Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-01 · Heft 22 (1.6.1917) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 22 (1.6.1917)
Date
1917-06-01
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229308--73153-3285618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„£>u kannst dir das nicht denken, Benno?" „Daß ich eine Christin liebte? Nein! Auf Wort nicht! Aber darüber können ja Menschen verschiedener Ansicht sein. Das schließt nicht aus, daß du doch aus innerstem Herzen, intuitiv und ohne es zu wissen, zionistisch fühlst und denkst." Jetzt lache ich auf. „Oh, Benno, du bist zäh. Eins will ich dir zugeben. Wäre mir der Zionismus mit all seinen Verlockungen und Verheißungen auf seelische und materielle Befreiung 20 Jahre früher begegnet, ich gestehe es, ich hätte ihm nicht widerstehen können. Mit aller Inbrunst wär' ich ihm gefolgt." „Und heute?" »Heute? Ach, Benno, heute bin ich leider zu alt, um an herrliche Wunder zu glauben. Mir erscheint das alles doch zu guter Letzt wie eine schöne Utopie. Ich sehe keine praktischen Möglichkeiten." »Ich gebe dich nicht auf, Tante Trude!" Ich bin Benno dankbar, daß er mir so warm ergeben bleibt und mir auch weiter sein Vertrauen schenkt, trotzdem ich doch in dem, was ihm das Wichtigste auf Erden scheint, nicht mit ihm gehen kann. Seine Schwestern tun es mit ihrer ganzen jugendlich-schwärmerischen Lebhaftigkeit. Es kostet immer einen Kamps — Gott sei Dank, einen, in dem ich noch siege —, bis Großmama erlaubt, daß sie mit Benno abends mitgehen in die Sitzungen des Jugendbundes. Ich finde, er tritt da nicht eifrig genug für die Mädchen ein. Ich weiß nicht, warum er die zwei netten Schwestern, mit denen er doch wirklich Staat machen könnte, ebensogern zu Hause läßt. Bruderegoismus! Wenn das Parteiprogramm auch „gleiche Rechte für Männer und Frauen" vorschreibt — als Kind seiner Zeit würde er sich auch vor sich selber schämen, es auszusprechen, aber insgeheim denkt er wie Großmama: „Was braucht en jung Mädchen in 'ne Versammlung zu gehen? Das is was for Männer!" Ich soll natürlich hinkommen, ich bin Publikum, eine Seele, die gerettet werden soll. Heute früh traf ich Rosa. „Nun, wie war es gestern abend im Verein?" „Ach, Tante Trude, ich sage dir, einfach himmlisch." „Hat der Redner so gut gesprochen?" „Der Redner — ach Gott, ich weiß nicht so recht, er war ein bißchen langweilig." „Ich denke, es war so schön?" „Oooh," himmelt sie — „ich sage dir, gleich nach dem Vortrag wurde es entzückend." Ich fange an zu begreifen, daß Benno seiner Schwester glühende zionistische Begeisterung etwas kühl aufnimmt. * „Tante Trude, eben habe ich etwas Famoses erlebt." Ich auch, jubelt es in mir. Du bist endlich, endlich einmal wieder da, und das ist mein Erlebnis. „Wollen Sie denn gar nicht hören, was?" „Doch, natürlich, Günther," beeile ich mich zu sagen. Jetzt erst ertappe ich mich dabei, daß ich ihn ganz traumverloren angekächelt habe, daß ich mich völlig zerstreut ganz in den Anblick seiner freudigen Frische vertieft hatte. Ist es denn möglich? Manchmal ist es mir doch, als seien es nur seine roten, blühend jungen Wangen, die mein Herz lachen machen, daß es wieder jung und fröhlich ist und nichts mehr weiß von seinem Alter und seiner Trauer. Und sonderbar, gerade dann fühle ich mich im Einklang mit Vater und habe so gar nicht das Gefühl, als sei ich ihm untreu. Schlüpft mir das Herz auch nicht durch die offenen Augentürchen, klingt kein Jubelton zu dem arglosen Knaben da hinüber? Schnell die Deckel schließen! — Ich schaue aus meine Fußspitzen nieder, ich suche, sogar die Lippen aufeinander zu pressen, sie sollen nicht so glückselig, so verräterisch lächeln. Jetzt geht er rasch im Zimmer aus und ab, wie immer, wenn ihn etwas freudig erregt. „Das war eine seine Sache. Wenn es bloß immer so ginge! Der Kerl hat mir wahrhaftig imponiert; denken Sie, Tante Trude, wie ich eben in der Elektrischen sitze — die ganze Bahn ist voll, neben mir sitzt ein Leutnant — schneidiger Kerl, — mit dem Eisernen Kreuz erster — mir schräg gegenüber ein paar sogenannte bessere Damen in riesengroßen Federhüten, die heulen und jammern sich gegenseitig etwas von den Schrecken des Krieges vor." „Die großen Federhüte wären ja nicht nötig in dieser Zeit," falle ich leise ein. „Ja, nicht wahr? Schandbar! Schon dafür sollte man das Weibsvolk verprügeln. Aber es kommt noch besser. Auf einmal sagt die eine: „Ist Ihr Sohn denn genommen?" Darauf die andere: „Nein, Gott sei tausend Dank, nicht!" Ich werfe der dummen Person einen Brandblick zu, aber mein Leutnant begnügt sich damit nicht, springt auf, und klapp — hat das Weib eine unter ihrem Federhut sitzen. Gott sei Dank aber eine feste. Den Schutzmann, den- Aber, was haben Sie denn? Sie haben ja eben ausgeschrien, als ob Sie-" „Ja, so ist mir auch zumute", sage ich mit zornigen Tränen, „als ob ich selbst einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte. Ich bin entsetzt über Ihren Leutnant und seine Roheit. Die Art Tapferkeit imponiert mir äußerst wenig, eine Dame ins Gesicht zu schlagen. Pfui, wenn solche Sitten einreißen!" Er sieht mich starr an. „Ja, hören Sie mal," sagt er zögernd, ganz betreten, „billigen denn Sie, daß die Frau das gesagt hat?" „Nein! Man kann sich heutzutage in acht nehmen und die etwaigen nachteiligen Folgen seiner Worte bedenken. Man soll nicht kleinmütige Gefühle, die ansteckend wirken und vielleicht bei anderen größere und dem Vaterland nützlichere dämpfen können, öffentlich äußern —" „Aber denken darf man so?" Sein Ton ist fast brutal. Auf einmal zittert all die Angst, die ich um Günther habe — morgen müssen sich alle D. U.er stellen —, in meinem Ton mit. Ich spreche leise, verhalten, damit meine große Erregung nicht herausklagt: „Lieber Günther, man soll dem Vaterlande alles opfern, was man hat, selbstverständlich — man wird ja auch gar nicht gefragt, man muß es ja —" „Daher der Name: freiwilliges Opfer", fällt er höhnisch ein. „Aber für Gefühle." ich zucke die Achseln, ich prüfe mich eben, ob es mir je möglich sein würde, Günther zuliebe ihm vorzulügen, daß es mich freuen würde, wenn er ausgemustert würde.und in mir schreit es gebieterisch „nein" — „kann man nichts," fahre ich fort. „Mir erscheint cs beinahe wie Ueberlebensgröße, wenn eine Mutter sagt, daß sie ihren Sohn gern hingibt. Es mag ja so etwas geben —" „Ja, Tante Trude, es gibt so etwas," sagt er wieder mit höhnischer Schärfe. „Aber ich könnte so groß nicht sein, wenn z. B. —" „Nun, wenn z. B.-" „Wenn ich eine Mutter wäre," falle ich schnell ein. Nein, nein, von meiner Todesangst um ihn soll er nichts wissen. Er geht jetzt mit harten Schritten hin und her, nachdenklich und mürrisch. „Wissen Sie schon, daß der zweite Sohn von Pastor Meißels, der Referendar, nun auch gefallen ist?" „Großer Gott im Himmel!" (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.