Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 262 —- ihren Persönlichen Verkehr mit den Soldaten, Liebesgaben, Spitalsbesuch, Beerdigung und Matrikelführung. Zuletzt wurde noch die Resolution gefaßt: „Die erste Konferenz der Feldrabbiner der Jsonzoarmee wendet sich an das AOK. mit der Bitte, ehestens eine Konferenz der Feldrabbiner der gesamten österreichisch-ungarischen Heeresmacht nach Wien einberufen zu wollen. Ihrem verehrten Armeekommandanten, Sr. Exzellenz dem Herrn Generaloberst v. Boroevic, hat die Konferenz eine Huldigungsdepesche geschickt, worauf von Sr. Exzellenz folgende Antwort eintraf: „Den ehrwürdigen Rabbinern, die sich in diesem Kriege so glänzend bewährt haben, meinen besten Dank und viele Grüße." Zum Schlüsse vereinigten sich die Teilnehmer der Konferenz zu einer photographischen Aufnahme, welche hier reproduziert ist. Im Felde 7. Mai 1917. M. S. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (13. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Und wer soll dich begleiten?" Benno ahmt mit leichtem Spott Rosas bittende Jung-Mädchenstimme nach, aber er sieht mich dabei recht gespannt an. Und ich lachend: „Abwechselnd, wie es bei feindlichen Parteien sein muß, einmal die eine, einmal die andere. Heute die Mädchen, weil sie schon die guten Kostüme anhaben, die ihnen reizend stehen. Benno, das mußt selbst du als ungalanter Bruder sagen". Er zieht einen schiefen Mund: „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht", sagt er übellaunig und geht, noch ehe ich weg bin, aus dem Zimmer. „Er ist nämlich schrecklich launisch," erklärt Paula mir leise, „aber bei Großmama ist er der liebe Gott. Was er tut, ist immer wohlgetan. Ich sage dir, wie er im Felde war. — da hat sie sich rein kaput gemacht mit Backen und Schicken für ihn. Wenn er mal ein Paket nicht gekriegt hat, hat sie gedacht, wir haben es nicht gut genug verpackt gehabt und hat die nächsten selbst gemacht. Na ja, davon ist sie jetzt nur so runter und von der Angst hinterher, wie er so krank war." Ich glaube, Benno hat es nicht schlecht bei den drei Frauen trotz der geschwisterlichen Reibereien. * Es tat mir gestern recht leid, daß ich Benno seinen Wunsch abschlagen mußte. Er bat so innig. Zu sonderbar, daß der junge Mensch sich solche Mühe gibt, mich altes Wesen noch zu bekehren und seine Mühe gar nicht aufgeben will. Wenn wir nämlich allein sind, sprechen wir vom Zionismus. Er ist heilig durchglüht davon, hatte sich ihm als Student mit Leib und Seele verschrieben und dann wohl recht darunter gelitten, daß er bei den Roschminern so wenig Entgegenkommen, wohl gar kein Interesse dafür fand. „Benno, das Thema ist jetzt nicht aktuell. Es schweigt vor größeren Fragen." „Das gebe ich zu," sagt er, und ich sehe ihm doch an, wie wenig er es innerlich zugibt. „Das heißt, wir werden ja sehen. Er ist nicht tot, weniger als je. Wir tun jetzt unsere Pflicht, unserem Adoptivvaterland gegenüber, so gut wie irgendeiner, mit heiligeL BegeisterliNg sogar, wie du weißt; aber dann'kämpfen wir weiter für unsere Sache, die vielleicht" — er tut geheimnisvoll — „auch die des Adoptivvaterlandes sein wird." Er mag wohl in meinen Augen weiter all die Fragen und Zweifel lesen, die mir bei diesem großen, greifbar großen Widerspruch immer wieder aufsteigen und die mir kein Zionist bisher hat lösen können. Das Land, in dem ich lebe, ist nicht mein Vaterland; es ist die Fremde; aber ich kämpfe dafür mit heißer Vaterlandsliebe; ich gebe mein Leben mit Freuden dafür hin, nicht aus Pflichtgefühl, nicht aus Zwang, nein, mit herzenswarmer, tiefinnerster Begeisterung. „Tante Trude, komm doch mit in den Jugendbund. Vielleicht macht dir Dr. Hirschberg vieles klarer. Er spricht über: Aufgabe des Zionismus während des Krieges und nach dem Kriege. Es ist vielleicht der einzige Vortrag, den wir während der ganzen Kriegsdauer haben. Er ist ein tüchtiger Redner." „Ich kann doch nicht, Benno." Es tut mir so leid; aber in große Versammlungen kann ich noch immer nicht gehen. Gerade wo viele Menschen beieinander sind, fühle ich mich so einsam, und mich faßt so heißes Weh nach Vater. „Du bist nämlich Zionistin, Tante Trude; du gehörst zu uns, ohne daß du es weißt." „Nein, Benno!" -Ja, ganz gewiß; du fühlst zionistisch, du fühlst die Leiden aller Juden mit —" „Aller Menschen," verbessere ich. „Ja, und doch noch besonders aller Juden, weil du ihr Leid noch besser verstehst —" „Und weil es noch größer ist als das der anderen. Die Eigenschaft teile ich wohl mit allen gerecht Denkenden und Empfindenden unseres Stammes." „Du fühlst, wenn es ihnen schlecht geht oder wenn sie einer beleidigt, daß es deine Schwestern und Brüder sind, nicht wahr?" „Ja, ich glaube." „Na also; aus dem Elternhaus kannst du das nicht haben. Du sagst ja selbst, dein seliger Vater hat sich nicht sehr für jüdische Fragen interessiert, und deine selige Mutter —" Er stockt. „Was ist mit meiner seligen Mutter?" „Nun, Großmama erzählt, sie hat mehr christliche Freundschaften gepflegt, soweit ihr überhaupt verkehrtet." „Ist das eine Sünde?" „Eine Unnatur ist es," sagt er heftig. Da fällt mir der liebe, ferne Freund ein. Ich vergesse, daß ich jetzt oft und lang auf ihn vergeblich gewartet habe; ich fühle wie eine Mutter, die schützend ihre Arme um ihr bedrohtes Kind breiten muß. All meine große, innige, unantastbare Freundschaft für Günther fühle ich in dem Augenblick. „Benno, ich bin nicht Zionistin. Für so vieles Edle und Schöne und Stolze und Nachdenkliche in euerer Lehre begeistere ich mich. Aber die schroffe Trennung von Art und Art kann ich nicht wollen —" „Trotz der Wesensunterfchiede, von denen auch du zugibst, daß sie ein letztes Trennendes haben?" „Ja, trotz ihrer!" „Deshalb können doch zwei Verschiedenrassige innig befreundet sein und sich liebhaben." „Sich liebhaben?" Er sieht mich starr an. „Ja, warum nicht?" sage ich und sehe erstaunt in sein wie in jähem Schreck errötetes Gesicht. „Wenn sie im Alter und sonst zusammen passen?" Er atmet tief auf.