Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 So sind die Aussichten, ungeachtet unserer bewundernswerten Verteidigung gegen jeden noch so wuchtigen Anprall, trotz der großartigen Resultate unserer U-Boote, gegen die unsere Gegner kein Mittel finden, wie sie selbst eingestehen, soviel Mühe sie sich auch geben, trotz der unleugbaren Überlegenheit unserer Luftschiffe und trotz des wirklichen Heroismus, den, in schwacher Nachahmung der an das Wunderbare grenzenden Leistungen unserer Truppen zu Wasser und zu Lande, unsere Zivilbevölkerung im Ausharren und, wo es not tut, im Entbehren bewährt —, so sind die Aussichten auf Frieden ziemlich trübe. Und doch muß er kommen. Wir brauchen nicht zu verzweifeln und haben nicht nötig, auf ein Wunder zu hoffen. Was nun mehr als tausend Tage eines in aller Welt noch nie dagewesenen Ringens von den Unsrigen aller Orten geleistet worden ist, berechtigt uns zu der Hoffnung auf einen endgültigen Triumph, festigt uns in der Ueberzeugung, daß wir aus diesem Kriege hervorgehen müssen und hervorgehen werden als kraftvolle, unbeschädigte, starke, .einheitliche Macht, vielleicht ohne Zuwachs und ohne Entschädigung, aber mit all dem Besitz, den wir vorher hatten, mit der Möglichkeit friedlicher Ausdehnung und des Ersatzes der furchtbaren Schädigungen durch eine lange gesegnete Friedensarbeit, vor allem aber auch mit der Erkenntnis, daß es unser Recht wie unsere Pflicht ist, den übrigen Nationen voranzuleuchten, nicht bloß durch Stärke der Wehrmacht, sondern durch eifrige Pflege der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie, der Kunst und Wissenschaft, und daß unsere Aufgabe nicht minder darin besteht, ihnen gleich zu werden in freiheitlichem Ausbau unserer staatlichen Einrichtungen, in der Vorherrschaft demokratischer Gesinnungen. Denn das bleibt unsere Hoffnung, aber auch unsere Ueberzeugung, daß die Schlagwörter: „Jedem Tüchtigen freie Bahn" und „In Deutschland gibt es keine Parteien, sondern nur Deutsche", aufhören, bloße Schlagwörter zu sein, sondern zu Grundpfeilern unseres Rechts- und Staatslebens werden. Auch das ist eine Offenbarung, die an unser Ohr klingt und tief ins Herz dringt, und von ihr gestärkt wollen wir die Offenbarungstage und „das liebliche Fest" begehen. * Folgende Nachrichten, jüdische Verhältnisse betreffend, sind an dieser Stelle zu buchen: Ein Leser unseres Blattes stellt uns den folgenden Brief zur Verfügung, den er von einem im Felde wirkenden freiwilligen Pfleger erhalten hat: „Heute vor der Nachtwache ging ich auf den Markt. Da sprach mich ein Soldat, sichtlich Jude, an: „Bitte sagen Sie doch mal mit Kaddisch für meine Mutter, die gestern gestorben ist. Ich habe schon neun Mann. Nach dem zehnten suche ich schon eine Stunde." Ich sagte ihm, ich verstünde nicht Hebräisch. „Hauptsache, Sie sind ein Jud'!" Und ich ging natürlich mit. Tief bewegt hat mich diese Totenfeier in Feindesland. Ein Sohn läuft den ganzen Tag herum, zehn Juden aufzutreiben, um für sein 74jähriges Mütterchen Kaddisch sagen zu können. In diesem Augenblick überkam mich ein gewaltiges Heimatsgefühl: unter diesen neun mir ganz unbekannten Leuten fühlte ich mich zu Hause. Das erstemal wurde mir klar, welch ungeheure Menschheitswerte doch in der herben Ethik des Judentums stecken." * Die „Frankfurter Zeitung" enthält folgenden Artikel: DieBedrückungderJudenindenbesetztenGebieten Galiziens und der Bukowina. N. Berlin, 1. Mai. (Priv.-Tel.) Die Petersburger Zeitung „Tjen" veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern einen Artikel, in dem es n. a. heißt: Ein bekannter Schriftsteller, der länger als zwei Jahre als Mtarbeiter deS Allrussischen Städteverbandes für die notleidende Bevölkerung Galiziens und der Brrkowma tätig war, hat an den russischen Ministerpräsidenten und den Minister des Aeuhern ein Memorandum gerichtet, in dem er auf die bedrückte Lage der jüdischen Bevölkerung der genannten Gebiete hinweist. Wie bekannt, genießen die Juden in Oesterreich-Ungarn in gleicher Weise wie die übrige Bevölkerung die bürgerlichen und politischen Rechte. Als die Gebiete von den Rüsten okkupiert wurden, blieben die dortigen Jude.: im Gegensatz zu früher gegen sie in die Welt gesetzten Verleumdungen streng loyal und gaben den russischen Behörden keinen Anlaß zu Verfolgungen. Dennoch wurden die Juden vonr ersten Tage der Okku pation an außerhalb des Gesetzes gestellt. Die Juden wurden überall aus den Magistraten, Gerichten und anderen Institutionen verjagt. Die jüdischen Hilfsverbände, die sich mit wohltätigen und kulturellen Aufgaben befaßten, wurden aufgelöst, die jüdischen Grundbesitzer, Pächter, Händler und Handwerker aus den Dörfern ausgewiesen, wobei man bei den Gutsbesitzern alles beschlagnahmt hat. Aus vielen Städten und Ortschaften wurden die Juden ohne Ausnahme aus getrieben, oft mit einer Frist von wenigen Stunden, und nach Ruß land transportiert. In anderen Orten wurden viele wohlhabende und intelligente Juden als Geiseln rnitgenomwen und nach Sibirien verschickt, viele ohne Verhör und Rechtsprechung. Sie kannten nicht einmal die Gründe dieser harten Strafe. Die russische Verwaltung beutete die Juden systematisch aus und tut es auch heute noch unter verschiedenen Vorwänden. In Tausenden von Geschäften und Privathäusern werden die Waren und Möbel amtlich beschlagnahmt und ohne weiteres weggenommen. Die Ausbeutung und Erpressung, die sich die russischen Verwaltungsorgane zuschulden kommen lasten, hat einen ungeheuren Umfang erreicht. Zugleich mit den Organen der russischen Verwaltung nehmen an den Plünderungen auch die neuen Mitglieder der örtlichen Magistrate teil, die von den russischen Behörden aus den niedrigsten Elementen der dortigen städtischen Bevölkerung gewählt wurden. Die niederen Organe der Verwaltung behandeln die Juden sehr schroff, indem sie sie nicht nur in ihren religiösen Gefühlen verletzen, sondern auch körperlich züchtigen. Die russische Verwaltung zwingt die Juden, am Sabbath die Straßen zu reinigen, Schützengräben auszuheben und in den Städten ihre Verkaufsläden offen zu halten. Mit wenigen Ausnahmen wurden alle" jüdischen Bethäuser vernichtet oder in Kasernen, wenn nicht in Pferdeställeumgewandelt. Man hat überall die Thorarollen vernichtet oder aus deren Pergament Mäntel für Soldaten gemacht. Ebenso hat die russische Verwaltung alle Gebetbücher der Juden vernichtet. Das Memorandum spricht die Hoffnung aus, daß die neue russische Regierung, die in Rußland die Menschen-- und Bürgerrechte feierlich proklamiert hat, auch die Lage der indischen Bevölkerung der besetzten Gebiete verbessern sowie der Bevölkerung dieser Gebiete die Rechte, die ihr von dem alten Regime genommen wurden, zurüügeben wird. * Von unserem Korrespondenten E. M. erhalten wir folgende, Zuschrift: ,Zu den deutsch-türkischen Verträgen. Bei der Bekanntgabe der deutsch-türkischen Rechtsverträgej im Reichstage wurde vom Staatssekretär des Aeußeren Tr. Zimmermann hervovgehoben, daß die Türkei durch Auf-1 Hebung der Kapitulationen als zweite Großmacht „nichtchristlicher Natur" in den Bereich des europäische» Völkerrechts ausgenommen wurde. Der Redner der Konsor-s vativen, Abgeordneter Kreth, gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß das Deutsche Reich als erster Staat mit derl Türkei völkerrechtliche Verträge abschließt. In diesem Zusammenhang mag daran erinnert werden, daß schon in einet| früheren Epoche deutscher Geschichte von Berlin aus völkerrechtlich bindende Verträge, ja sogar ein Bündnis, mit diese»'I nichtchristlichen Staate angestrebt wurden. Es war kein Ge-! ringerer als Friedrich der Große, der durch seinen außer-1 ordentlichen Gesandten v. Rexin den Abschluß eines preußischtürkischen Bündnisses anstrebte, das allerdings nicht zustandrl kam, da die Türkei mit einer „nichtmohammedanischen Macht'» keinen Bündnisvertrag abschließen wollte. Es kam schließlich!