Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · p. Seite 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229307--73137-3285601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

252 - Haltung", die auch das Kriegsjahr ihm nicht'straffen konnte, » und bei den Mädchen das scharfe R der Roschminer Aussprache. j Dann kann ich vor allem Jantes ewige Heiratspläne nicht mehr mit anhören und ihr klagendes Lob über Roschmins Vorzüge. Je mehr Hindernisse sich „dem Schiddach" in den Weg stellen, desto sehnsuchtsvoller wird ihre Klage nach dem verlorenen Paradies. „Aber, Tante, wenn es dir dort immer so gefallen hätte, wärst du doch nicht hierhergezogen!" „Aber, Kind, darum doch nich. Was soll ich machen? Wostock ist doch en Ort. Hier wird so ’n Mädchen doch eher gesehen. Wer sieht se nebbich in Roschmin?! Freilich muß mer auch dazu tun, sonst - —" (ein Seufzer zittert, durch die Luft, er scheint die Brücke zu schlagen zu dem, was nun kommt). „Un nu komm mal her, mein Tochter. Du bist doch en vernünftig Mädchen, mit dir kann mer doch schon Deutsch reden." — Und ob ich nun wirklich mich benommen habe, wie ein „vernünftig Mädchen", das weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe Tante mit starren Augen wie ein dummer Backfisch angestaunt, und so mag ich wohl auch gedacht haben, als sie mit mir „deutsch geredet hatten". Der Roschminer Chassen hat — nein, was der Mann für ein reich sortiertes Lager in seinem Laden hat, — auch einen älteren Fabrikbesitzer aus — aus — ich Unglücksmensch, nun habe ich doch wahrhaftig vergessen, wie die Stätte meines zukünftigen Glückes heißt. Kurzum also, er hat auch einen reichen Witwer mit fünf Kindern, sogar ein Vetter seiner Frau, — ich habe Tante gefragt, ob wir es daraufhin billiger kriegten, worüber sie sehr böse war, — auf Lager. Der will sich wieder verheiraten. Eben mußte ich vor Vaters Stasfelei treten und ihm in Gedanken, als ob er mitlachen solle, erzählen: Väterchen, denk' doch, was sie mit deiner Trnde Vorhaben. Und die das vorhat, ist deine leibliche Schwester. — Was wohl Günther zu der Sache sagen würde? — Ich glaube, er würde wieder staunen, daß ich harmlos und herzlich lachen kann über etwas, was er als abgrundtiefe Scheidewand sieht zwischen Tante Phine und mir. Ach, Günther, wenn mich alles so wenig kümmerte wie der reiche Witwer aus — aus — nein, wie mich das quält, daß ich den Namen nicht mehr weiß —?! Schade, daß ich es Günther nicht erzählen kann, schade, daß es etwas bei uns gibt, um das man sich vor der anderen Rasie schämen würde, und das doch — man faßt es nicht — bei uns noch immer in hohem Ansehen stehen und sich so sehr oft bewährt haben soll. Tante glaubt ja überhaupt nur an eheliches Glück, wenn ein Schadchen es geschmiedet hat. „Glaub' nur, bei die Liebesheiraten, da ikemmt's dicke Ende immer nach. Tann fangen de Geseires an, und de Liebe dauert nicht lange." Folgen die unzähligen Beispiele, die ich gern, wenigstens aber bei häufiger Wiederholung geduldig anhöre, und die Paula und Rosa zur Verzweiflung bringen. Für Benno ist die Sache noch nicht spruchreif, er bekommt sie nicht so oft zu hören. „Um den mach' ich mer keine Sorge", sagt Tante so triumphierend stolz, als habe sie ein Königreich zu verschenken, „der kriegt zehne. Erst sollen de Mädchen versorgt sein." Wenn ich dann weggehe, zanken sich zwei Parteien — hie Paula — Rosa; hie Benno —, wer mich begleiten darf. Zuletzt soll ich selbst wählen, „Aber so geht doch alle drei mit, desto mehr freue ich nnch doch", sage ich lachend. „Ich denk nicht dran", sagt Benno; „wenn die beiden mit sind, kommt nie ein vernünftiges Gespräch zustande. Da gibt's immer was zu lachen und zu gaffen. Da ist mir meine Zeit zu wertvoll." Paula wirft ihm einen Blick so voll stolzer Verachtung zu, daß Rosas drastisches: „Alter, grober Mel!" dagegen verblaßt. „Tante Trude, nun gehen grad wir mit. Nicht der!" : - „Zankt euch nicht!" entscheidet Großmama. „Wie er im Felde war, Ham se sich wolln zerreißen for'n. Schnorren hält ich kennen gehen, wenn's nach die gegangen wär'. Was se in e Schaufenster gesehen haben, das haben se wollen BeNno schicken." „Na ja," sagt Paula und bemüht sich, unliebenswürdig zu sein, „im Anfang war man so verrückt mit dem Felde". „Und was man in den Roschminer Läden viel sieht, Tante Trude!" So lenkt Rosa ab. „Zu was nennt er se eigentlich immer Tante!" fällt Großmama ein. „Se is doch keine sufzig. Se is eure Großcousine, also nennt se dein Vornamen". Aha, das danke ich dem Lehrer aus Roschmin und seinem Vetter, dem Witwer. „Entscheide du", sagt Rose und schmiegt sich zärtlich in meinen Arm, „wie sollen wir zu dir sagen!" Und ich ebenso: „Sagt, wie es euch am besten gefällt." „Dann sagen wir weiter Tante Trude. Was?" Beim letzten Wort wendet sie sich an die Geschwister, die ernst nicken. „Wir können doch schließlich nicht Trude sagen, als ob du einfach unseresgleichen wärst." (Fortsetzung folgt.) Lum Mte der Menbarmig. Von Nathan Cohn (Charlottenburg). den ersten Frühlingstagen, H Wenn die zarten Knospen springen, Hört das Volk man fromme Weisen Dankbar unsrem Gotte singen. Weil errettet er die Väter, Ihre Feinde hat bezwungen. Weil, erlöst aus Fron und Fessel, Ihnen Freiheit hat errungen. Doch da Freiheit nur kann frommen, Wenn sie lauter ist und echt. Darum von des Berges Gipfel Kündet Gott Gesetz und Recht. — Was aus seinem Gnadenborne Unsre Väter einst erhalten, Wir, die Söhne, müssens wahren. Nimmer darf's bei uns erkalten. Wenn dem Vaterland zur Ehre Wir seit Jahren blutig ringen, Muß der Kampf für Recht und Freiheit Uns auch hier Erfüllung bringen. — Prangt der Lenz in schönstem Glanze, Geb' er unsrer Hoffnung Nahrung! Daß der Frieden bald einherzieht. Sei des Festes Offenbarung! Berichtigung. Auf S. 230 statt im T r a u m ist zu lesen in Treue, statt Machtlokes Machlokes, statt SchiSkajem Lehiskajem. Nachtrag?u dem Artikr! in Kr. 2ll, S. 233. Das Buch, dem die ausführliche Besprechung gilt, führt den Titel: „Eduard Sueß, Erinnerungen." Mit 2 Bildnissen und 4 Textabbildungen. Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1916. 451 Seiten. Es ist, wie man es bei der berühmten Verlagsbuchhandlung gewohnt ist, sehr vornehm ausgestattet. L. 6.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.