Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-08 · Heft 23 (8.6.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229309--73160-3285626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

81. Jahrgang Nr. 23 Allgemeine Berlin» 8. Juni 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint rvSchenlUch. A bonnements»pre1s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Phittppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk vilosse» Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. fftlhflit*’ 2)08 Problem aller Probleme für Oesterreich. Von I. B. juu* Münz (Wien). — Die Woche. — Zu Moses Mendelssohn. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. — Jüdische Musiker in der Schweriner Dofkapelle (1773 bis 1912). Von Landesrabbiner Tr. S il der stein. - Zur Lage des jüdischen Viehhandels. Von Dr. S. Pincus (Aachen). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Pon Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Dev Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Breslau, Hamburg, Oldenburg, Elberfeld, Nürnberg, Bruchsal, Wien. — Von Nah und Fern. Das Problem aller Probleme für Letterreich. Von Q. B. M ü n z (Wien). ehe, dreimal wehe jenen, die den Krieg aller Kriege frevelhaft heraufbefchworen haben. Aber wie alle Untat sich auf Erden rächt, so haben sich die satanischen Mächte, die unter dem heuchlerischen Vorwände der Kultur und Zivilisation das Deutsche Reich an allen Ecken und Enden in Brand zu stecken, es zu zerschmettern und zu vernichten gedachten, furchtbar verrechnet, sie haben sich als ein Teil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, bewährt. Ihr Fluch hat sich in Segen verwandelt. Gewiß, sie haben dem deutschen Volke unermeßliche Opfer aufgezwungen, aber der große Moment fand kein kleines Geschlecht. Die Deutschen der Gegenwart sind beileibe keine Epigonen ihrer klassischen Denker und Dichter und Männer der Tat. Was sie ererbt von ihren Vätern, erwarben sie, um es zu besitzen, vertieften es und schufen Neues dazu. Durch Ströme von Blut waten sie bewunderungswürdig empor zum Ziel, zu der Höhe des Sieges. Sie haben umgelernt, sich auf sich selbst besonnen, Einkehr in sich gehalten. Der Krieg ist ihnen zum Lehrer und zum Erzieher geworden. Er hat das Staatsbewußtsein, das unter dem Klappern der Mühle des Alltags unbewußt geworden war, neu belebt und beflügelt. Volk und Heer, Volk und Staat sind eins. Das politische Leben war zerklüftet, zersplittert und durch egoistische Machtgelüste verzerrt, es war mit einem Worte nichts als engherziges, klägliches Parteileben, an dem ein Aristvphanes sein Mütchen gekühlt hätte. Da kam der Weltkrieg, und mit einem Schlage verschwanden die Gedanken an die Partei und wurden durch den Gedanken an das große Ganze, den Staat verdrängt. Kaiser Wilhelm hat die eherne Zeit richtig gedeutet und seinem sich um ihn scharenden Volke aus der Seele gesprochen, als er mit Emphase die begeisterten und begeisternden Worte sprach: „Ich kenne nur Deutsche und keine Parteien." Sehr schön läßt sich Theobald Ziegler in einer kleinen Kriegsschrist vernehmen: „Wie ein Märchen ans uralten Zeiten klingt es, wenn einmal ausnahmsweise in einer Zeitung das alte Parteilied auch nur von weitem angestimmt, das alte Parteielend auch nur leise angetippt wird. Im Gedanken an den Staat sind wir heute alle einig geworden und hinweggehoben über alles politische und alles kirchliche Parteiwesen. Die Partei ist so klein, so nebensächlich geworden, und der Staat steht auf einmal so groß da in der deutschen Welt, an die Stelle des engen Parteibekenntnisses ist der Glaube an den allumfassenden Staat getreten." Und ein treuer Mahner seines Volkes, fügt er hinzu: „Und da werden wir alle, alle dafür zu sorgen haben, daß diese Errungenschaft nicht mehr verschwindet, daß die Parteien — natürlich nicht aushören, aber daß sie sich ganz anders als bisher bewußt bleiben, daß das politische Leben nicht lim eine Partei und ein Parteiprogramm, sondern um den Staat zu kreisen hat, und daß die Partei in allen Lebensfragen des Staates verschwinden kann und verschwinden muß, wie sie jetzt vor dem Staatsgedanken verschwunden ist. Wer künftig noch nur und in erster Linie Parteimensch ist, an dein ist die große Zeit spurlos vorbeigegangen, der ist ein schlecht Erzogener und hat sich durch den Krieg nicht zum Politiker, zum Staatsmenschen erziehen lassen. Und auch insofern verschwindet der Parteimann, als die Unduldsamkeit der einen gegen die andere und gegen alle übrigen Parteien anfhört: zuerst kommt, daß wir deutsche Staatsbürger, und dann noch lange nicht, daß wir Konservative oder Sozialdemokraten sind. Hand in Hand mit der politischen geht die sittliche Erziehung. Die Not der Zeit hat die Deutschen einander nähergebrachi, sie zu einer großen Familie zusammengekittet, die Unterordnung der Einzelinteressen unter die der Gesamtheit gezeitigt. Sie hat sie gelehrt, sozial zu denken und zu fühlen und zu handeln. Vor dem Krieg war Deutschland von Klassenkämpfen und Klassengegensätzen und, als ob es daran noch nicht genug gehabt hätte, von konfessionellen und Rassengegensützen erfüllt und aufgewühlt. Diese Gegensätze haben angesichts des Umstandes, daß das Heiligste und Teuerste, das Vaterland, in seinem Bestände und seiner Entwicklungssreiheit bedroht ist, im ganzen und großen und im Prinzip wenigstens einem Burgfrieden Platz gemacht. Der leidige egozentrische Standpunkt ist im allgemeinen von der Bildfläche verschwunden, lind die Losung: „Einer für alle und alle für einen" ist Gemeingut geworden. Die Behörden haben dem Gemeinsinn, der unzählige schöne, herzerhebcnde Knospen trieb, wirksam nachgeholfen. Ein Beispiel sei für viele angeführt. Eigenbrödlerische Zeitungen, wie die sattsam bekannte „Staatsbürger-Zeitung", wurden militärisch unterdrückt. Genuß hat sich auch in Oesterreich unendlich viel soziale Gesinnung, hingebungsvolle Opfersreudigkeit lind Selbstüberwindung gezeigt. Der Weltbrand hat auch in der Donaumonarchie wie ein Rcinignngsfener gelvirkt, wie mit einem eisernen Kehrbesen viele häßliche, nnergnickliche Erscheinungen vom Erdboden hinweggefegt, die Schlacken der erbärm-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.