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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-06-01 · Heft 22 (1.6.1917) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 22 (1.6.1917)
Date
1917-06-01
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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stürM lind eine jüdische, die der Zaque, auf den Thron zu setzen, die dann bis zum Jahre 1267 sich erhielt. In Westasrika, unter den Berbern, traf die arabische Invasion zu Beginn des 8. Jahrhunderts mehrere zum Judentum sich bekennende Kabhlenstämme an. Am Rande Osteuropas, an der Wolga, bekehrte sich im 8. Jahrhundert ein großer Teil des Chasarenvolkes samt Adel und königlicher Familie zum Judentum. Die Chasaren waren damals die führende Nation des östlichen Europa, und ihr Imperium reichte von der Wolga bis zu den Karpathen. Ein Barbarenland an der Peripherie der Oekumene war auch das mösische Bulgarien. Juden, denen es im byzantinischen Reiche im Schatten des Kreuzes heiß wurde, dürften frühzeitig den Schutz der slavisierten Barbaren ausgesucht haben und dann die für das Judentum dieser Zeit charakteristische religiöse Agitation entfaltet haben. lieber die jüdische Religionspropaganda im alten vorchristlichen Bulgarien besitzen wir einen unmittelbaren Bericht in dem Brief, den Papst Nikolaus an den König der neubekehrten Bulgaren schrieb, um dessen Fragen zu beantworten. Die Art und Weise der Behandlung des Judentums in diesem Briefe ist belehrend und vielsagend. Papst Nikolaus schreibt im Jahre 865: „Ihr versichert, daß in eurem Vaterlande viele von einem gewissen Juden getauft wurden, von dem ihr nicht wisset, ob er Heide oder C h r i st ist, und ihr fraget mich an, was mit denen zu geschehen hat. Nun verhält es sich so, wurden diese im Namen Christi oder der Dreieinigkeit, wie wir es in der Apostelgeschichte lesen, getauft, so steht es fest, daß diese keiner neuen Taufe mehr benötigen, doch vor allem muß untersucht werden, ob jener Jude Christ oder Heide ist, oder ob er nicht Christ geworden ist""). Die naiven Bulgaren, die über die Verhältniffe der südländischen Kulturwelt nicht orientiert waren, wußten nicht, wie das Judentum zu klassifizieren und was nach der Christianisierung des Landes mit den von jüdischen Religionsmissionaren „Getauften" zu geschehen hat. Was für eine Religion dieser „taufende" Jude verbreitete, dessen Bekenntnis vor allem festzustellen der gescheite Papst anriet, und wie tiefe Wurzel bereits der jüdische Glaube in den Massen Bulgariens faßte, ist aus der weiteren Folge des Briefes leicht zu ersehen. Der Papst schreibt in diesem Briefe ferner: „Ihr wollt wissen, ob jemand am Sabbat oder am Sonntag arbeiten darf. Es soll euch zur Kenntnis dienen, daß, wer aus eine Judaisierung des Volkes hinarbeitet, damit er den äußeren Ritus des Gesetzes beobachtet und sich zum jüdischen Unglauben bekennt, den Sabbat verehren will" 4). Aus dem Briefe geht auch hervor, daß die Bulgaren anfragten, welche Tiere und Vögel man essen darf, worauf der Papst mit einer ausdrücklichen Remonstration erwidert, gegen den Versuch, aus dem Alten Testament einen Beweis für das Eßverbot mancher Tiere zu führen"). Die jüdische Propaganda beschränkte sich nicht am Balkan auf die Bulgaren. Auch bei dem zweiten südslawischen Volke dieser südöstlichen Halbinsel missionierten die Juden in jener Zeit nicht ohne ernsteres Ergebnis. In Jllhrien lebten im 8. bis 9. Jahrhundert mehrere „jüdische Stämme", wird uns in dein in jener Zeit entstandenen Geschichtbuche Josippon *) Nicolai Papae Responsa ad consulta Bulgarorum. Patrologia latina ed. Migne CXIX 1914. . a quodam Judaeo, nescitis utrum Christiano an Pagano, raultos in patria vestra baptizatos a.sseritis et quid de his agendum consulitis etc.“ 4) „Nosse cupitis si liceat alicui Sabbato vel Dominico die, laborationem aliquem exercere,“ „et quia judaizare populum compellit et exteriorem legis ritum revocet et sibi Judaeorum perfidiam subdat, coli vult Sabbatum.“ Ibidem Quaestio X. °) Ib. Qu. XLI1I. (c XIV) mitgeteilt. Nach einer rumänischen Sage soll im 8. Jahrhundert bei den Dakowalachen die jüdische Religion, aus Südrußland durch eine militärische Invasion eingeführt, die herrschende gewesen sein* 7 8). Dem jüdischen Proselhtismus des frühen Mittelalters in Bulgarien und Nachbarländern bot das Christentum Einhalt. Dennoch, die Signatur des Judentums beharrte noch in so mancher Beziehung lange, sehr lange. Was einmal wurzeltief sich verankert, läßt sich im Handumdrehen nicht wegwischen. Hebräische alttestamentliche Namen waren am Balkan noch lange in christlicher Zeit allgemeine Sitte. Im 10. Jahrhundert standen an der Spitze Westbulgariens vier Kanitopulen: David, Moses, Aron, Samuel. In Oberalbanien gab es um diese Zeit eine Kirche des heiligen Salomo, in Mazedonien, in der Eparchie von Lösnovo, eine Kirche des heiligen Elisäus"). Die mosaischen Eigennamen nach Judenart bei den Autochthonen des Balkans fielen bereits dem jüdischen Weltreisenden Benjamin von Tudela auf. Er berichtet mit Verwundern, daß die Walachen, die in der Nähe Griechenlands wohnen (die Mazedowalachen, die im Mittelalter lange in einer Kultur- und politischen Gemeinschaft mit den Bulgaren lebten), jüdische Eigennamen gebrauchen und von manchen behauptet wird, daß diese Juden sind oder einst waren, und sonstige Juden als Brüder behandeln, während sie Griechen, denen sie begegnen, töten"). Die jüdische Religionspropaganda am Balkan, speziell bei den Bulgaren, dürfte sich auch auf dem Gebiete der allgemeinen Kultur versucht und den unzivilisierten Neubekehrten die Kenntnis des hebräischen Alphabets gebracht haben. Jede Glaubensagitation sucht nicht nur Glaubensideen, aber auch eine bestimmte Schriftgattung als Schlüssel zu ihren kanonischen Urkunden und liturgischen Werken zu verbreiten. Katholische Missionare schufen dem Lateinalphabet eine ungeheuere Herrschastssphäre, die sich über Länder erstreckt, welche des Römers Speer nie erblickte. Die Propaganda des Islam erkämpfte dem Alphabet der nordarabischen Wüste einen Geltungsbereich von den malaiischen Inseln über das Goldene Horn bis zu den Säulen des Herkules. Die griechische Schrift geht mit der orthodoxen Kirche Hand in Hand. Von den chasarischen Proselyten wissen wir authentisch aus arabischen Quellen, daß sie für ihre Muttersprache die hebräischen Schriftzeichen gebrauchten. Von dem mutmaßlichen Gebrauch des hebräischen Alphabets durch Teile des vorchristlichen bulgarischen Volkes sind noch heute Spuren vorhanden in den in Bulgarien in christlicher Zeit entstandenen Alphabeten, in der Glagolitza und auch in der Khrillitza. Die älteste Slawenschrift, die Glagolitza, die noch heute in einigen Kirchensprengeln des Westbalkans verwendet wird und einst in Bulgarien sich formte, besitzt einige Lettern, deren Ursprung nach Uebereinstimmung der hervorragendsten Slawisten auf Palästina zurückgeht. Der bekannte Slawist Safari! will fünf hebräisch-saniaritanische Buchstaben in der Glagolitza konstatieren8). Der namhafte flämische Sprachforscher Vondrak bemerkt ähnlich, daß das glagolitische Alphabet „etwas dem samaritanischen, etwas dem hebräischen Alphabet entlehnt zu haben scheint". Es verdient Beachtung, daßz. B. das scha, das ursprünglich in der glagolitischen Schrift nur den halben, und zwar den oberen Zeilenraum, ausfüllte, gerade so auch in den samaritanischen Handschriften geschrieben °) Jewish Encyclopaedia, X. 512. 7) Archiv für slawische Philologie XXI, 550. ") Benjamin Toltila: Masaoth (The Itinerary ok Rabbi Benjamin of Tudela 18). London 1870. 8) O. I. Sasarik: Ueber den Ursprung und die Heimat der Glagolitza. Prag 1858.

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