bot man ihm ein glänzendes Engagement an der Königlich Schwedischen Kapelle an, aber der Herzog bewilligte die erbetene Zulage von 150 Rtlr., und so blieb No«lli in Ludwigslust. 1786 konzertierte er in Münster i. W. und äußerte dort, daß er in Ludwigslust sehr zufrieden sei. Am 10. April 1781 hatte sich No«M — im Herzoglichen Schlosse und in Gegenwart der hohen Herrschaften — mit Frau und seinen drei Kindern taufen lassen und erhielt den Vornamen Carl Friedrich Ludwig. Er starb in Ludwigslust am 24. September 1789 an der Wassersucht. Die Musikalische Sammlung besitzt von ihm „Pastorella, Sonate E'dur, per il Cembalo con Violine et Basso", ein hübsches, im Stile Haydns komponiertes Stück (Nr. 4051). Da die Cembalo-Stimme die Chiffre Nr. 1 trägt, läßt sich vermuten, daß Noölli noch mehrere derartige Werke komponiert hat." (Meyer S. 145.) — So weit Clemens Meyer über Noölli. Weitere Nachforschungen in den Akten des Großherzoglichen Geheimen und Hauptarchivs zu Schwerin (Kabinettsakten Hofkapelle Vol. 531, 532, 535, 537 und Judengemeinde Grabow Vol. 600 sowie das Kirchenbuch Ludwigslust 1770 bis 1785) ergaben noch folgende interessante Einzelheiten: Was zunächst Nosllis Taufe anbetrifft, so findet sich im Kirchenbuch der Hofkirche (Ecclesiae Aulicae) zu Ludwigslust

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