Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
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Durchbruchsversuch zu wagen. Das Ende eines solchen Angriffs, hoffentlich des letzten in diesem fürchterlichen Kriege, wird sein, wie wir sicher erwarten, daß die Gegner sich verbluten und endlich erkennen, daß es mit ihrer Anstrengung zu Ende geht/ Aber bis dahin gilt es, noch große blutige Opfer zu bringen, um endlich zum Frieden zu gelangen. Von Luftkämpfen und der außerordentlich großen Beute unserer U-Boote wird vieles Erfolgreiche gemeldet. Bei diesen geradezu erstaunlichen und gar nicht genug zu rühmenden Leistungen unserer wackeren Schiffe ist es ein vaterländisches Unternehmen ersten Ranges, daß manche größere Berliner Gemeinden sich entschlossen haben, U-Boot-Opfertage einzurichten, und daß ein großes Komitee sich gebildet hat, das bereit ist, bedeutende Geldmittel den unerschrockenen todesmutigen Kämpfern und, wenn es not tut, ihren Hinterbliebenen zuzuführen. Diese U-Boot-Spendc darf gewiß die größte allseitige Teilnahme erwarten, und auch wir richten gern an dieser Stelle einen Appell an unsere Glaubensgenossen, zu dieser Spende beizutragen, reichlich und bald zu geben, um, soviel an uns liegt, diesen heroischen Männern unseren schwachen Dank abzustatten. Während überall Krieg herrscht, rüsten sich die Sozialisten aller Länder zu der großen Zusammenkunft in Stockholm, um über den Frieden zu beraten. Sie handeln zwar nicht im Namen der Regierungen und der Völker und sind auch untereinander keineswegs so einig, daß aus dieser Beratung etwas Endgültiges erfolgen kann. Immerhin ist als erfreuliches Ereignis zu verzeichnen, daß sich auf diesem Kongreß, wie es scheint, die Sozialisten aller Länder zusammenfinden und daß dadurch eine gewisse internationale Verbindung hergestellt werden kann, an der es seit Jahren fehlt. Man mag jedenfalls den Grundsatz froh begrüßen, der dort ausgesprochen wird, daß keinerlei Annektionen irgendeines Staates gewünscht werden, obgleich die einzelnen Pläne, die laut werden, soweit sie sich auf die von den Deutschen und ihren Verbündeten besetzten Länder und Landesteile beziehen, wohl schwerlich die Zustimmung der Deutschen erhalten können. Aber jede Regung, die uns dem Frieden näherzubringen geeignet ist, ist froh zu begrüßen. Zu dieser Versammlung der Sozialisten erhalten >vir eine Zuschrift des Herrn Rabbiner Benno Gottschalk in Könitz, der wir an dieser Stelle Raum geben, wenn wir uns auch nicht völlig mit den darin geäußerten Ansichten einverstanden erklären können. Die Zuschrift lautet: Wo bleiben die Religionen? Nur wenige Tage noch, und das bedeutsamste Ereignis seit Kriegsausbruch wird sich vollziehen: eine Friedenskonferenz. Alle Länder, alle Sprachen, alle Gegner werden vertreten sein - aber nur ein einziger Stand, und gerade der Stand wird es sein, den man als religionslos zu bezeichnen gewohnt ist. Darf das, muß das, soll das so bleiben? Ich sage nein! Ich frage vor allem: wo bleiben die Religionen? Weshalb stehen sie ruhig zur Seite? Weshalb nützen sie die Stunde nicht und berufen auch ihrerseits eine Friedenskonferenz — alle Religionen, ans allen Ländern? Nichts würde die Stellung der Religion so sehr stärken, nichts vielleicht auch dem Frieden so nützen wie eine derartige Konferenz. Die Sache des Friedens ist Sache der Menschheit — die Sache der Menschheit die der Religion — die Sache der Religion aber eine Sache des Mutes. Sie muß es wagen hinauszurufen: Die Waffen nieder! Es muß ein Ende haben mit dem Zerfleischen! Wir wollen uns verständigen! Wir wollen den Frieden! Religionen aller Länder vereinigt euch! * Während im Deutschen Reiche Verfassungsänderungen, Bestrebungen zu einer freieren Gestaltung vom Parlamente ausgehen, aber bisher nur zu Vorschlägen gediehen sind, denen von seiten einer starken Partei ein ungeheurer Widerstand geleistet wird, und die auch von den bestimmenden Regierungskreisen nicht vollständige Anerkennung zu finden scheinen, bereitet sich in Oesterreich-Ungarn von oben her durch die Entschließung des neuen Kaisers eine friedliche Umwälzung vor. Die Rede, mit der das Parlament eröffnet worden ist, muß als ein wichtiges Aktenstück dieser neuen Aera bezeichnet werden. Wird in ihr auch nicht ausdrücklich die ganze und volle Gleichstellung der Juden mit den Bekennern anderer Konfessionen verheißen, so läßt die Gesinnung, die das ganze Aktenstück durchzieht, hoffen, daß dort alle Beschränkungen, die etwa noch existieren, vernichtet und auch die volle Freiheit in religiöser Beziehung gewährt werde. * Leider ist ein solcher Zustand der Gleichheit noch nicht in allen Ländern zu begrüßen. Ja, in manchen Ländern sieht es traurig genug aus. Ueber die rumänischen Zustände schreibt uns Dr. H. Natanson aus dem Gefangenenlager von Holzminden folgendes: Die rumänische Regierung und ihre Vertreter in Europa haben nicht aufgehört, in schamloser Weise dieselbe Politik zu betreiben, die ihr in Friedenszeiten gerecht erschien. Nachdem die rumänischen Gefangenen monatelang ohne jede Hilfe von seiten der Regierung schwer zu leiden hatten, wurden in Kopenhagen, Bern, Haag und Paris von den Gesandten Rumäniens Hilfskomitees gegründet, die von etwa 700 Personen nur an 30 bis 50 Geld und Lebensmittel neuerdings senden, die Namen mit der Endung „eseu" tragen. Die übrigen sollen zugrunde gehen, obgleich sie in Rumänien zum größten Teil ihre drei Jahre gedient haben und hier das Schicksal aller Gefangenen erleiden. * Daß auch in Rußland trotz der durch die Revolution geschaffenen neuen Situation die Verhältnisse der Juden keineswegs gesichert sind, war jedem Einsichtigen klar. Eine sehr bemerkenswerte Ausführung über diesen Gegenstand bringt die „Frankfurter Zeitung" in folgendem Artikel: D i e n e » c L n g e b e r I it d c n i n Rnßla u b. Stock h o I nt, Mitte Mai. Die mehr als vier Millionen umfassende jüdische Bevölkerung Rußlands ist eifrig tätig, ihre dtirch die Gleichstellung aller Völkerschaften Rußlands gewonnenen neuen Rechte ztir Geltung zu bringen. Mehrere jüdische Blätter des neutralen Auslandes haben in der letzten Zeit Ursache gehabt, ans gewisse von englischer Seite ausgehende Verdächtigungen gegen die loyale Haltnng der jüdischen Bevölkerung Rußlands hinzuweisen. Man macht in England den Juden den Vorwurf, daß sie in ihrer Mehrheit mit der sogenannten jakobinischen Gruppe gegen die Tnmaregiernng austreten. Durch den weitaus übertriebenen Vorwurf sucht man ihre Haltung in einem Sinne sestznlegen, der England restlos befriedigen würde. Die jüdischen Einwohner Rußlands sind über sehr verschiedene Gegenden verteilt und leben unter ziemlich ungleichen äußeren Bedingungen/ Es ist klar, daß von einer einheitlichen Haltnng des russischen Jndentu-ms in den innerpolitischen und auch außerpolitischeit Fragen Rußlands nicht die Rede sein kann. Die voin Arbeiterrat in ntanchen Stücken heftig bekämpfte zeitiÄilige Regierung hat im übrigen von Art fang an die ausdrückliche und vorbehaltlose Unterstützung der einflußreichsten jüdischen Kreise Ruß- . lands gefunden. Bekanntlich baut sie gerade ans diese Tatsache eine *' gegen früher wesentlich geänderte stärkere Hoffnung auf finanzielle Hilfe ans Amerika, wo bekanntlich die Stimmung gewisser Kreise der Hochfinanz eine Rolle spielt. In Petersburg stellten jüdische Finanzkreise aus Freude über den großen befreienden Akt vorn 6. April ein Kapital, von einer Million Riebel zum Ban eines „Tempels der Gleichheit" zur Verfügung, der als ein Haus der