Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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genossen Feuerbachs „Iphigenie". Im Aufträge des Vereins israelitischer Lehrer- Rheinlands und Westfalens sprach Herr Prediger Liepmannsohn seine herzlichen Wünsche aus. ££2 Darmstadt, 18. Mgi. Die israelitische Religionsgemeinde Darmstadt hat kürzlich als sichtbaren Ausdruck der „Neuorientierung" im jüdischen Gerneindeleben ihrem Seelsorger, dem Großherzoglichen Rabbiner Dr. Bruno Italiener, der seit Beginn des Krieges als Feldrabbiner an der Westfront tätig ist, das Recht bewilligt, an sämtlichen Sitzungen des Vorstandes teilzunehmen. Ferner hat die Gemeinde in richtigem Verständnis für die wohl von den meisten deutschen Rabbinern immer mehr als unwürdig empfundene Form der Bezahlung des Rabbiners bei Kasualien Herrn Rabbiner Dr. Italiener zugesichert, nach seiner Rückkehr aus dem Felde die von dem einzelnen bisher dem Rabbiner entrichteten Kasualiengebühren durch eine an die Gemeindekasse zu zahlende Quote zu ersetzen. Wenn man den Kampf berücksichtigt, den die Rabbiner Preußens bei dem geplanten Organisationsgesetzentwurf wegen dieser Leiden um ihrer Standesehre willen erhobenen Hauptforderungen — bisher vergeblich — geführt haben, wird ein jeder, der den Wunsch hat, daß der Krieg nicht nur auf die innerpolitischen Verhältnisse unseres Vaterlandes, sondern ebensosehr auf das religiöse Leben innerhalb unseres Judentums im freiheitlichen Sinne befruchtend wirke, der hessischen Gemeinde für ihren jetzt mitten im Kriege gefaßten bedeutsamen Entschluß aufrichtig Dank wissen. — Frankfurt a. M. 18. Mai. Fliege rleutnant Dr. Franz R>o sin aus Freiburg i. B., der Sohn des dortigen Geh. Rats Prof. Dr. Rosin, wurde bei einer Fliegertruppe wegen hervorragender Leistungen im Luftkamps mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet. Ueber die Veranlassung hierzuerzählt der Kriegsberichterstatter der „Frankfurter Zeitung!": „In dersielben Nacht als Laon, mit Bomben heimge sucht wurde, erhielt eiu deutscher Flieger-den Auftrag, eine Ladung von 500 Kilogramm Dynamit aus einen wichtigen Verkehrspunkt hinter der -feindlichen Front äbzuwerfen. Er stieg auf, suchte sein, Ziel, konnte es aber imaufsteigenden Nebel nicht erkunden und flog! zurück, um eine bessere Stunde wahrzuinehnren. Ueber der Höhe von Laon sah er Spreng,punkte von Abwehrgeschützen m der Luft und entdeckte auch alsbald das betroffene französische Geschwader. Da konwlt ihm ein Gedanke: vorsichtig hängt er sich dem- Geschwader an den Schwanz und folgt ihm unbemerkt in der Dunkelheit über die fe-indlilche Linie. Er vertraut darauf, daß manihn für einen ausgepichten» Franzosen halten werde, mib so war es wohl auch. Nicht 'lange, so sah er unter sich die Landungsfeuer des französischen Flughafens. Die Piloten des Geschwaders gingen im Gleitslug zur Erde und als letzter schickte sich auch unser Flieger scheinbar dazuan. Er steuerte in sonderbarem' Ungeschick recht nahe über die Flugzeugschuppen hin, ließ aus geringster Entfernung, 50 Meter vielleicht nur, seine Ladung fallen, riß die Steuerung, hoch, und entschwand in der Nacht. Die Sprengladung, mit 60-Sekunden-Zeitzünder versehen, krepierte genau und mit furchtbarer Wirkung." L. Mainz, 18. Mai. Hier starb im 65. Lebensjahre der Beamte des Israelitische Krankenvereins „Der Aeltere" Herr Gustav David. Hervorragende Verdienste erwarb sich der Heimgegangene zur Zeit, als der rumänische Auswandererstrom seine Fluten durch Mainz bewegte. Damals war dieser pflichttreue Mann Tag und Nacht tätig, um den unglücklichen Heimatlosen ihr Geschick so viel wie möglich zu erleichtern'. Er suchte sie mit allem Nötigen zu versorgen, überwachte deren Ankunft und Wreise und ließ sie während ihres hiesigen Aufenthaltes keinen Mangel leiden. In gleicher Weise nahm er sich auch der russischjüdischen Auswanderer an. Auch seiner Tätigkeit an der Kasse des „Israelitischen Vereins zur Bekämpfung des Wanderbettels" muß rühmend gedacht werden. Hier wäre manchmal Gelegenheit gewesen', hart mit den Durchreisenden zu verfahren, denn so mancher Schwindler und Betrüger belvegte sich unter den Besuchern der Kasse. Aber von David hörte man niemals ein unfreundliches Wort. Mit seiner milden und sanften Art behandelte er alle Ankömmlinge und ward nicht müde, ihnen alle Fragen eingehend zu beantworten. Ebenso sott nicht vergessen werden, daß David sich eines russisch-jüdischen Waisenkindes annahm und Vaterstelle an ihm vertrat. Er ruhe in Frieden. L. Mainz, 18. Mm. Hier starb im 70. Lebensjahre Herr Grundstücksmakler Sieg -tu u n d C a h n , der durch seine überragende Intelligenz und seine große Zielklarheit sich geradezu ein Monopol des Mainzer Grundstückshandels geschaffen hatte. Durch großzügige Pläne verhalf er der Stadt Mainz zu einem ausgedehnten Industriegebiet; auf sein Betreiben hob der Staat das lästige Brückengeld auf der Rheinbrücke auf, und so tat er noch vieles andere im Interesse der Stadtgemeinde. Militärische, staatliche und Stadtbehörden fragten ihn deshalb stets um seinen Rat in Wohnungs- und Baufragen. Im Krematorium sprachen Rabbiner Professor Dr. S a l f e l d, Bürgermeister K ü l b, Bürgermeister Kuhn, Major Strecker und andere. L. Wiesbaden, 18. Mai. Im hohen Alter von 79 Jahren ist mu 14. d. M. der Stadtverordnete S i m o n H e ß an den Folgen eines Unfalls gestorben, den er vor einigen Tagen erlitten hat. Der Verstorbene, seit dem Tode des Kanzleirats Flindt Senior des Stadtverordnetenkollegiums, war ein rühriger Kommunalpolitiker, der säst in jeder Sitzung des Stadtparlaments in die Debatte eingriff. Um die Ausgestaltung und Förderung des Kurwesens hat er sich als eifriges Mitglied der Kurdeputation besonders bemüht. Als eifriger Kunstfreund war er allgemein bekannt. Innerhalb der israelitischen Kultusgemeinde unserer Stadt, deren Vorsitzender er viele Jahre war, nahm er eine hervorragende Stelle ein. Eine der stadtbekanntesten Persönlichkeiten ist mit ihm aus dem Leben geschieden; er wird in weiten Kreisen ein gutes Andenken hinterlassen. L. Metz, im Mai. Hier wurde in diesem Jahre eine Pessachsürsorge in geradezu idealer Weise entfaltet. Dem Herrn Oberrabbiner Dr. Netter war es gelungen, allen hiesigen gefangenen russischen Juden für die acht Tage rituelle Kost zu verabreichen; er hat für sie zwei Küchen eingerichtet. Den Insassen des Lazaretts konnte er einen regelmäßigen Gottesdienst abhalten lassen und ihnen eine Seser Thora zur Verfügung stellen. Der Herr Oberrabbiner nahm persönlich an der Sederfeier teil, und man konnte es ihm ansehen, welche wahre Feiertagsfreude er dabei empfand. Es ist niemand hier vergessen worden, auch sämtliche Soldaten wurden glänzend bewirtet. Die Verwundeten aus den Lazaretten wurden in das Lazarett „Kriegsschule" zusammengelegt, dort auch eine rituelle Küche eingerichtet und ebenfalls Seder abgehalten. Hervorragenden Anteil an der Bestreitung der nicht unerheblichen Kosten hat, wie seit einer Reihe von Jahren, auch in diesem Jahre Herr Lassar L e w i s o h n in Frankfurt a. M., der nicht nur selbst hierzu beitrug, sondern auch andere veranlaßte, ihr Scherflein für diesen hochedlen Zweck zu spenden. Mit der Pessachfeier unserer Soldaten und Gefangenen haben wir dieses Jahr alte Ursache zufrieden zu fein. Gkstrrkrich-Angsrn. z. Wien, 18.Mai. Die jüdischen Mitglieder des Polenklubs sind mit der Wahrnehmung jüdischer Interessen derart überbürdet, daß man ihnen wahrhaft nicht zumuten darf, sich aus schwer lesbaren, weil in jüdischer Sprache erscheinenden Blättern über die Wünsche und Beschwerden ihrer Stammes- und Glaubensgenossen zu informieren. In der Annahme, daß ihnen die Lektüre eines in deutscher Sprache und Schrift gedruckten Blattes gelegener kommt, sei hier — so schreibt „Haiwri" in der „Oesterreichischen Wochenschrift" Nr. 19 -- in aller Kürze auf den Leitartikel des „Lemberger Tageblattes" vom 3. Mai hingewiesen, an dem unsere Vertreter nicht gleichgültig vorübergehen dürfen. Es handelt sich um das Verbot der Beförderung von Briefen und Postkarten, die tn jüdischer Schrift versaßt sind. Man muß die Verhältnisse, wie sie bis auf den heutigen Tag in Galizien und der Bukowina bestehen, ins Auge fassen, um die Tragweite dieser Maßregel ganz ernressen zu können. Mindestens die Hälfte der jüdischen Bevölkerung — namentlich die ältere Generation - kann sich schriftlich nur mittels der hebräischen Kursivschrift verständigen, wobei es sich sowohl um ben familiären und freundschaftlichen als auch um den kommerziellen Verkehr handelt. Alle diese Briefschaften gelangen nun an den Aufgeber mit der Bemerkung „jüdisch unzulässig" zurück. Aus die in dieser Angelegenheit au höhere und niedere Instanzen gerichteten Anfragen ist bis heute keine Antwort herabgelangt. Wie bitter muß es z. B. der jüdische Soldat im Schützengraben empfinden, daß er, der jeden Augenblick dem Tode ins Auge sieht, seiner Familie keine direkte Nachricht über sein Befinden geben oder umgekehrt kein Lebenszeichen voll den seinem Herzen nahestehenden Personen empsarlgen kann. Dasselbe betrifft auch die nach allen Teilell der Monarchie verschlagenen Flüchtlinge, dasselbe die Kaufleute in den kleinen Ortschaften, die bei Bezug von Waren auf Schwierig-