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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-08 · Heft 23 (8.6.1917) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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Blau leuchtet der Himmel über der Schar der Beter, auf grünem Rasen steht der Rabbiner vor seiner Gemeinde. Und das Weiß des Gebetmantels hebt sich vom Hintergrund ab! Mit dem Gedenken an die Toten schließt der Gottesdienst, und nach einigen Minuten des Beisammenseins im Gespräch eilt jeder wieder nach seinem Standort zurück, seelisch neu gestärkt und gehoben. Lu Moses Mendelssohn. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. 1. Ein unbekanntes Gedicht auf Moses Mendelssohns Tod. 3n einem seltenen Druck, den ich bei der Neuordnung meiner Bibliothek wieder in die Hände bekam: „Gedichte von Julie Roquette, geborenen Penz, Neubrandenburg, gedruckt bei S. G. Korb, Herzog!. Hosbuchdrucker 1802", fand ich S. 185 und 186 folgendes Gedicht: Beym Tode des israelitischen Plato Moses Mendelssohn. Ja wohl, in stiller Feier vom Seraf weggeküsset Entschwebte sanft der Welt dein edler Geist Und Davids Harfenklang und Assaphs Psalter grüßet Die Redlichen, den unsere Träne preist! Drückt dich nicht schwerer nur des harten Schicksals Bürde, Seitdem du ihn beweinst, o Israel? Du hobst dich und dein Volk empor zur Menschenwürde; Auch uns entsloh dein freundlich Licht zu schnell. Itzt wandelst du verklärt in Edens goldenen Hallen Mit Sokrates an deines Plato Arm; Du siehst der Wahrheit Licht durch alle Welten wallen. Schon hier empfandsddu seinen Strahl so warm. Nimm meinen Freudendank im Grabe noch, o Weiser; Dein Phädon war so oft mein Trost im Leid. Drum sei mein Saitenspiel, klingt's gleich nur schwach Voll Rührung dir. Vollendeter, geweiht! sund heiser. Es ist gewiß keine Perle der Poesie, aber charakteristisch für die Schätzung, die Mendelssohn in christlichen Kreisen genoß. Wer war die Dichterin? In der „Allgemeinen deutschen Biographie" ist sie nicht zu finden. Bei Goedeke in der ersten Ausgabe des „Grundrisses zur Geschichte der deutschen Dichtung" wird sie nicht erwähnt, in der 2. Ausgabe, Band VII, S. 414 heißt es über sie folgendermaßen: „Julie v. Roquette geb. Penz, geboren am 15. November 1763 zu Wolgast in Pommern, als die Tochter eines schwedischen Offiziers, der den Namen Penz angenommen hatte, verlor in früher Jugend das Gehör, wurde nach dem Tode ihres Baters in der Nähe von Neubrandenburg Mecklenburg) erzogen, vermählte sich 1793 mit dem Sprachlehrer (gewesenen französischen Kapitän) de Roquette, siedelte nach dessen Ableben 1808 nach Berlin über, wurde von der Königin Luise unterstützt und starb daselbst im Jahre 1817." Aus anderen Stellen des genannten Grundrisses geht hervor, daß sie als Mädchen auch in dem Bossischen Musenalmanach von 1789 ein Gedicht beigesteuert hat. Ihre gesammelten Gedichte erschienen in zwei Bänden 1797. Die neue Sammlung, 'beten Titel oben genau angegeben ist, hat, wie ausdrücklich hervorgchoben werden soll, nicht dm ihr von Goedeke zugeschriebenen Titel „Neue Gedichte". Man muß nicht etwa glauben, daß die Schriftstellerin von Juden abhängig war. In dem Subskribentenverzeichnis, das der Sammlung vorgedruckt ist, worin 'hauptsächlich Norddeutschland und Dänemark (letzteres besonders zahlreich) vertreten ist, findet sich kein jüdischer Name, namentlich kein einziges Mitglied der Familie Mendelssohn oder des Berliner jüdischen Kreises, während deutsche Schriftsteller und Gelehrte zahlreich vertreten sind, z. B. der alte Gleim, Goeckingk, Jsfland, Kant, Klopstock, Münter usw. Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Anregung geben. Wäre es nicht an der Zeit, einmal die aus Mendelssohn gemachten Gedichte zu sammeln? In Jmelmans gehaltvoller Zusammenstellung „Deutsche Dichter im Liede" (Berlin 1880) kommt Mendelssohns Name natürlich nicht vor, da er nicht ,zu den deutschen Dichtern gerechnet werden kann, und in Kayserlings Biographie wird auf die poetische Totenklagen wenig Rücksicht genommen. Ich finde zufällig, daß in dem Goettingischen Musenalmanach 1787 ein Gedicht auf Moses Mendelssohn von E. M. Kuh abgedruckt ist, und will dabei nicht unterlassen zu bemerkm, daß dies Gedicht in die hinterlassenen Gedichte Kuhs 1792 nicht ausgenommen worden ist. Auch der Brief Mendelssohns an Kuh aus dem Jahre 1781, den Kayserling in seinem Büchlein über Kuh abgedruckt hat, der aber in der Gesamtausgabe der Briefe Mendelssohns keine Aufnahme gefunden hat, steht ursprünglich in Kuhs Schriften. S. 120 bis 122. Obgleich Küh — auch dieser Hinweis mag bei dieser Gelegenheit beigebracht werden — sein Judentum nicht verleugnete, sind in jene Sammlung von Gedichten verhältnismäßig wenig Gedichte ausgenommen, die sich auf jüdische Dinge beziehen: im ersten Bändchen Nr. 7, 100, 312, im zweiten Bändchen Nr. 32, 61, 81, 104; einzelne davon sind aus dem Biblischen übersetzt, die meisten davon sind unbedeutend. Abdruck verdient an dieser Stelle höchstens ein einziges Gedicht, Band I, S. 187, das folgendermaßen lautet: Der Z ö lln er i n E. u nd d er r ei s en d e Iu d e. Z.: Du Jude mußt drei Thaler Zoll erlegen. I.: Drei Thaler? So viel Geld? Mein Herr weswegen? Z.: Das fragst du noch? Weil du ein Jude bist. Wärst du ein Türk, ein Heid, ein Atheist, So würden wir nicht einen Deut begehren; Als einen Juden müssen wir dich schoeren. I.: Hier ist das Geld! Lehrt Euch dies euer Christ? II. U n g e d r u ck t e Briefe, Gedichte und Abhandlung e n. A. Kohut veröffentlicht in der „Monatsschrift der Cvmmeniusgesellschaft", Band 26, Heft 3, März 1917, einen Artikel „Ungedruckte Briefe, Gedichte und Artikel von Moses Mendelssohn". Der Artikel macht größere Hoffnungen rege, als er erfüllt, denn er umfaßt im ganzen nur drei Druckseiten und bringt nur je ein Briefchen, ein Gedicht und einen kleinen philosophischen Aufsatz zum Abdruck. Der letztere ist ein Gutachten über Selles' Abhandlung vom Skeptizismus; er kann hier unerörtert bleiben, da er für unsere Zwecke ohne Interesse ist. Auch das Gedicht und der Brief enthalten nichts Jüdisches. Das Gedicht ist deswegen interessant, weil es sehr frühen Datums ist: 28. Dezember 1752. Es macht den Eindruck einer Uebersetzung und gibt dem Freundschaftsgefühle lebhaften Ausdruck. Endlich ist der Brief, der mitgeteilt wird, zu besprechen. Er ist an Friedrich Nicolai gerichtet, leider ohne Datum, verlangt die Adresse des Statthalters von Erfurt, Dalberg, den Mendelssohn oder der Abschreiber falsch Dalber nennt. Er verabredet ferner eine Zusammenkunft mit Eberhard und wünscht Engel und Ramler dazu. Es ist immerhin interessant, hier ein neues Dokument zu erhalten, das Mendelssohns freundschaftlichen Verkehr mit Berliner Literaten und Bekannten und dem Hallenser Philosophen bestätigt, der, wie ich in meiner jüngsten großen Mendelssohn-Publikation angeführt habe, zu Mendelssohns Getreuesten gehört.

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