Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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WWGWWW 268 --- lvlsselrschafttichen Gesellschastsfiorschuug aus der Grundlage des uralten mosaischen Humanitätsideals dem Studium des Verhältnisses der Völker untereinander und der Besserung des Verhältnisses der Völker füreinander dienen soll. Mehreren noch unter der alten Regierung gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen geht die neue Regierung bereits energisch zu Leihe. Die jüdische Bevölkerung von Foodosia wandte sich am 3. Mai an den Jnstizminister KerenM mit dem Gesuch, die früher gegen Inden erhobenen' Anklagen wegen Kriegssp-i-ona-ge niederzuschlagen. Aus Anorönnng Kerenskis wurde auch das Kriegsgericht in Kiew beauftragt, das gesäurte Akten« material des Beilis-Prozesses zur Revision nach Petersburg eiuzusenden. Unter den neuen Verhältnissen, die der Meinungsäußerung volle Freiheit gaben, äußert sich die zionistische Bewegung, die bisher in Rußland nur in der Stille ihre Anhänger sammeln, aber niemals öffentlich hervortreteu konnte, mit besonderelli Nachdruck. Vom 7. M ai ab w urde in Petersburg. ei n allru ssischer Zionistenkongreß abgehalten. Bereits früher ist gemeldet worden, daß die Zionisten auf einer Tagung in Odessa die Errichtung eines autonomen jüdischen Staates in Palästina sorderten. Diese Forderung steht mit der bekannten KriegszielerWrung Wilsons in einem unleugbaren- Zusammenhang. Eine Reihe gegenwärtig von Lon-dml ausgehender Nachrichten über drohende schwere Judenversolgungen in Palästina wird aber daneben mit dem offenbaren Zweck in die Welt gesetzt, umdie Leiden schäften der jüdischen Bevölkerung Rußlands in einem Maße zu erhitzen, das einer vernünftigen Ordnung des PalästinaProblems während des noch herrschenden Kriegszustandes nicht förderlich sein kann. Es ist verständlich, daß die Zionisten bestrebt sind, aus dem Kriegszustandzu gewinnen und ihr Ideal der Errichtung -eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina rasch und stark zu verwirklichen. Ob die Lage der in Palästina wohnenden Juden durch eine so offen türken feindliche H>altungi und durch ein so kritikloses Eingehen aus die englische Kriegshetze erleichtert wird, ist freilich die Frage. Noch sind im Innern Rußlands, besonders in den südlichen Gouvernements, die Gefahren einer Gegenrevolution nicht völlig überwunden. Nach der Ansicht von Kennern der dortigen' Verhältnisse können dieie Gefahren in jedem- Augenblick einsetzen, wo reaktionäre Kräfte zu -einer Hetze gegen die Juden auffiordern. Es ergibt sich daraus die Forderung einer vorsichtigen, äußeren Zurückhaltung des jüdischen Elements in gewissen Fragen der innerrussischen Politik. Und aus frcm ganz anderen Gebiete der äußeren Politik könnte ein- -ossener, agitatorischer Anschluß der jüdischen Elemente an die ertremen Kriegsziele der Feinde Deutschlands den allgemeinen Interessen der Juden beiden Mittelmächten und im Königreich Polen nicht, förderlich sein. * Ueber die Stellung, welche die Zionisten der russischen Revolutionsbewegung gegenüber einnehmen, belehrt in eigenartiger Weise nachstehender Bericht, den wir einer Züricher Zeitung entnehmen: Eine von über 500 Personen besuchte jüdische Volksversammlung iur Volkshaus Zürich faßte eine Sympathieresolution für die Revolution in Rußland und betonte darin die Erwartung, daß die russische Judenheit sich nicht allein mit der errungenen bürgerlichen Gleichberechtigung begnügen, sondern daß sie auch die nationalen Rechte fordern und erlangen werde. Sie erachtet als notwendig, die zionistische Idee, welche die endgültige Lösung der Judenfrage nur in der Schaffung eines nationalen Heims in Palästina sehe und -erstrebe, in diesem historischen Moment um so energischer nach innen und nach außen zu propagieren, ein Netz von zionistischen Preßbureaus in verschiedenen, besonders aber in den neutralen Ländern zu schaffen, um die öffentliche Meinung über das wahre Wesen der Judenfrage zu unterrichten und Sympathien für die zionistische Lösung derselben zu gewinnen. * Zur Lage der Juden in Palästina haben wir in den „Letzten Nachrichten" der vorigen Nummer einen ausführlichen Bericht gebracht. Zur Ergänzung dieser Mitteilung ist auf eine bemerkenswerte Schilderung hinzuweisen, welche das „Berliner Tageblatt" den Berichten eines höheren Offiziers entnimmt. Aus diesen Berichten ist die nachstehende Stelle anzusühren: Auf meine Frage, ob die Ententemeldung von einer Vertreibung der Juden aus Palästina irgendwie den Tatsachen entspreche, erwiderte mein Gewährsmann.- „Ich kann aufs bestimmteste versichern, daß nur Jaffa sowie die nähere Umgebung von dem Räumungsbefehl betroffen wurde. Alle Meldungen über eine angebliche Räumung von Jerusalem, Kinereth und anderen Orten sind unwahr. Die Räumung Jaffas erfolgte aus militärischen Gründen, wie seinerzeit die Räumung Gazas, die den türkischen Sieg sehr erleichterte. Die Heeresleitung mußte mit der Möglichkeit einer Beschießung Jaffas und einem Landungsversuch rechnen. Daß eine -derartige Räumung zugleich den Interessen der Bevölkerung entspricht, beweist die jüngst erfolgte Heimsuchung von Ramleh, zwischen Jaffa und Jerusalem, durch feindliche Flieger, wobei fünfzig Einwohner getötet oder verwundet wurden." * Als Ergänzung dazu mag aus demselben Blatte die folgende kurze Notiz hinzugefügt werden: Der Oberrabbiner in Rotterdam erhielt vom Rabbiner in Jerusalem ein Telegramm, demzufolge die Havas-Meldung bezüglich der Judenverfolgung in Palästina falsch ist. Das Telegramm. lobt die wohlwollende Haltung des türkischen Oberbefehlshabers gegenüber der jüdischen Bevölkerung. * In den früheren Nummern haben wir eine Anzahl Berichte gebracht über die Art und Weise, in der das Pessachfest in verschiedenen Teilen der verbündeten Armeen gefeiert worden ist: wir freuen uns, hier ein Stimmungsbild über die Feier des Wochenfestes abzudrucken, die unser Mitarbeiter Dr. W. C. uns übersandt hat, der, selbst seit langer Zeit im Felde, am besten in der Lage ist, die weihevolle Stimmung zu beschreiben, die unsere kämpfenden Glaubensgenossen erfüllt. Der Bericht lautet folgendermaßen: Ein Feldgottesdienst am Wochen fest! Heiß schien' die Maisonne auf den Kreideboden herab, als wir uns dazu rüsteten, um den Marsch zu der Stelle anzutreten, an der. wir gemeinsam mit dem Feldrabbiner eine Stunde im Gebete verharren wollten. Ist der Gottesdienst im Felde doch die einzige Gelegenheit zur inneren Einkehr, zur stillen Sammlung, und deshalb bedeutet er für uns stets ein Ereignis, auf das wir uns von Herzen freuen! Der Glaube der Väter hat in vielen Seelen feldgrauer Juden aufs neue Boden geschlagen und reiche Früchte getragen. Von allen Seiten strömten die Kameraden herbei, und unter freiem Himmel an dem Dorfkirchlein neben dem Soldatenfriedhof beteten wir die alten Gebete! Für viele schließt sich nun zum dritten Male der Kreis der im Felde verbrachten hohen Feiertage. Lange ist es her, daß wir in heimischer Synagoge im Feftgewand unsere Gebete an den Allmächtigen richteten. Nun standen wir vereint im feldgrauen Rock, bestaubt von dem Anmarschwege, die Gedanken in der Heimat, bei den Lieben dort! Aufnahmefähige Seelen findet der Rabbiner, wenn er im Anschluß an das Gebet sich an seine Gemeinde wendet! Und die Worte formen sich leicht! Und welche besondere Bedeutung gewinnt hier draußen der Priestersegen mit seinen ergreifenden Schlußworten! Wer da lesen könnte in den Gesichtern der Kameraden, in den alten der Landsturmleute odör in den jungen des frischen Ersatzes! Man ist schweigsam geworden im Felde, und man teilt fick nur selten mit! Aber allen merkt man es beim Gottesdienst an, daß sie hier stumme Aussprache mit ihrem Schöpfer halten und zur inneren Klarheit sich durchzuringen suchen!