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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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- ■ : —■ 240 ----- Würdig, baim wäre ich es auch hier. Ich bat, mir schonungslos zu sagen, wie meine Aussichten hier wären. Darauf sagte der Hauptmann: „Ich verstehe, wenn Sie Kamps und Entbehrung beim Regiment durchgemacht haben, wollen Sie auch hier befördert sein. Ich teile Ihren Standpunkt,, das Bataillon ist durchaus für Ihre Wahl, aber Sie wissen ja, der Regimentskommandeur ist an keinerlei Reihenfolge bei Zurwahlstellung der Aspiranten gebunden, und bei der großen Zahl sind Ihre Aussichten nicht groß" Und jetzt kam etwas sehr Interessantes. „Auch das Bezirkskommando hat bei seiner dienstlichen Auskunft über Sie hierauf aufmerksam gemacht." — Mit anderen. Worten, das Bezirkskommando, also eine „objektive Behörde", macht das Regiment darauf aufmerksam: Ter Ungefragte ist Jude, und wir haben doch so viel christliche Aspiranten! Im Reichstag und Landtag Pflegt der Kriegsminister beim Militäretat alljährlich zu erklären: Wir, die Militärbehörde, sind durchaus gegen die Zurücksetzung der Juden, aber das Wahlrecht der Offiziere können wir nicht beeinflussen! — Der Bataillonsführer erklärte schließlich, noch einmal mit dem Regimentskommandeur reden zu wollen. -- Sachlich ist alles beim alten geblieben. Ich habe hier reichliche Gelegenheit, die Tätigkeit der Juden an der Front zu beurteilen. Hier beim Regiment, ebenso bei unserer Artillerie, sind sehr viele, die künstlich niedergehalten werden, nicht obwohl, sondern weil sie sehr tüchtig sind, willig und forsch. Die ganze Hetze hatte nach meiner Erkenntnis nur den Zweck, zu verhindern, daß die notorische Tüchtigkeit der Juden im Heere — man denke an die außergewöhnlich große Zahl der jüdischen Flugzeugführer — bekannt und anerkannt wird. Dann wäre es womöglich für die privilegierten Kreise schwieriger geworden, das Militärmouopol zu behalten. Darum arbeitete man nach dem bekannten System „Haltet den Dieb!". Ich kann nur wiederholen, es ist erstaunlich, wie viele Jilden man hier in den vordersten Stellungen sieht, aber woher sollen die Maulhetzer in Deutschland auch wissen, wie es an der Front zllgeht! Ich habe bisher stets gegen alle konfessionellen Unterscheidungen gearbeitet; ich hasse die Leute, die überall Antisemitismus riechen, fast alle meine Freunde sind christlichen Glaubens. Aber jetzt bin ich gelvaltsam in die Opposition gedrängt, und ich gedenke, diese Lebenserfahrung nicht zu vergessen. Das Bewllßtsein, hier immer verbitterter zu werden und den Herren mehr lästig zu fallen als zu helfen, hat mich oft schon die Frage aufwerfen lassen, ob ich nicht meine Kraft lieber an einer anderen Stelle betätigen sollte, wo meine Friedenskenntnisse mehr nützen können als meine so wenig erfolgreicher: militärischen Qualitäten." In der Diskussion wurde übrigens auch von konservativer Seite llnurmvunden anerkannt, daß man durchaus auf dein Standpunkt 1 stehe, den tüchtigen Juden zum Reserveoffizier zuzulassen und selbstverständlich ihn als Kameraden völlig gleichwertig zu behandeln. Man hat diesen Standpunkt früher nicht vertreten, aber man habe in jenen Kreisen die Erfahrung gemacht, daß jüdische Reserveoffiziere sehr Tüchtiges geleistet hätten. Aber der Redner verlangte, daß an der „demokratischen Einrichtung des Wahlrechts des Offizierkorps" des Regiments und an den: Auswahlrecht des Regimentskommandeurs nichts geändert würde. Bon fortschrittlicher Seite wurde zwar dankend anerkannt,, daß nunmehr erstmalig auch von konservativer Seite der Beförderung jüdischer Aspiranten zu Reserveossizieren vorbehaltlos zugestimmt werde, aber gleichzeitig auch hervorgehvben, daß das Wahlrecht des Offizierkorps das Gegenteil einer demokratischen Einrichtung sei, nicht einmal von Oligarchie könne n:an sprechen, sondern es sei die Ergänzung der Kaste durch die Zuwahl. Wenn naturgemäß für einen: jüdischen Offizier der gesellschaftliche Verkehr in einen: antiseuntischen Offizierkorps sehr peinlich und unangenehm sei, so müsse man eben von dem Anstand eines jeden Offiziers erwarten, daß er den jüdischen Kameraden als vollständig gleichberechtigt ansehe, nach jeder Richtung hin, auch nach der gesellschaftlichen. Nur wenn diese selbstverständliche Forderung erfüllt werde, könne u:an das allmähliche Verschwinden solcher Vorurteile erwarten. Wenn der Kriegsminister in seiner Antwort betont habe, daß der fortschrittliche Redner doch nur sehr wenige Fälle zur Sprache gebracht habe, so könnte er stundenlang solche Beschwerden Vorbringen. Ihm kam es lediglich daraus an, an einiger: charakteristischen Beispielen zu zeigen, wie es tatsächlich noch in manchen Regimentern gehalten werde. Er bitte den Kriegsminister, einmal die Regimenter festzustellen, in denen Juden nicht zu Reserveoffizieren befördert würden2). In der weiteren Debatte wies der fortschrittliche Redner noch aus das nachahmenswerte Beispiel Bayerns hin, das von jeher in der Frage der jüdischen Offiziere viel fortschrittlicher gewesen sei als Preußen. Man könne in Abänderung eines Wortes des Fürsten Bülow sagen: Bayern in Deutschland voran. Die amtliche Berufsstatistik von 1907 S. 74 zählt im Deutschen Reich als „Offiziere und Beamte mit gleichstehendem Range" 16 Juden auf unter 33 067 Offizieren, also 0,05 Prozent. Sämtliche starnmen aus Bayern. Für 1911 sind dem Gewährsmann aus Bayern 11 solcher Offiziere und Beamten bekannt, aus anderen Bundesstaaten keine. Auch jetzt gibt es in Bayern einige aktive jüdische Offiziere, Militärärzte und Militärbenmte; ihre Zahl wird von unterrichteter Seite auf 23 bis 25 geschätzt, u. a. 1 Major, 5 Leutnants, 3 Oberstabsärzte, 1 Stabsarzt, 1 Assistenzarzt, 1 Kriegsgerichtsarzt, 1 Obermilitärintendantur-Bausekretär; von diesen wurden drei Leutnants irn Kriege ernannt.* Ein Herr, welcher jetzt Oberstleutnant und Regimentskommandeur ist, war als Jude im bayerischen Kadettenkorps und ist erst vor kurzer Zeit zun: Christentum übergetreten, und zwar aus privaten Gründen. Im Kriege siel ein jüdischer bayerischer aktiver Major. Pensionierte jüdische Offiziere und Militärärzte gibt es in Bayern noch viele, darunter mindestens zwei im Generalsrang. Bis etwa 1900 gab es in Bayern noch 16 jüdische Generalärzte, im Jahre 1908 1 aktiven Oberstabsarzt, 5 aktive Stabsärzte und mehrere Oberassistenz- und Unterärzte. Während dieses Krieges wurden in Bayern zum erstenmal jüdische Majore der Reserve ernannt; es gibt dort jetzt deren etwa neun bis zehn. NstMjsches. Bon Ludwig Geiger. ie wichtige Frage, was wird aus den Ostjuden, hauptsächlich, den Millionen, die in Rußland selbst und den eheiuals russischen von der: verbündeten Truppen eingenommenen Gebieten lebep, hört nicht aus, die Politiker zu beschäftigen, nicht bloß Juden, sondern auch Christen. Zu den letzeren gehört, wenn ich recht unterrichtet bin, Erich Bischo.fsi), dessen Schrift von der Verlagshandlung als die Lösung der Frage mit hochtönenden Worten begrüßt wird. Auch der von der Verlagshandlung gepriesene Verfasser nimmt den Mund Ziemlich voll. Er sagt von sich: „Ich kenne die alten und die neuen Juden, ihre hebräische, rabbinische, neuere und neueste Literatur, ihre religiösen und anderen Sitten und Gebräuche sowie wohl alle wichtigen Schriften über das Judentum und nicht minder auch das sogenannte Ostjudentum, dessen Angehörige ich nicht nur in Deutschland und Böhmen als Eingewanderte, sondern in Polen und Galizien als Ansässige studiert habe." Diese Ostjudeu in: engerer: Sinne, d. h. die in Kurland, Kongreß- Polen und den übrigen in de:: Besetzungsgebieten wohnenden Juden, werden von dem Verfasser auf annähernd drei Millionen gerechnet. Sie werden als Händler, als Talmudjuden und als Leute charakterisiert, die, durch ihre Berkehrssprache von den Modernen getrennt, in ihrer politischen Gesinnung teils nach Deutschland sich sehnen, wenig nach Rußland verlangen, hauptsächlich aber als eine nach einer zionistischen Republik strebende Masse dargestellt. Der Verfasser sucht ferner darzutun, daß den Reichsdeutschen nur diejenigen Juden angehen, die in Zukunft dauernd unter reichsdeutscher Botmäßigkeit stehen werden. Die Frage aber, was mit diesen ostdeutschen Juden geschehen soll, beantwortet der Verfasser dahin, daß man die Gelder des Hilfsvereins, des Verbandes und des Zentralvereins für sie flüssig machen, von den schon im -’) Der Redner hatte u. a. auch einen Fall erwähnt, lvo ein jüdischer Kriegsfreiwilliger (Jurist), seit August 1914 in: Besitze des Eisernen Kreuzes, mehrmals im Osten verwundet, der die Osfiziersprüsung mit Ia bestanden hatte im Gegensatz zu seiner: jüngeren Kameraden, nicht zun: Offizier gewühlt wurde. *) „Bibliothek für Bolks- und Weltwirtschaft." Herausgeber: Prof. Dr. Franz v. Mammen. Heft 28: „Klarheit in der Ostjudensrage." Tatsachen, Gedanken und Grundsätze von Dr. Erich Bischiosif. Dresden und Leipzig, Globus, Wissenschaftliche Verlagsanstalt. 1916. Preis 1,50 Mark.!

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