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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-01 · Heft 22 (1.6.1917) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 22 (1.6.1917)
Date
1917-06-01
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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wurde. Das glagolitische „eft" (schaut nach links) kann samaritanisch sein, dagegen ist wohl das glagolitische „kako" entschieden hebräisch; nur so erklärt sich einfach die Tatsache, daß für einen einfachen Laut der Buchstabe aus zwei getrennten Buchstaben (ähnlich dem hebräischen Kos) besteht, wie bei keinem der griechischen Minuskelbuchstabcn (die sonst für die Glagolitza das Vorbild abgegeben haben sollen)'"). Das Erbe der „Glagolitza" in Bulgarien im Bereich der gesamten autvkephalen slawischen Ostkirche trat bald die sogenannte kyrillische Schrift an, die heute von beinahe 150 Millionen Menschen gebraucht wird. Diese übernahmen von der Kyrillitza auch einen der hebräischen Buchstaben, das Scha—schin, das bis heute eine auffällig palästinensische Form besitzt (JJ). Reste von Alphabeten, die in einer älteren Kulturperivde in einem Lande herrschten, in Schriftsystemen, die im betreffenden Lande erst später Aufnahme fanden, sind eine ziemlich verbreitete Erscheinung. Tie griechische Schrift, die zu den Kopten gleichzeitig mit dem Evangelium kam, wurde am Nilland nur sieben Lettern aus der früheren demotischen Schrift ergänzt. Das syrische Karschuni, das bei den Thomaschristen der Malabarküste in Verwendung steht, hat bei dem Malalayam der heidnischen Zeit bis ein Dutzend Buchstaben erborgt. Die Lateinschrift ans der britischen Insel mußte sich bis tief ins Mittelalter, und teilweise auch darüber hinaus, eine Beimischung zweier Lettern aus der altgermanischen, vorchristlichen Runenschrift, das „Wen" und das „Thor" gefallen lassen. Die samaritanischen Buchstaben, die neben den quadrathebräischen sogar mit einer gewissen Bevorzugung in die Glagolitza Eingang fanden, dürfen dies ihrer besonderen Stellung in der jüdischen Mystik verdanken. Die samaritanischen, ursprünglich althebräischen Buchstaben erfreuten sich infolge ihres altehrwürdigen Charakters einer besonderen Weihe in den. esoterischen Kreisen des Judentums noch Jahrtausende nach Esra. Talismane wurden noch zur Zeit Raschis' von Juden in althebräischem Alphabet geschrieben"). Die spezifische Geheimschrift der Kabbalisten soll der althebräischen Schrift in gerader Linie entstammen"). Die christianisierten Südslawen mochten einer weihevollen Talismanschrist, einfach, aus Gründen des Aberglaubens, einer regelrechten Bücherschrift gegenüber den Vorzug gegeben haben. Aehnlich haben auch die Urchristen in ihrer Buchstabensymbolik oftmals die älthebräische Schrift bevorzugt'"), obwohl sie auf das jerusalemitische Judentum zurückgingen. An eine Religivnsprvpaganda der Smnaritaner am Balkan ist nicht zu denken, da ihnen seit jeher jede Expansion abging. ,Tic Samaritaner, die in frühmittelalterlicher Zeit in Konstantinopel in ziemlich ansehnlicher Anzahl sich aushielten"), waren eine stille, zurückgezogene Gemeinschaft, die an alles eher, als an Werbung neuer Mitglieder dachte. Die allerdings in späterer Zeit entstandene Vita (lonstantini weiß sogar von einem Samaritaner auf der Krim zu erzählen, den der Slawenapostel Konstantin-Kyrill zum Christentum bekehrte"). Eher als die Samaritaner könnten für die samaritanischen Lettern in der Glagolitza möglicherweise die Karäer in Betracht kommen, dieselbe Sekte, die den rabbinischen Juden die letzten Reste des chazarischen Proselytentums abgerungen "') M. Bondrak: Altkirchenslawische Grammatik 27. Berlin 1910. “) Nascht: Sanhedrin 211>. Journal Asiatiqne (Paris J9J0), p. 338. ,9) Berger: Histoire de I’eeritiire. Origones: Exapla I, 86. Ad Execliiel IX, 4. I1) Samuel Kraus: Geschichte der Juden im Byzantinischen Reiche, 71. 'h Archiv für slawische Philologie IV, 386. hat. Unter den Karäern gab es eine Untergattung, die aus tertkritischen Gründen die althebräisch-samaritanische Schrift bevorzugte'"). Es kann leicht möglich sein, daß, ähnlich wie auf der Krim, auch am Balkan die Karäer den Rabbinisten ihren Seelenerwerb streitig gemacht und die Schristsignatur ihrer radikalsten Fraktion den Neubekehrten ausgedrückt haben. Der Herd karäischer Agitation war feit jeher der turko-tatarrsche Ostwinkel Europas, die Krim. Turko-tatarischer Rasse waren auch die Prytobulgaren. Lin seldpastdriek. ie jüdische Militärseelsorge der österreichischungarischen Armee hat erst in diesem Kriege die Gelegenheit gehabt, sich aktiv zu beteiligen, und ist daher im Vergleich zu den anderen Seelsorgen in manchem rückständig. Noch kennt man keine jüdischen Superiorate und von einer einheitlichen Organisation der jüdischen Seelsorge ist man weit entfernt. Musterhaft ist die Organisation der jüdischen Seelsorge an der Jsonzosront durchgeführt. Trotzdem die Verhältnisse hier sehr schwierig sind und die Feldrabbiner einzig und allein auf ihre Leistungen angewiesen, leisteten sie Beachtungswertes. An der Ostfront ist es immerhin leichter; den religiösen: Bedürfnissen der Soldaten nachzukommen. Dort sind in jedem Städtchen des engeren Kriegsgebietes Bethäuser und jüdische Gemeinden. Da aber, wo man vom Juden überhaupt nichts weiß, mußte für alles gesorgt werden. Um für alles Einrichtung zu treffen, bedurfte es eines aufopferungsvollen, zielbewußten Menschen. Dieser kam im Jannar 1916 in der Person des Herrn Feldrabbiner Dr. Meier Tauber. Sein erstes Bestreben war, die Seelsorge unter einer Leitung zu konzentrieren, wobei er als Leiter vom Armeekommando ernannt wurde. Drei Feldrabbiner standen damals im Dienste der Armee, jetzt sind es schon 12 an der Zahl. Tr Tauber kennt gut die Seele des orthodoxen Juden. Er weiß das gedrückte Gefühl des Menschen, der in seinem Leben noch nie von seinen Gebräuchen gelassen hat und noch jetzt itn Schützengraben, im Spitale, oder wo immer er sich nur befindet, seine Gebete zur Zeit verrichtet. Er kennt die Sehnsucht der Leute nach ihrem Sabbat, den Feiertagen im Kreise der Chassidim, ihr Verlangen nach einem Rebbe, einem Menschen, der sie verstehe, sich ihrer annehme, ihnen verständnisvoll zu Herzen rede und für die Abhaltung ihrer Feiertage Sorge trage. Mit großem Interesse ergriff er die ihm anvertrauten Zügel, und wir haben vor uns folgende Organisation: Die jüdische Militärseelsorge der Jsonzoarmee konzentriert sich unter einer Leitung. Ihr unterstehen 12 Feldrabbiner, die bei den Korps und Divisionen Dienste leisten. Die Leitung vertritt 1. alle militärgeistlichen Angelegenheiten, 2. die Matrikelführung llnd 3. alle Personakangelegenheiten der Militärgeistlichkeit (im Wege der Militärabteilung). Sie hat auf Grund der von den Feldrabbinern erstatteten allmonatlichen Berichte über die Tätigkeit einen allgemeinen Bericht an das Kriegsministerium zu richten. Sie verlautbart in Armeebefehlen die Abhaltung der Gottesdienste, Feiertage und anderer jüdischer Angelegenheiten, die dann die Korpsreferenten gemäß ihren Verhältnissen erweitern und teilweise allein durchführen, teilweise aber den Divisionsfeldrabbinern und Vertrauensmännern zur Durchführung überlassen. Sie sorgt für Lokalitäten, wo Gottesdienste abgehalten werden. Zu diesem Zwecke wurden hinter der Front Militärsynagogen gebaut, während in den einzelnen Garnisonen der '") Jehuda Hadasi: Eschkol Hakofer (verfaßt im Jahre 1148) 41 b. Goslow 1836.

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