Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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lichen Selbstsucht aus zahllosen Seelen herausgeschmolzen. Gleichwohl ist der leuchtende Spruch: Salus reipublicae suprema lex esto den Oesterreichern nicht so in Fleisch und Blut übergegangen wie den Bewohnern des verbündeten Deutschen Reiches. Ist es nicht eine Schmach und Schande sondergleichen, daß in einer Zeit, in der alle Bürger ohne Unterschied der Weltanschauung und des Glaubensbekenntnisses in edlem Wetteifer Gut und Blut freudig und begeistert auf dem Altäre des Vaterlandes opfern, so viele ihre felsenfeste Treue und Hingebung an Kaiser und Reich mit denr Verluste ihrer Habe, einem beispiellosen steinerweichenden Martyrium der schicksalschweren Verschickung in das berüchtigte Reich der toten Seelen und der Judenpogrome, in das Schreckensgebiet von Sibirien besiegeln, eine Partei einen bestimmenden Einfluß auf den Staat, das Land Niederösterreich und die Reichshauptstadt ausübt, die den traurigen Mut hat, sich christlich-sozial zu nennen? Eine Partei, die sich einer christlich-sozialen Gesinnung rühmt, ist antisozial oder, besser gesagt asozial, denn sie schließt weite Kreise und Schichten der Bevölkerung von ihrer sozialen Betätigung aus, verhängt ein Anathema über sie, erniedrigt sie zu Menschen zweiter Klasse, sie ist haßerfüllt und streut eine giftige Saat des Hasses aus. Ihr Vorgehen zeugt aber auch von einem großen, nicht wieder gut zu machenden Mangel an Patriotismus; denn es ist entschieden unpatriotisch, es ist geradezu Landesverrat und Hochverrat an der vom Kaiser beschworenen Verfassung und seinem wiederholt und eindringlich mit lebhaftester Wärme bekundeten hochherzigen Wohlwollen gegen alle seine Untertanen, im Trüben zu fischen, dem sacro egoismo zu frönen, das Interesse einer künstlich durch Terrorismus, Wahlschwindel und sonstige demagogische Mittel aller Art hergestellten Majorität über das Lebensinteresse der Gesamtheit zu setzen. Brauchen wir erst zu beweisen, daß der Gemeinderat der tonangebenden Stadt, zumal in Zeiten, wo der Staat und das Vaterland auf dem Spiele stehen und einen Kampf um Tod und Leben auszufechten haben, um mit dem Dichter auszurusen: „Seid umschlungen Millionen!", alle Bewohner der seiner Obhut anvertrauten Stadt und sämtliche Flüchtlinge, die, der Not gehorchend, sich in ihr ein Stelldichein gegeben haben, mit gleicher Liebe umfassen und behandeln, über schnöde Vorurteile erhaben sein, sich der Unparteilichkeit befleißigen müßte? Der Gemeinderat von Wien ist, da er sich in seiner erdrückenden Mehrheit zu den Grundsätzen der Christlich-Sozialen Partei bekennt, natürlich weit davon entfernt. Damit hat er den Anspruch auf die Würde eines Gemeinderats, welches Wort die Gleichheit aller Bürger in sich schließt, verwirkt. Männer, die eine Todsünde gegen den Heiligen Geist, gegen Gott begehen, der sich uns jetzt im Sturm der Weltgeschichte so gewaltig offenbart, in jedem von uns lebt und uns Kraft und Mut und Stärke verleiht, eignen sich zu allem eher als zu Vätern der Reichshaupt- und Residenzstadt. Es mutet uns wie ein Anachronimus an, daß Wien in unseren bewegten Tagen, wo Einheit und Zusammenschluß mehr denn je nottut, von einem überwiegend aus den christlichen Sozialismus eingeschworenen Gemeinderat betreut wird. In Variierung eines bekannten Spruches möchte ich sagen, daß jede Genreinde die Väter hat, die sie verdient . . . Man spricht allerorten und auch in Oesterreich viel von den Problemen, die nach dem Kriege zu lösen sein werden. Man tut wohl daran. ' Man darf die Dinge nicht an sich herankommen lassen, sondern muß ihnen früher ins Auge sehen, sich rechtzeitig für sie vorbereiten, wohlgewappnet den Frieden in die Wege zu leiten suchen. Es ist die Pflicht der Staatsmänner und Politiker, es dem Prouretheus, nicht dem Epimetheus gleichzutun. Sonst könnte sich an ihnen leicht das Wort erproben: „Durch Schaden wird der Tor klug." Es liegt aber auf der Hand, daß in Oesterreich die conditio sine qua non eines Neuaufbaues und einer Wiedergeburt, die Ausrodung des unduldsamen,zersetzenden, jede fteieRegung erstickenden christlichen Sozialismus bildet. Die neue Zeit wird Probleme aufrollen, deren Lösung das einheitliche, geschlossene Zusammenwirken alles Gutgesinnten und Leistungsfähigen heischt. Das schöne Wort des vorausschauenden und vom Geiste echter, wahrer Sittlichkeit getragenen Reichskanzlers v- B e t h m a n n H o l - weg: „Freie Bahn allen Tüchtigen!" und die markigen Worte des bayerischen Kriegsministers v. H e l l i n g r a t h, der am 22. Februar im Finanzausschuß des Landtags die mannhafte Erklärung abgab: „Ich kenne im Heere keine Christen und keine Juden, ich kenne nur Soldaten, ebenso wie ich nur Staatsbürger kenne und keine Parteiangehörige. Die angeordnete Statistik nach Konfessionen hat leider eine Wirkung hervorgerufen, die sie nicht haben sollte", müsien auch in Oesterreich, in dessen Metropole jüngst zwei altbewährte arische Lehrer anläßlich ihrer Bewerbung um erledigte Direktorstellen wegen ihrer in Wort und Tat erprobten liberalen Gesinnung zugunsten bedeutend jüngerer, aber strammer Parteigänger übergangen wurden, einen kräftigen, lebhaften Widerhall finden, wenn ein Jungösterreich erstehen soll. Wenn es wahr ist, daß ein Staat sich nur dann konsolidieren und neue Schößlinge treiben kann, wenn er keine Lebensanschauung und Konfession, sondern nur Menschen und Pflichterfüllung kennt und würdigt, dann muß die Religion nur als Vorwand für die Behauptung ihrer Herrschaft benutzende, die Moral zum Handel und den Kandel zur Moral machende Christlich-Soziale Partei, die ihre Waffen dem Arsenal der Jesuiten entnimmt und die Totengräberin der Werte schassenden und von innen, organisch entfaltenden Kultur ist, in der Versenkung verschwunden sein. Der Inbegriff der Weisheit ist die Liebe; die werktätige Nächstenliebe ist die unbedingte Voraussetzung für die Renaissance des Individuums, der Gesellschaft sind des Staates, ln hoc signo, in dem Zeichen des Ethos, das nichts zu tun hat mit einer platten, alltäglichen Ethik, sondern aus dem Dornenwege der Erkenntnis gewonnen und errungen ist, wird das Oesterreich der Zukunft erstarken und erhöht werden. Der christliche Sozialismus hat nur in einem einzigen Sinne Berechtigung: man gebe jedermann Gelegenheit, in verantwortlicher Weise zum Wohle des ganzen Volkes mitznwirken, besten Glied er ist und sein will; man spreche sich für völlige rechtliche und praktische Gleichstellung sämtlicher Staatsbürger ohne Unterschied aus, man gönne ihnen den ihnen als Menschen zukommenden Platz an der Sonne, kurz und gut, man übe das Christentum mit heiliger Bekenntnistreue aus: dann wird die Folge die gegenseitige Achtung für den Glauben anderer und die heilsame gemeinschaftliche Arbeit zum Segen des Vaterlandes sein! Sie Woche. Berlin, den 5. Juni 1917. aum sind die ungeheuren Schlachten in Frankreich und an der italienischen Grenze abgeflaut, die den Feinden ungeheure Verluste, aber nur geringen Gewinn gebracht hatten, so verlautet schon wieder, daß für den Sommer eine allgemeine Offensive aller wider uns verbündeten europäischen Feinde geplant sei und daß zur Unterstützung dieses Angriffe die Sendung eines großen amerikanischen Heeres bevorstehe. Ob dieses Gerücht aus Wahrheit beruht oder ob es etwa ein Schachzug unserer Gegner ist, vermag , man nicht zu sagen: nur hoffen wir zuversichtlich, daß es deutscher Wachsamkeit gelingen wird, wie bisher die Pläne der Feinde. zu durchkreuzen und mit heroischer Tapferkeit überall da kräftig zn widerstehen, wo es den Feinden belieben wird, einen neuen