Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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' -— -247 ——— En Heines Gedicht „Orin?elün Ssbdst". Von Dr. Arnold Seligsohn (Berlin). n der Spitze der „Hebräischen Melodien" des dritten Teiles des „Romanzero" steht das prächtige Gedicht „Prinzessin Sabbat". Zu seinen bekanntesten Stellen gehört der parodistische Hymnus: „Schalet, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium!" Um uns die Vortresslichkeit dieser Speise, die dem Ambrosia der griechischen Völker weit überlegen ist, noch anschaulicher zu machen, schildert der Dichter die Visionen, in die der Genuß dieses Sabbatgerichts den Prinzen Israel versetzt: ' „Speist der Prinz von solcher Speise Glänzt sein Auge wie verklärt. Und er knöpfet auf die Weste, Und er spricht mit sel'gem Lächeln: „Hör' ich nicht den Jordan rauschen! Sind das nicht die Brüßelbrunnen In dem Palmental von Beth-El, Wo gelagert die Kamele?" Der Ort Beth-El ist aus dem Pentateuch bekannt. Im 28. Kapitel der ^Genesis wird der Traum Jakobs von der Himmelsleiter erzählt. Jakob hört die Verheißung Gottes, daß er den Boden, auf dem er liegt, ihm und seinen Nachkommen geben wird, daß sein Geschlecht sich nach allen Himmelsrichtungen ausbreiten soll und daß er ihn nie verlassen wird. Es find dieselben Zusagen, die nach dem 18. Kapitel der Genesis der Herr dem Abraham machte, als er ihm erklärte: „Ich will einen Bund machen zwischen mir und dir." Dementsprechend beginnt die Verheißung in Jakobs Traum ,nit den Worten: „Ich bin der Herr, der Gott Abrahams." Die Stätte, wo er den Traum gehabt, hieß bis dahin Lus; Jakob nannte sie aber Beth-El (deutsch: Haus Gottes), weil ihm der Herr dort erschienen war. w Was aber bedeutet das Wort „Brüßelbrunnen"? In der Heine-Ausgabe von Karpeles findet sich keine Erklärung. In der von Elster finde ich die Anmerkung: „Wahrscheinlich Brausebrunnen, brausende Brunnen." In keinem der mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher habe ich das Wort „brüßeln" gefunden, so daß ich nicht weiß, wie Elster zu dieser Erklärung gekommen ist; auch der Umgangssprache dürfte das Wort völlig fremd sein. Nach meiner Ansicht kann aber eine kleine Aenderung in der Schreibweise den Ausdruck sofort verständlich machen. Man schreibe nicht „Brüßelbrunnen", sondern „Briß-El-Brunnen"! .Briß-El", das dem in der nachfolgenden Zeile stehenden Beth- El im Aufbau entspricht, ist ebenfalls hebräisch und heißt auf deutsch „Bund Gottes". Es bezieht sich auf den Bund, den der Herr mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hat. In welchem Zusammenhang stehen nun die Brunnen mit diesem Bunde und mit Beth-El? Nach den Einleitungsworten des Kapitels 28 liegt Beth-El dicht bei Berseba. Dieser Ort lag im Süden Palästinas. Sein hebräischer Namen bedeutet „Brunnen des Eides" und rührt nach Genesis 21, 31 davon her, daß an dem dortigen Brunnen Abraham mit Abimelech unter Eid einen Bund geschlossen hat. In diesem Berseba war es aber, wo der Herr in der Nacht dem Isaak erschien und zu ihm sprach: „Ich bin der Gott Abrahams, deines Vaters; iürchte dich nicht, ich bin mit dir. Ich segne dich und mehre dein Geschlecht um Abrahams, meines Knechtes, willen" (Genesis 26, 24). Und Beth-El, wo die Verheißung an Jakob in jener Nacht erging, liegt nahe bei Berseba, denn von diesem Orte >var nach Genesis 28, 10 Jakob am Tage vor jener Nacht aufgebrochen. Damit ist der räumliche und geistige Zusammenhang zwischen Beth-El und Briß-El gegeben. Man drucke also: „Sind das nicht die Briß-El-Brunnen In dem Palmental von Beth-El." Man könnte noch die Frage aufwerfen, warum Heine nicht die falsche Schreibweise richtiggestellt hat. Da ist daran zu erinnern, daß der „Romanzero" erst im Oktober 1851 erschien, also zu einer Zeih wo der Dichter in seiner Matratzengrust zu lesen nicht mehr imstande war. hinter der Westfront. Von Dr. M. Ginsburger (Kolmar). enn nicht alles trügt, bilden die gewaltigen Ereignisse, die sich zurzeit im Norden Frankreichs abspielen, den> letzten Akt in dem grausigen Drama des Weltkrieges. Aller Augen sind daher auf diesen Schauplatz welthistorischen Geschehens gerichtet, und die Frage: Wird die eiserne Mauer im Westen standhalten?, die für uns keine Frage mehr ist, beschäftigt die Geister aller denkenden Erdenbewohner. Der jüdische Beobachter aber möchte, wie ich aus zahlreichen Anfragen weiß, auch gern etwas erfahren über die Lage seiner Glaubensgenossen einst und jetzt in den vielen Städten und Dörfern, deren Namen in den Tagesberichten angeführt werden- Diesem Wunsche sei im nachstehenden in möglichst gedrängter Form entsprochen. In Flandern erinnern noch jetzt vorhandene Bezeichnungen, wie Jodenstraetje (kleine Judengasse) in Gent, Jöschstroot oder Judenstraße in Eupen (altes Limburg) und andere, an das ehemalige Bestehen von Judengemeinden, was auch durch urkundliche Belege aus dem Mittelalter bestätigt wird. Jetzt wohnen in Flandern bzw. in Belgien überhaupt noch Juden in Brüssel, Antwerpen, Arlon, Gent, Lüttich und Ostende. Zu Flandern gehörte etwa vom 9. Jahrhundert an auch die Grafschaft Artois, das Land der Atrebaten, mit der in letzter Zeit vielgenannten Hauptstadt Arras. Hier soll um 1023 nach Groß, „Gallia judaiea“, S. 72, Jakob ben Jekuthiel aus Rouen am Ufer eines Baches, in dem er gebadet hatte, gestorben und in Reims begraben worden sein. Er war mit dreißig Freunden von dem judensreundlichen Grafen Balduin von Flandern eingeladen worden, sich in Artois niederzulassen. („Magazin für die Wissenschaft des Judentums" IH,46bis48). Im Jahre 1167 erhielt Philipp von Elsaß, Graf von Flandern, mit seiner Gemahlin Elisabeth die Grafschaft Picardie als Brautschatz. Ob damals schon Juden in dieser Gegend gewohnt haben; läßt sich nicht feststellen. Hingegen weiß man aus Verzeichnissen der von den Juden in den Jahren 1298 bis 1300 an den König von Frankreich bezahlten Steuern, daß es in jener Zeit Judenniederlafsungen gab in Roye, La Fvre, Amiens, Verneuil, Montdidier und St. Quentin. An die Picardie schließt sich die Champagne an, die bis zum Jahre 1284 ebenfalls eine selbständige Grafschaft war. Dort wohnten schon in verhältnismäßig früher Zeit zahlreiche Juden. Berühmte Talmudschulen blühten in Trohes, Ramerupt, Dampierre, und von den rituellen Gebräuchen der Juden in der Champagne ist oft die Rede. Ihre Lage war im allgemeinen nicht ungünstig, nur hatten sie schwere Steuerlasten zu tragen. Als die Champagne im Jahre 1284 an Philipp den Schönen kam, mußten die jüdischen Einwohner 25 000 Pfund bezahlen. Ihren Begräbnisplatz hatten sie vermutlich in Reims, wodurch auch die Tatsache sich erklärt, daß der iw Arras verstorbene Jakob ben Jekuthiel in Reims begraben wurde. Schon das im Anfänge des 7. Jahrhunderts zu Reims abgehaltene Konzil beschäftigte