Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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zum Beispiel. Unlängst noch hat Zabotinskh (der russische Name verträgt sich stets mit der jüdischen Konfession) im „Odessaer Blatt" dies ausführlich motiviert: Die sechs Millionen russischer Juden würden durch Ausscheiden der zwei Millionen polnischer Juden numerisch, materiell und kulturell schwer geschädigt; würden diese zwei Millionen den >Polen ausgeliefert, könnten sie nicht mehr vor der Duma ihre Klagen Vorträgen, wie würden die Polen mit ihnen umspringen!" Die Frage aber, die uns an dieser Stelle eigentlich angeht, wird von Brückner, der seine Ansicht früher in diesen Blättern dargelegt hat, nicht berührt. In einer neuen Zeitschrift), die in französischer Sprache in Lausanne erscheint, Von der mir nur eine einzelne Nummer zugekommen ist, aus der mir die Stellungnahme des Blattes nicht so klar geworden ist, daß ich mich bestimmt darüber aussprechen föunte, wird der Juden nur einmal gedacht. Aber dies geschieht nicht in einem Artikel, in dem das künftige Verhältnis der Juden in Polen beleuchtet wird; vielmehr wird ein Aktenstück mitgeteilt, eine Art Glückwunschschreiben des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde in Warschau an den provisorischen Staatsrat, das hier in deutscher Uebersetzung folgen soll, da es in diesen Blättern noch nicht mitgeteilt worden und, wenn ich nicht irre, auch sonst in Deutschland unbekannt geblieben ist. (Vergl. die Uebersicht „Die Woche" in Nr. 15.). Dieses Schreiben lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: „Da unser Vaterland sich inmitten des Brandes eines Weltkrieges zu einem neuen Leben erhebt, grüßen wir mit Bewegung und Begeisterung die Morgenröte der Freiheit, die an unserem Horizonte aufgeht. Wir grüßen die höchste öffentliche polnische Macht der Gegenwart mit dem festen Glauben, daß ihre Anstrengungen uns bald zu dem gewünschten Ziele bringen werden, d. h. zu der Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Staates. Wir grüßen mit Freude das Manifest des Staatsrates und seine Worte, welche, voll der Traditionen der Vergangenheit und eines wahrhaft demokratischen Geistes, sich an alle Bürger wenden, gleichgültig welches ihr Ursprung oder Stand sei, sie zum Dienste für das Vaterland aufrufen im Namen der Gleichheit, des Rechtes und der Pflichten. Bereit zu gehorchen, vereint in unseren Gefühlen und Zielen, streben wir nur danach, unsere Kraft und unsere Opfer mit denen aller $u vereinigen zum Wohle und Blühen unseres Vaterlandes." Endlich ist darauf hinzuweisen, daß eine angesehene deutsche Monatsschrift ein besonderes Heft der Ostsrage widmet und dabei in manchen Aufsätzen der Juden gedenkt^). Die „Süddeutschen Monatshefte" veröffentlichen ein neues Heft, das sich mit dem Osten beschäftigt. Untrennbar davon ist die Judenfrage. Die kleine Geschichte von Perez, eigentlich mehr ein Stimmungsbild der „Emigranten", gehört eigentlich ebensowenig hierher wie Kaplan Kogans Schrift, ein Bücherverzeichnis der Wissenschaft des Judentums. Letzteres charakterisiert sich dadurch, daß die Namen Leopold Zunz und Abraham Geiger fehlen, daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums" nicht angeführt wird, daß unter den Lokalgeschichten zwar Bücher über die Juden in Spanien und manche Lokalgeschichten angeführt werden, mein Buch aber über die Juden Berlins ignoriert wird, daß der Verfasser ein so parteiisches mib ungründliches Werk wie Liebes „Kulturgeschichte", eine aus zweiter oder dritter Hand gemachte Zusammenstellung, und Pines' oberflächliche „Geschichte der jüdische deutschen Literatur" anzupreisen versucht. Wichtig dagegen und beachtenswert sind die Aufsätze von: Sobernheim „Jüdisches Volksschulwesen in Warschau", Adolf Friedemann „Von einer Reise nach Warschau", recht unbedeutend jedoch Graf Keyerlingk „Vom Juden und seinem Baron". W. Medern: „Die Lage der jüdischen Arbeiter in Polen, gibt ein trotz vieles Schlimmen, das es 31t berichten hat, int ganzen erfreuliches Bild jüdischen Tätigkeitsdranges und jüdischer Arbeitslust. Das merkwürdigste Stück des interessanten Heftes ist wohl der Brief von H. H. Ehrler „An einen Juden". Er ist ein bißchen gönnerhast-bevorntundend, aber von 7) „Le Moniteur Polonais, Revue Politique“, No. 3. Fevrier 5, 1917. 27 Rue de, Bourgv Lausanne. 6) „Süddeutsche Monatshefte", Februarheft 1917: „Fragen des Ostens"! Darin besonders Jüdisches S, 556, 557 bis 562, 563 bis 567 (M. Sobernheim, „Jüdisches/ Bolksschukvesett in Warschau"). wohltuenden Empfindungert beseelt, und der Satz, mit dem der Brief, schließt: „und nicht wahr, Jakob, du willst nichts anderes sein als ein deutscher Jude" ist mir und gewiß vielen anderen aus der-Seele geschrieben. Der aphoristische Charakter, den diese Notizen tragen, ist nicht meine Schuld, er liegt vielmehr an den verschiedenartigen gelegentlichen Broschüren und Aufsätzen, die dieser Frage gewidmet sind. Eine Angelegenheit, die noch im Fluß ist, kann nicht in abschließender Weise gelöst werden, und man muß der Zukunft überlassen, das entscheidende Wort zu sprechen. Aus unseren politischen Uebersichten ist für unsere Leser ersichtlich, daß in Rußland große Dinge vorgegangen sind und vielleicht noch größere erwartet werden. Es ist gar keine Frage, daß diese allgemeine Entwicklung in Rußland auch eine gewaltige direkte Nachwirkung auf die in Rußland wohnenden Juden üben muß und gewiß nicht ohne indirekte Beeinflussung der Lage und der Schicksale der Ostjuden überhaupt bleiben kann. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Bchon den nächsten Mittag brachte mir die Post ein am Morgen geschriebenes Briefchen von Rosa: „Geliebte Tante Trude! Ich habe säst die ganze Nacht gebetet und geweint, weil ich nicht schlafen konnte vor Reue und guten Vorsätzen. Eben hat es aber doch schon wieder Krach gegeben. Mit Großmama ist eben nicht auszukommett. Dir kann ich nichts vorlügen. Deine Dich entsetzlich liebende Rosa. P. S. Diesen Brief nimmt mir die Milchfrau mit. Ich kann Dir gar nicht sagen, wo ich ihn schreibe. Es ist der einzige Ort, an dem man mal einen Augenblick Ruhe hat. Was meinst Du, was Großmama schimpfen würde, wenn sie wüßte, daß ich 5 Pf. Porto ausgebe. Alte Leute sind doch gar zu geizig. Ach, das Leben ist doch manchmal furchtbar. Am liebsten möchte ich tot sein. D. O. Ja, ja, kein Mensch soll den Größenwahn haben, sich einzubilden, daß er aus Menschen und Dinge Einfluß habe." * Wenn doch Günther nur mehr käme! Er kommt jetzt so selten. Zu Tante gehe ich immer erst, wenn seine Dienststunden im Lazarett begonnen haben, dann kann ich doch seinen Besuch nicht verfehlen. Wenn sie sich dann in der Karlstraße alle vier so mit mir sreuen, dann schelte ich mich selber aus um mein kleinmütig vergeblich Warten vorher und denke: er sollte nur einmal sehen, wie gern sie mich hier haben, was ich denen hier gelte! Merkwürdig, Günther, dem meine Verwandten alle ehrlich unsympathisch sind — es ist mir nicht gelungen, ihn auch nur gegen einen von ihnen, zum Beispiel gegen Benno, der ihm in Alter und Bildungsgrad doch am nächsten kommt, wohlwollender, ja nur versöhnlicher zu stimmen —, hat es doch zu guter Letzt in der Hand, meine Gefühle gegen sie zu bestimmen. Nicht dadurch, daß er auf sie schimpft, soweit ich dies erlaube — im Gegenteil, dann werden sie mir noch lieber, und ich fühle erst, wie näh sie mir stehen. Aber, wenn er so lange nicht kommt, dann habe ich das Gefühl, er wirst mich mit ihnen in einen Topf — und dann werde ich klaräugig für Fehler, die sonst nur er bei ihnen sieht. Dann stört mich Bennos „schlappe