Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Diesen Faden weiterspinnend, fahren sie fort: David wurdd, nachdem er den Riesen Goliath im Zweikampf erschlagen hatte, von den Töchtern Israels, die seine Heldentat bewunderten, reich beschenkt; sie schmückten sein Haupt mit ihrem Geschmeide und gaben ihm viel Gold und Silber, das er zu einern hehren Zwecke bestimmte: dem Heiligen Israels auf Zion einen Tempel zu errichten. Nach einiger Zeit aber brach im Lande eine Hungersnot aus, die drei Jahre anhielt, und die Israeliten drangen in David, das von ihm für den Tempelbau aufbewahrte bwld und Silber zum Erwerb von Lebensmitteln für die hungernden Armen zu verwenden. Er aber glaubte, diesen einem so heiligen Zweck geweihten Schatz nicht antasten zu dürfen, und weigerte sich darum, ihren Wunsch zu erfüllen. Ta sprach der Herr: nWBl firm1? “pSr rfrap üb Du hast dich nicht entschließen wollen, das mir geweihte Gold und -über Zur Erhaltung von Menschenleben freizugeben, nun in wahr du lebst, du darfst und wirst mir kein Heiligtum erbauen"). Aber in welchem Zusammenhänge steht das Buch Ruth mit-dem Schabuothfeste, das wir doch zur Erinnerung an die Erteilung der Thora feiern? Nun, auch diese Frage stellen und beantworten unsere alten i'ehrer, indem sie bemerken: Dieses Buch, das den Lebensweg der durch Leid und Not zur Gotteserkenntnis gelangten armen Ruth schildert, enthält auch die ewig wahre Lehre: wer die Thora, dieses Israel am Sinai verliehene köstliche Gut, immer von neuem erwerben, sein eigen nennen will, darf vor Not und Entbehrung, den üblichen Begleiterscheinungen des Strebens nach höheren Idealen, nicht zurückschrecken'"). Möge aber mich fahren sie sinnig fort — die Proselytin Ruth, die treu gehalten, was sie ihrer Schwiegermutter gelobt, als Anklägerin liegen Israel auftreten, das seine am Sinai dem Herrn gelobte Treue so oft gebrochen hat. Ruths unerschütterliche Treue wurde reich belohnt, über Israels Treubruch aber spricht der Herr: Wehe ihnen, denn sie haben sich von mir losnvsagt"). Und die traurigen Folgen der Treulosigkeit beklagend, richten sie an die jüdische Glaubensgemeinschaft, wie «nst Boas an Ruth, die ernste Mahnung: tiippS ,oSn Sx “HK JTTCQ Gehe nicht auf ein fremdes Feld, um dort Aehren aufzulesen"); nimm dich in acht, daß du nicht iy die Lage kommst, wie einst die von der Sonne gebräunte schöne Sulamith >m Hohenliede wehmütig sprechen zu müffen: Meiner Mutter cöhne grollten mir — sie setzten mich zur Hüterin fremder Weinberge ein, meinen Weinberg habe ich nicht gehütet. Ich muß es mir für heute versagen, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, aber eine kurze Bemerkung möchte ich >>un Schluß an ihn noch knüpfen. Das schöne Buch Ruth ist seit vielen Jahren aus den jüdischen Gotteshäusern geschwunden. Selbst in den Synagogen unserer Gemeinde mit altem Ritus wird es nicht mehr ver- ") Jalkut Schimon! zu Ruth. 1S) Ibid. '») Ibid. 17) Ibid. 18) Ruth rabbn 4. lesen. In diesen ist das mystische Gedicht „Akdamuty", dessen Sprache und Inhalt die meisten Besucher des Gotteshauses gewiß noch weniger oder ebensowenig wie die des Buches Ruth verstehen, zu hohen Ehren gelangt. Das ist eine Sache des Empfindens, auch des Geschmacks, über den sich bekanntlich nicht streiten läßt. Aber das liberale Judentum, das von jeher Sinn und Verständnis für synagogale Poesie bekundet, zur Veredelung des Gottesdienstes viel beigetragen und mit Recht wie so manches andere auch das unserer Geistesrichtung so fern liegende „Akdamuth" aus der Liturgie gestrichen hat, sollte und müßte dafür eintreten, daß das idyllische Büchlein Ruth, diese Perle altisraelitischer Poesie, in unseren Gotteshäusern am Schabuothfeste wieder zur Verlesung gelange. Es braucht nicht in der leider in Vergessenheit geratenen hebräischen Sprache, nein, es kann und soll in unserer deutschen Muttersprache geschehen, damit auch alle, Männer und Frauen, sich an dem belehrenden und erhebenden Inhalt erbauen und ihre Treue zur alten Glaubensgemeinschaft immer von neuem mit den Worten bekennen: Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott. Sie Woche. Berlin. 22. Mai 1917. Und immer weiter wird blutig und erbittert gekämpft. Während in der Natur der herrlichste Frieden herrscht, nach ewiglangem, schier trostlosem Winter ein ungewöhnlich warmer, zauberhafter, sommergleicher Frühling, die nach Sonne Verschmachtenden beglückend, fahren die Menschen fort, sich zu zerfleischen. Allüberall, außer im Osten, wo tatsächlich seit vielen Wochen, seit dem Ausbruche der russischen Revolution, Waffenruhe herrscht, ohne daß freilich ein offizieller Waffenstillstand geschlossen ist, wird mit einer Zähigkeit und Erbitterung gestritten, als ständen wir nicht im 34. Monat dieses unerhörtesten aller Kriege, sondern in seinem Beginn. Im Westen (Frankreich), im Süden (gegen Italien), im Südosten (Mazedonien) waren in der vergangenen Berichtswoche heftige Anstürme unserer Gegner zu verzeichnen, die insgesamt erfolglos waren, ja, unseren herrlichen Truppen manch glückliches Resultat bereiteten. Also von einem Aufhören der Kriegstätigkeit ist trotz aller Kriegsmüdigkeit nichts zu spüren. Alle von uns und unseren Verbündeten erklärte Friedcnsbereitschaft, alle Bemühungen der Sozialisten, die in den neutralen und in den meisten kriegführenden Ländern auf den Frieden hinarbeiten, nutzen nichts, du die Verblendung und Hartnäckigkeit der Engländer zu groß ist. Sie wie die Franzosen beklagen sich zwar über die SaumsAigktit und Untätigkeit der Italiener, sie sehen mit Bangigkeit auf Rußland, aber sie gehen nicht ab von ihren Kriegszielen, die bei Frankreich mindestens die Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen, bei England allerwenigstens die unbedingte Herrschaft zur See, also die Ausschließung Deutschlands vom Meere bedeuten. Was nun Rußland ünbetrifft, so ist zu melden, daß der eifrigste Ententefreund Miljukow aus dem Ministerium ausicheiden mußte und daß an dessen Stelle und zur Ergänzung der Regierung sozialistische Mitglieder in das Ministerium cingetreten sind. Troß dieses Ereignisses, trotz der Desorganisation der Armee, trotz des offenbaren Mangels an Lebensmitteln verlantet nichts von Friedensbereitschaft des großen Nachbarreichs, vielmehr läßt auch die neue Regierung erklären, daß sie an einen Separatfrieden nicht denke. Die Verhältniffe dort sind in keiner Weise gefestigt; was man von anarchistischen Bestrebungen in den Hauptstädten, von reaktionären Strömungen in einzelnen Teilen der neuen Republik hört, ist durchaus nicht geeignet, an konsolidierte Einrichtungen zu glauben und an Behörden, die fähig sind, Verhandlungen mit dem Anslande zu führen.