Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
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.; .- 255 ' In den höheren Klassen werden dann bei den die Schule iveiter besuchenden Schülern die früheren Darbietungen eine dem geistigen Stand dieser Klassen entsprechende Ergänzung und Vertiefung erfahren. Ueber die Berechtigung dieses Lehrprinzips braucht man nicht viel Worte zu verlieren. Ein jeder praktische Schulmann wird ihm sicherlich ohne weiteres zustimmen. Beiläufig sei bemerkt, daß auch die neuesten Lehrpläne über den evangelischen Religionsunterricht, die vor etwa sechs Wochen erschienen sind, sich auf demselben Grundgedanken aufbauen. Dem Lehrplan liegt ferner der Gedanke zugrunde, daß der Unterricht in drei Abteilungen zu je zwei Wochenstunden erteilt wird. Diese Abteilungen umschließen Sexta, Quinta und L.uarta, Untertertia, Obertertia und Untersekunda, Obersckunda, Unterprima und Oberprima. Wo aber an einer Anstalt die Zusammenlegung der Klassen eine andere ist und acht oder gar noch mehr Unterrichtsstunden erteilt werden, ivird der vorliegende Plan trotzdem als Richtschnur gelten können. Der Religionsunterricht in der Vorschule ist gewissermaßen als Vorbereitungsunterricht gedacht. In ihr sollen dem Kinde Lebensbilder aus der biblischen und nachbiblischen Geschichte aller Jahrhunderte in biographischer Darstellung nach freiem 'l-vrtrag des Lehrers geboten werden. Ueber die Auswahl mag dieser selbst die Entscheidung treffen. Von großer Bedeutung dürfte der geforderte, religiöse Anschauungsunterricht sein, insofern er zur praktischen Teilnahme am religiösen Leben iühren soll. Zu diesem Zwecke mag der Lehrer die Kinder oft ins Gotteshaus führen und sie dort mit den Kultusgegenständen und dem Kultus selbst vertraut machen. In früheren .leiten wäre dies eine überflüssige Forderung gewesen, da die minder von ihren Eltern stets zum Gottesdienst mitgenommen ivurden. Anders in der Gegenwart, wo es eine ganze Anzahl minder im schulpflichtigen Alter geben wird, die noch nie ein «Gotteshaus betreten haben. Mit der Sexta hebt dann der eigentliche methodische Religionsunterricht an. Betreffs der vorgenommenen Verteilung des Geschichtsstoffes werden sich vielleicht große Meinungsverschiedenheiten in den Fachkreisen geltend machen. Deshalb fei von vornherein betont, daß der Entwurf aus didaktischen und pädagogischen Gründen das streben an den Tag legt, den religionsgeschichtlichen Stoff möglichst in Parallelismus zum Unterrichten der allgemeinen «beschichte zu bringen, wie die staatlichen Lehrpläne diesen letzteren vorschreiben. Dieses Streben wird man wohl im allgemeinen als berechtigt anerkennen müssen, wenn man im einzelnen auch abweichender Meinung sein kann. Dies sind im großen und ganzen die Gesichtspunkte, die bei der Ausarbeitung des Lehrplans innegehalten wurden. Nun mag man in den Kreisen der Schulmänner zu ihm Stellung nehmen. Es wäre zu begrüßen, wenn ihm bei diesen eine recht eingehende, sachliche Besprechung zuteil werden würde, «veil auf solche Weise die Meinungen geklärt werden und >nan dadurch um so eher zu dem gesteckten Ziele zu kommen vermag. Zum Schluß sei noch hervorgehoben, daß die Auswahl der Lehrbücher selbstverständlich den betreffenden Schulen überlassen bleibt. Die vorhandene Aufstellung will lediglich nur rin Verzeichnis derselben bieten, das allerdings noch der Ergänzung bedarf. Eine besondere Empfehlung der aufgezählten Bücher ist nicht beabsichtigt. Sir Woche. Berlin, 22. Mai 19l7. rotz der Feiertage herrscht nirgends Ruhe; jedes Friedensgerücht ist verstummt. Die Westmächte, auch Amerika, scheinen sich zwar das von Rußland ausgegebene Schlagwort „Friede ohne Annexionen" anzueignen, aber sie deuten es so, daß Deutschland auf seinen früheren Zustand, also mit Lostrenuung von Elsaß-Lothringen und, nach ihrem Sinne, gewiß auch anderer Provinzen zurückgeführt werden müßte. Sie reden auch, wiederum Rußlands Beispiel folgend, nicht von Entschädigungen, aber sie verlangen von Deutschland Sühne für seine angeblichen Verbrechen. Das ist im Grunde das Beharren auf den früheren unsinnigen Forderungen: das Kriegsziel ist dasselbe geblieben, es wird nur verschleiert. Gegenüber solcher Hartnäckigkeit, die um so unbegreiflicher ist. als die wochenlang geführte mächtige Offensive keine greifbaren Resultate.ergeben, sondern nach unsäglichen Verlusten des trotzigen, sein Land und seine Truppen schonungslos opfernden Feindes einigermaßen zum Stillstand geführt hat, hilft nichts als eine Fortsetzung des blutigen Kampfes. Wir führen ihn fort in unbedingtem Vertrauen auf unsere Heeresleitung, in der festen Zuversicht auf den unvergleichlichen Heldenmut, auf die wunderbare Tapferkeit unserer herrlichen Truppen. Die nicht minder trefflichen Soldaten unserer österreichischungarischen Verbündeten haben ihren oft gerühmten Heroismus in der Verteidigung ihrer Stellungen gegen die Italiener zu bewähren. Seit vielen Tagen tobt ein grimmer Kamps gegen die Karsthochfläche: die immer wiederholten, mit dem Einsatz größter Menschenmassen unternommenen Durchbruchsversuche haben bisher zu den allergeringsten Erfolgen geführt; die Italiener, die nun seit vollen zwei Jahren einen Krieg führen, den sie spielend zu gewinnen wähnten, haben gleich ihren Verbündeten erfahren, daß ihre Anstrengungen vergeblich sind, aber sie wollen nicht aushören und beginnen stets von neuem. Und da auch Rußland zu keinem Frieden bereit ist, da Amerika mit Truppensendungen droht, so ist kein Ende abzusehen. Unsere Luftschiffserfolge sind groß, ein Zeppelinangriff hat England geschädigt; die Vernichtungen, die unsere U-Boote anrichten, wachsen geradezu ins Ungeheure — und doch wollen die Gegner nicht nachgeben. Sie erkennen zwar selbst an, daß es gegen diese Macht kein Mittel gibt; sie, namentlich die Franzosen, klagen bitterlich über die Zerstörung blühender Provinzen, deren Wiederurbarmachung Jahrzehnte in Anspruch nehmen müßte, wenn es überhaupt je wieder gelingt, die vom Erdboden verschwundenen Dörfer und die völlig eingeäscherten Städte aufzubauen; in Frankreich gibt sich die Aufregung in Ausständen und Unruhen kund; sie alle gestehen zu, daß die Zuversicht, Deutschland aushungern zu können, eine durchaus eitle war, ist und bleiben muß; sie alle fühlen am eigenen Leibe den Mangel und schallen in Angst und Besorgnis einer schaurigen Zukunft entgegen — und doch und doch! Ein toller Wahnsinn hat die Menschen ergriffen, ein wilder Hexensabbat tollt durch die Welt — wann wird ein Stillstand eintrcten, wann eine Aussicht auf Frieden winken? Wir aber hoffen lind harren, vertrauen und stehen fest. * Was die Verhältnisse der Juden in Deutschland angeht, so ist auf zwei Zeitungsstimmen hinzuweisen, die uns ein Freund unseres Blattes zur Verfügung stellt. In der „Deutschen Zeitung" vom 19. Mai wird von einem Verbandstag der deutsch-völkischen Partei berichtet. Dort wurde u. a. die bedauerliche Resolution angenommen: „Der Verbandstag sieht in den: erweiterten Parlamentarismus die Gefahr einer noch stärkeren Beherrschung unseres Volkes durch das Judentum und das internationale Börsenkapital." Wie kurzsichtig! Als wenn Judentum und Kapitalismus auf die allgemeinen Wahlen Einfluß ausüben könnten!