Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229307--73133-3285597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sich mit den Juden. Schließlich sei noch bemerkt, daß wir den Juden der Champagne chas berühmte „Machsor Vitry" zu verdanken haben; das ist ein Kompendium von talmudischen und liturgischen Ueberlieserungen, als dessen Verfasser Simche bei Samuel aus Vitry-le-Brule gilt. In der modernen Zeit waren die jüdischen Gemeinden jener Gegend in dem Konsistorium von Lille zusammengesaht, dem außer Lille noch Bonlogne, Chalons, Dünkirchen, Reims, Epernay, Roubaix, St. Quentin, Sedan, Valenciennes und Vitry-la-Franqvis angehörten. Bis jetzt hat die Front die Flußgebiete der Scarpe, der Somme, der Oise und der Aisne durchlaufen, nunmehr tritt sie in dasjenige der Maas ein, welches im Mittelalter zu Lothringen gehörte. Lothringen, das in der jüdischen Literatur wie im Altfranzösischen Lothier genannt wird, war nämlich seit der Regierungszeit Ottos l. die Bezeichnung für das Herzogtum gleichen Namens, welches das Gebiet der Maas, der Mosel und eines Teiles des Niederrheines umfaßte. Hier hat es ohne Zweifel schon sehr früh ganz bedeutende jüdische Gemeinden gegeben. Die jüdischen Gelehrten Lothringens standen in hohem Ansehen; sie wurden Gaonen, Große, Weise u. dgl. genannt und vermittelten den Verkehr zwischen den Schulen Frankreichs und Deutschlands. Die bekanntesten Zentren sind Metz, wo schon im Jahre 888 Juden erwähnt werden, Worms, Speyer, Mainz und Köln, über deren Judengemeinden eine umfassende Literatur besteht. Südlich von Metz nimmt die Front eine andere Richtung und verläuft zum Teil parallel mit der deutschfranzösischen Grenze über die Vogesen durch den Sundgau bis an die Schweiz, also im großen ganzen durch das Elsaß. Frühere Geschichtsschreiber waren der Meinung, daß das Elsaß schon in der Römerzeit oder doch unter den Karolingern von Juden bewohnt war. Diese Meinung hat sich aber bis jetzt noch nicht bestätigt gesunden. Vielmehr ist Benjamin von Tudela der erste Zeuge für die Anwesenheit von Juden in unserer Gegend, da nach ihn: zu seiner Zeit eine ansehnliche Gemeinde in Straßburg bestanden haben soll. Da nun in den Quellen zur Geschichte der Judenverfolgungen während des ersten Kreuzzuges keine elsässische Ortschaft erwähnt wird, scheint die Annahme gerechtfertigt, daß die erste Judeneinwanderung hier um die Mitte des 12. Jahrhunderts, also etwa nach dem zweiten Kreuzzug (1146 bis 1147) stattgesunden hat. Außer in Straßburg finden wir in den nächstfolgenden Jahrhunderten noch Juden in Ehnheim, Hagenau, Wolsisheim ( l), Rosheim, Altkirch, Benseld, Bergheim, Brischweiler, Ensisheim, Erstein, Gebweiler, Herlisheim, Kaysersberg, Kestenholz, Kolmar, Lautcrburg, Markolsheim, Masmünster, Mauesmünstcr, Mülhausen, Neuweiler, Pfirt, Rappoltsweiler, Reichweitweier (nicht Reichweiler), Rheinau, Rufach, St. Pilt, Schlettstadt, Sennheim, Sulz (Lberelsaß) Thann, Türkheim, Wattweiler, Weißenburg, Wörth, Zabern, Zellenberg. (Dagegen haben in Münster im Gregoriental niemals Juden gewohnt.) Allen diesen Gemeinden wurde, wenn sie nicht schon früher vernichtet worden waren, in dein unheilvollen Jahre 1349 ein jähes Ende bereitet. In einzelnen der genannten Ortschaften ließen sich schon wenige Jahrzehnte später wieder jüdische Familien nieder, so in Straßburg, Kolmar, Mülhausen, Altkirch, Hagenau usw., aber ein eigentliches jüdisches Gemeindeleben von dauernden: Bestand entwickelte sich doch erst nach dem Dreißigjährigen Krieg, im 18. und 19. Jahrhundert, als das Elsaß unter französischer Herrschaft stand und eine fortgesetzte Einwanderung von Juden aus Süddeutschland, Oesterreich und Polen stattfand. Die Zahl der jüdischen Familien vermehrte sich von 522 im Jahre 1689 auf 1269 im Jahre 1716 und auf 3919 mit 19 624 Seelen im Jahre 1784. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Jahre 1871 mit 40 938 Seelen, dann folgt eine stettgc Verminderung bis auf 30 483 Seelen im Jahre 1910. Die Gemeinden in Welschlothringen gehören zum Konsistorium Nancy, die deutschlothringischeu zu Metz, die unterelsässischen zu Straßburg, die oberelsäfsischen zu Kolmar. Ueber die Rabbinatsbezirke und die Gemeinden in Elsaß-Lothringen findet man die näheren Angaben im Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Die Lekürdrruns der Juden im tzeere'). n den letzten Sitzungen des Hauptausschusses des Reichstages A fand über die Frage der jüdischen Reserveoffiziere wiederholt eine eingehende Aussprache statt, worüber uns von parla mentarischer Seite das Folgende berichtet wird. Ein sortschrittlicher Abgeordneter erkannte an, daß eine wesent liche Besserung eingetreten sei, aber in vielen Regimentern bestünde nach wie vor die Abneigung, einen Juden zu befördernauch wenn er noch so tüchtig sei, was zu starker Mißstimmung in den betroffenen Kreisen führe. Die Bestimmung sei, daß jemand, der während seiner Dienstzeit als Einjahrig-Freiwilliger nicht zum Osfiziersaspiranten ernannt worden sei, nur infolge Auszeichnung vor dem Feinde alö Offizier in Frage kommen könne. Es liege darin einmal eine Benachteiligung der früheren jüdischen Freiwilligen, die man vor dern Kriege eben gewohnheitsmäßig nicht zu Osfiziersaspiranten gemacht habe, sodann aber sei die Auslegung, die inan dieser Verfügung gebe, eine unglaublich enge. So sei ein Mischer Einjahrig-Freiwilliger bei einem Feldartillerieregiment, der seit Jahren Vizewachtmeister sei, trotzdem er schon zu Beginn des Krieges das Eiserne Kreuz bekommen habe, das damals noch nicht so leicht verliehen wurde wie jetzt, trotz dem er mehrmals verwundet worden sei, also sich doch zweifellos vor dem Feinde ausgezeichnet haben niüsse, nicht zum Offizier befördert worden. Aus dern Briefe eines anderen Osfiziersaspiranten teilte der Redner folgendes mit: „Ich habe nette Vorgesetzte und Kameraden, aber dem Ehrgeiz, die Achselstücke zu erhalten, werde ich beim aktiven Regiment entsagen müssen. Juden werden hier auch jetzt nicht befördert. Man kann also Feldwebel und Offiziersaspirant sein, das Offiziersexamen als Bester unter den Kursusteilnehmern des Regirnents bestanden, da> Eiserne Kreuz wegen Tapferkeit vor dem Feinde erhalten haben und doch in der Zeit der „Läuterung und sittlichen Wiedergeburt" de^ Volkes ungeeignet und unwert sein, eine militärische Stellung zu erlangen, die heute jedem anderen offen steht. Mein Bruder, der genau eben so weit ist wie ich, schreibt mir kürzlich nach seiner dritten Verwundung: „Man kann manchmal im Zweifel sein, ob der Franzose gegenüber oder der Kamerad neben nur im Graben feindseligere Gefühle gegen mich hegt." Der betreffende Bruder sei aber inzwischen Offizier geworden bei einem anderen Regiment. Ein späterer Brief desselben jüdischen Offiziersaspiranten lautet: „Tie Aussichten bei meinem aktiven Regiment sind die gleichen schlechten geblieben. Ich kämpfe diesen Kampf eigentlich nur noch des' Prinzips wegen weiter, denn meine starke Vorliebe für da) Militär hat man mir systematisch ausgetrieben. Da Sie sich für diele Frage interessierten, teile ich Ihnen die Vorgänge mit. Im Anschluß an die Beförderung meines Bruders sprach auf meine Bitte mein Kompagnieführer mit dein Bataillonsführer und dieser wieder mit dem Regimentskommandeur wegen meiner Beförderung. Ter Bataillonsführer, ein äußerst tüchtiger und schneidiger Offizier, ries mich darauf zu sich und sagte mir, er schätze meine Leistungen sehr und halte mich für durchaus zum Offizier qualifiziert, der Herr Regimentskommandeur würde mich warm enrpfehlen, wenn — icij mich, vielleicht zum Regiment meines Bruders, versetzen lassen würde' Ich erwiderte dem Herrn, daß ich nicht gewohnt sei, Erfolge gewissermaßen auf Umwegen zu erstreben. Entweder fei ich zunl Offizier unwert, dann sei ich es hier wie dort, oder ich sei der Beförderung *) Aus den „Mitteilmrgen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Der Bericht ist dem Verein von parlamentarischer Seite zugegangen.