Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 2?. Mai 1917 81. Jahrgang Nr. 21 Der Gemeindeüote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". Srorrelponürn?kn und Aschrichim. Deutschland. vv Berlin, 22. Mai. Auf Veranlassung des Herrn Präsidenten des Kriegsernährungsamtes ist zu seiner Unterstützung in allen die rituell lebende jüdische Bevölkerung betreffenden Lebensmittelfragen die „Kriegkommission für rituelle Lebensmittel" in Berlin gebildet worden. Der Verwaltung und dem Beirat der Kriegskvmmission gehören Vertreter des Kriegsernährungsamtes, deS Kriegsausschusses für pflanzliche und tierische Oele und Fette, der Z.-E.-G., der rituell lebenden jüdischen Bevölkerung und Sachverständige an. Der Kriegskommission liegt nicht, wie den übrigen Kriegsgesellschasten. die Bewirtschaftung eines bestimmt äbgegrenzten Ernährungsgebietes ob. Ihre Tätigkeit ergibt sich vielmehr von Fall zu Fall aus den Zeitersordernissen. Nachdem durch Verfügung des Herrn Präsidenten des Kriegsernährnngsmntes vom 13. März dieses Jahres die Abgabe von Rohfetten an die rituell lebende jüdische Bevölkerung verboten worden ist, hat sich die Kriegskommission mit der Verteilung einer rituellen Oelmargarine als Ersatz für die gesperrten Rohfette zu befassen. Die rituelle Margarine wird lediglich an diejenigen abgegeben, die auf alle anderen Fette, auch Butter, verzichten. Die Wochenmenge ist nunmehr auf 50 Gramm pro Kopf festgesetzt worden. Einer Reihe von Magistraten und jüdischen Gemeindeverwaltungen hat diese Regelung Veranlassung gegeben, darüber Beschwerde zu führen, daß. die rituell lebende jüdische Bevölkerung hinsichtlich der Fettversorgung ungünstiger gestellt ist als die übrige Bevölkerung. Demgegenüber muß bemerkt werden, daß die Sperrung der rituellen Rohstoffe verfügt werden mußte, weil die zuerst gewährten Ausnahmen zu Unzuträglichkeiten geführt hatten, und überdies der rituell lebenden jüdischen Bevölkerung mit der Abgabe der rituellen Rohfette bei deren Geringfügigkeit kaum gedient war. Die Verzichtleistung aus Butter seitens der Bezieher ritueller Margarine mußte aus organisatorischen Gründen verlangt werden. Eine Erhöhung der Kopfmenge an ritueller Margarine über 50 GrammVhinaus konnte einstweilen nicht bewilligt werden. Das Kriegsernährungsamt ist indessen im Verein mit der Kriegskommission bestrebt, bei Besserung der Fettverhältnisie auch die Zuteilung an die rituell lebende jüdische Bevölkerung günstiger zu gestalten. Um einerseits die Härte, die in den derzeitigen Maßnahmen liegt, zu mildern, und anderseits keinen Zwang auf diejenigen auszuüben, die nach wie vor Butter beziehen wollen, ist die Möglichkeit des gleichzeitigen Bezuges von Butter und ritueller Margarine durch verschiedene Personen innerhalb desselben Haushaltes Zugelassen worden A. R. Berlin, 22. Mai. In der letzten Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" sprach Herr Dr. Adolf Löwenberg über das Thema: „Das Prinzip der Arbeitsschule und der Religionsunterricht". Ter Vortragende zeigte, wie sich geschichtlich der Arbeitsschulgedanke von den Knabenhandarbeitsbestrebungen über den Werkunterricht zu dein Prinzip der „Erarbeitung" oder Selbstbetätigung erweitert und vertieft hat. Wo immer es im Unterricht angeht, da soll der Schüler durch geistige und möglichst auch manuelle Selbstbetätigung Wissen und Können erarbeiten und nicht am geistigen Gängelbände geleitet werden. Die Selbsttätigkeit des Schülers war bisher zu sehr an vorgeschriebene Gleise gebunden, ein Uebermaß von Unterrichtsstosf nötigte in allen Fächern zu einseitiger Inanspruchnahme des Gedächtnisses; eine veraltete Psychologie, die in unserer Unterrichtspraris fortwirkt, hinderte die Produktiven Kräfte des Schülers, seine Phantasie, seine Initiative, seine Erfindungsgabe, sein zielstrebiges Wollen an selbständiger Betätigung. Der Religionslehrer, der über seinem Spezialgebiet nie den organischen Zusammenhang aller Unterrichtsfächer aus dem Auge verlieren darf, wird die Anwendung eines so fruchtbaren Unterrichtsprinzips in anderen Lehrfächern mit Interesse verfolgen und sinngemäß auch auf seinem Arbeitsgebiet verwerten. Der Referent zeigte, welche neuen Wege die Arbeitsschule eiuschlägt in dem Gesamtunterricht der Unterstufe, in den planmäßigen Schülerwanderungen, im naturlvissenschastlichen Unterricht mit den hier so wertvollen Arbeitsgemeinschaften, in der Schüterfrage und nicht zuletzt in der Pflege der Willensbildung durch Arbeitsgenreinschasteil und eine Art von Mitverwaltung der Schüler. Der Religionsunterricht, der den ganzen Menschen in Tätigkeit setzen, der das innerste Leben des Schülers ergreifen soll, muß mehr noch als jeder andere Unterrichtsgegenstand aus Selbsttätigkeit begründet sein. Anknüpsend an das Nietzsche-Wort: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden", forderte der Vortragende; der Religionsunterricht schaffe religiöse Erlebnisse. Doch ist es nicht zu billigere, wenn neuere Erzähler (Zurhellen usw.), bloß um kindlich zu sein, skrupellos mit Inhalt und Form des klassischen Textes verfahren; ebenso wichtig wie die Hinneigung zum Kinde ist es, dieses allmählich zu dem Geist und der Sprache der Bibel emporzubilden dadurch, daß es sich denkend und Phantasierend mit Hilfe des Lehrers -ein möglichst anschauliches Bild von den biblischen Personen mit» Handlungen, ihrer Umwelt und Innenwelt erarbeite. Tie moralischen und religiösen Lehren sollen durch freien Willensakt der Schüler ausgenommen werden. Es sollen dem Schüler nicht Urteile ausgedrängt werden, die er nicht fühlt; nicht durch kunstvolle Katechese aus ihm Begriffe hervorgelockt werden, bei denen das Gefühl des Kindes kalt bleibt. Auch religiöse Lhrik soll dem Kinde zu einem Erlebnis werden. Das geschieht dadurch, daß der Schüler zuvor in einem Lebensbild den wesentlichen Gefühlsinhalt des Liedes eindrucksvoll erlebt und dann angeleitet wird, ihn in den Worten des Gedichts wiederznfinden. Auf ein biblisches Geschichtsbuch als Lernbuch will der Referent in Übereinstimmung mit Kubisch, Jtschner und Lindner verzichten; doch für die häusliche Selbstbetätigung der Schüler, die sich gern in die Welt der biblischen Personen versenken, soll ein biblisches Geschichtsbuch geschaffen werden, denn den bereits bestehenden haftet entweder das Leitfadenmäßige zu sehr an, oder sie verkindlichen den Bibeltext in unangebrachter Weise. Wie auch die behördlichen Bestimmungen für die preußischen Mittelschulen besagen, führt rnc Ausscheidung der Kleinmalerei der biblischen Sprache zu einer Verflachung der biblischen Texte. Darum, wenn nötig, eine schärfere Auswahl der biblischen Geschichten, nicht aber eine Ausscheidung von konkreten Zügen, in denen die biblische Erzählkunst so oft ihre Kraft, Schönheit und Eindringlichkeit entfaltet. Tie Arbeitsschulresorm ist die neue Lösung eines alten Problems, die in diesem Umfang und mit so souveränem Anspruch keine frühere Zeit versucht hat. Was der Arbeitsschulbewegung die Zukunft sichert, ist, daß diese Schulreform iit der Kulturatmosphäre unserer Zeit liegt: die an dem Voluntarismus orientierte pädagogische Psychologie, die auf nationalökonomischem Gebiet geforderte Qualitätsarbeit und die Wiederbelebung der durch die Masse des Wissens ertöteten Schaffensfreude sind Wegebereiter der Arbeitsschule oder zu „schaffendem Lernen". — In der Aussprache zeigt sich, daß die Frage der Arbeitsschulbewegung den meisten nicht eingehend genug bekannt ist, um die Fülle des Stoffes zu übersehen und zu diskutieren. Von mehreren Seiten wird einc konkretere Anwendung auf den jüdischen Religionsunterricht gewünscht; es wird gesagt, daß Nur nicht bloß auf das Gemüt der Kinder wirken wollen. sondern auch positive Mssensstofse übermitteln müssen. Herr Dr. Löwenberg gibt zu, daß sein Stoff eigentlich zwei Vortrüge umfaßte, erstens über die Arbeitsschule überhaupt und zweitens über ihre Anwendung auf den Religionsunterricht. Es wird vorgeschlagen, die Frage der praktischen Ausgestaltung zum Gegenstand einer besonderen Anssprache zu machell, und Herr Dr. Löweuberg erklärte sich freundlichst bereit, dar Wer nochmals zu referieren. -- In der Februarsitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung wurde festgestellt, daß die in Nr. 51 des „Gemeindeboten" vom 22. Dezember 19KV abgedruckte Resolution über „die Revision des Unterrichts an den Religionsschulen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" irrtümlich veröffentlicht worden ist. Sie stellt in dieser Form nicht den Beschluß der Versammlung dar, sondern nur den Vorschlag des Referenten. Die endgültige Fassung, in der das Gesuch auch an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde abgegangen ist, hat vielmehr folgenden Wortlaut: Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" bittet den Vorstalld der Jüdischen Gemeinde, die Revision der Religionsschulen rmch folgenden Gesichtspunkten eitler Neuordnung zll unterziehen: 1. Es lnöge eine allgemeine Revision des Unterrichts an sämtlichen Religionsschulen