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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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&mm Zä'M Deutschen Reich wohnenden Juden eine Ostjudensteuer erheben und für -die Ostjuden benutzen solle. Er verlangt ferner, daß man die Beschränkungen des Wohnsitzes auf die Städte aufheben, die Juden dem Kleinhandel entziehen, der Gärtnerei zuwenden, daß man aber hauptsächlich die einkommenden Gelder dazu benutzen solle, um ihnen „in Palästina eine befriedigende Existenz gründen zu Helsen". Ich halte diese Vorschläge für durchaus verkehrt. Zunächst deswegen, weil außer den Alldeutschen kein Mensch wünscht, daß von den eroberten russischen Landesteilen größere Stücke zu Deutschland gelangen oder bei Deutschland verbleiben, sondern weil bei allen vernünftig Denkenden das Verlangen besteht, daß das neu geschaffene unabhängige Königreich Polen eine dauernde Gestalt erhalte. Sodann deswegen, weil man den Juden eines Landes nicht dadurch hilft, daß man sie einfach herauskomplimentiert. Man gewähre ihnen vielmehr die volle Freiheit, und man wird, wenn auch freilich erst nach dem Ablauf einer gewissen Zeit, zu seinem Staunen sehen, mit welchem Geschick sich die Juden den neuen Verhältnissen anpassen, mit welcher Liebe sie, sobald sie Staatsbürger geworden sind, sich neuen Berufen zuwenden und in ihnen ihre Kräfte üben, und mit welchem Eifer sie bestrebt sein werden, ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen. Vom jüdischen Standpunkte aus wird statt solcher Forderungen, wie sie in Preußen und Deutschland dem Gesetze nach, in Frankreich, England und Italien auch dem Sinne nach erfüllt sind, daß nämlich die Juden, von den übrigen Staatsbürgern nur durch den Glauben getrennt, mit den Bewohnern anderen Bekenntnisses zum Wohle des Ganzen Mitarbeiten, immer wieder die Ansicht erhoben und daran Forderungen geknüpft, daß die Juden ein Volk seien. So verlangt Max Rosenfeld2) „Sicherung der nationalen Existenz, und zwar der Existenz als Minderheitsnation auf dem polnischen Territorium". Ich erblicke darin die schlimmste Gefahr, ja geradezu ein Unglück. Durch solche nationale Sonderung, von deren Gestaltung ich mir übrigens keinen rechten Begriff machen kann, würde die Bildung eines Vaterlandsgefühls bei den Juden gehindert oder geradezu unmöglich gemacht, in den Polen die Anschauung erweckt oder gestärkt werden, in den Juden eine anders geartete und infolgedessen auch anders zu behandelnde Masse zu sehen: einen feindlichen Staat im Staate. Durch solche nationale Sonderung würde also den Juden kein Heil widerfahren, sondern das schlimmste Unheil für sie und für den neuen Staat bereitet werden. Trietsch^) vertritt in gemäßigter ruhiger Weife seinen früher oft und lebhaft geäußerten Grundsatz, die Ostjuden nach dem Orient, hauptsächlich nach Palästina, jedenfalls in ein der Türkei gehöriges Gebiet zu verpflanzen und sie dort zur Industrie und zur Landwirtschaft, hauptsächlich einer Art industrialisierten Landwirtschaft, zu erziehen. Von einem jüdischen Staat spricht der Verfasser nicht, und ich würde mich freuen, wenn er diesen Gedanken aufgegeben hätte. Freilich fetzt er bei seinem Plane den guten Willen der Türkei voraus, so viele neue Ansiedler aufzunehmen, was immerhin fraglich ist, und er nimmt ferner an, daß, da die Kosten für die einzelnen Auswanderer unerschwinglich sind, andere für diese Kosten aufkommen; endlich hält er es für möglich, daß Palästina, was von Philippfon und anderen stark bestritten wird, das geeignete Klima für die ganz anders gearteten und gewohnten Einwanderer bilden werde. Im allgemeinen find wir gegen eine starke Besiedlung Palästinas schon wegen des mit diesem Lande Ms verbundenen nationlen Gedankens und glauben nicht recht daran, daß die östlichen Juden, die, wenn es ihnen nicht allzu schlecht geht, nun einmal an dem Lande hängen, in dem sie durch Generationen gelebt haben (nicht aus Vaterlandsliebe, sondern aus einem gewissen Bodeninstinkt oder aus Gewohnheit), eine wirkliche Geneigtheit besitzen, ihre Heimat zu verlassen, können aber vor allen Dingen nicht umhin, immer wieder aus den Satz zurückzukommen, daß eine geordnete Verwaltung, die den Juden Gleichberechtigung, Bewegungsfreiheit und Erwerbsmöglichkeit im weitesten Umfange gewährt, aus den Ge- 2) „Polen und Juden." Zeitgemäße Betrachtungen von Tr. Max Rosenfeld. 1917, R. Löwit Verlag, Berlin und Wien. *) „Die östliche Judenfrage." Von Davis Trietsch. Sonderabdruck aus der Deutschen Monatschrift für Politik und Volkstum „Der Panter". knechteten frei atmende und Willensstärke Bürger machen kann, — Ten Standpunkt, den ich selbst eirmehme, finde ich am Tarstjen und richtigsten in einem Aussatzwertrei'sn, der sich in der angesehenen Monatsschrift „Nord und Süd" findet. St. A. Kempner* *) erkennt an, daß es drei Lösungen dieser Frage gibt: 1. die Zuerkennung der Rechte der nationalen Minderheit, oder 2. die Zuerkennung der vollen politischen Rechte, oder 3. die Einführung von allerlei Beschränkungen, will aber von der ersten nichts wissen, die dritte nicht gelten lassen und bespricht daher ausführlich nur die Zweite. Er ist sich voll bewußt, daß eine volle Anerkennung der Rechte der Juden schwierig sei, teils, weil die Polnische Gesellschaft in ihrer großen Mehrheit eine Auswanderung der Juden verlange, teils, weil Massen von Juden existieren, die einer Gleichstellung widerstreben. Er verhehlt sich auch die Schwierigkeit nicht, die durch den Jargon entstehe; das Verlangen, die althebräische Sprache wieder zu beleben, lehnt er dagegen ab. Nach seiner wohlgeführten Untersuchung kommt er zu folgenden Sätzen: „Den Juden kommt in Polen die vollständige politische Gleichberechtigung zu. Aus diesem Rechte wird die Pflicht, sich die polnische Kultur anzueignen, folgen. Mit Hilfe der Schule und der allgemeinen gesetzlichen Regeln, für alle Bürgen des Landes angewendet, kann ein gewisser moralischer Zwang ausgeübt werden. Für die Massen, in denen der Jargon ziemlich tiefe Wurzeln geschlagen hat, sollte man auf den niedrigeren Unterrichtsstufen die polnische Lehre erleichternde Uebergangsforrnen anwenden. Das Recht der nationalen Minderheit, aus die Juden angewendet, wäre sowohl für das Land als für sie ein schädliches, die sozialen Streitigkeiten verschärfendes Experiment der Nationalisierung^ Endlich fügen wir noch hinzu, daß eine völlige religiöse Toleranz, die wir in unseren Ausführungen nicht berührt haben, selbstverständlich ist." Auch die „Neuen Jüdischen Monatshefte"^), aus denen wir schon manche Proben gegeben haben, besonders bei Gelegenheit einiger Aufsätze von Gothein, Kosch, einiger offizieller Aktenstücke und endlich durch den Hinweis auf Hermann Cohens tapfere Abwehr von Schmollers Angriff, gehen vielfach auf polnisch-jüdische Verhältnisse ein. In Nr. 4 spricht ein Arzt von der körperlichen Regeneration der Ostjuden. Er schreibt die große Sterblichkeit vom Oktober 1915 bis zum Mai 1916, innerhalb deren die Zahl der Todesfälle die der Geburten um 40°/o überschritten hat, der schlechten Ernährung und der Unsauberkeit zu. In Nr. 6 gibt Prof. M. Sobernheim ein Bild der jüdischen -Schule in Warschau und kommt zu dem Resultat, daß der beste und erfolgreichste Unterricht den Kindern nur in ihrer Muttersprache erteilt werden könne. In Heft 9 spricht ein Ungenannter von den Lodzer Stadtratswahlen und ihrer Bedeutung für das polnische Judentum. Von den 60 Mandaten haben die Nationaljuden im ersten Ansturm 25 (23 Bürgerliche, 2 Arbeiter) errungen; in den anderen Parteien sind noch 6 Juden gewählt, die in vielen politischen.Fragen mit der nationalen Gruppe Zusammengehen. Dieser merkwürdige Wahlausgang, der für die Kenner nicht , überraschend gewesen sein soll, erweist dem Verfasser die Tatsache, daß der größte Teil der Orthodoxie für die nationalen Führer gestimmt hat. In seinem aufschlußreichen Aufsatz „Die polnische Fraget) geht Alexander Brückner, soweit ich sehe, nur an einer Stelle auf die Juden ein und sagt über sie folgendes: „Die russischen Juden, die gerade in der liberalen Publizistik, von der „Rjetsch" in Petersburg angefangen bis zu angesehenen Provinzblättern in Kiew, Odessa und anderen Orten, oft eine ausschlaggebende Rolle spielen, sind die entschiedensten Gegner jeglicher weiterreichenden polnischen Autonomie, namentlich jeglichen Ausscheidens der Polen aus dem Reiche, eines polnischen Landtages 4) Kempner: „Die jüdische Frage in Polen." „Nord und Süd", Märzhest 1917, S. 296/307. 5) „Neue Jüdische Monatshefte." Verlag der Neuen Jüdischen Monatshefte, Berlin/München. 1. Jahrgang, Heft 1 bis 10. Das letzte mir zugegangene ist vom 25. Februar 1917. *) „Die polnische Frage." Von Alexander Brückner. Sonderabdruck aus der „Deutschen Rundschau" (Herausgegeben von Bruno Hake. Verlag von Gebr. Paetel sDr. Georg Paetels, Berlin), November 1916, S. 168/196.

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