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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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-- 242 - man, daß Esra in seiner ganzen Wirksamkeit nicht vom Haß gegen die Heidenwelt, sondern von inniger Liebe zu Israel geleitet war, daß er durch die von ihm getroffenen Verordnungen eine Scheidewand zwischen Judentum und Heidentum nur aus dem Grunde errichtete, weil er das schwache Juda mit seinen sittlichen Idealen und geistigen Errungenschaften vor dem Aufgehen in seiner ganz und halb heidnischen Umgebung schützen wollte, so könnte man eher geneigt sein, ihn selbst für den Verfasser des Buches Ruth zu halten, das der Mit- und Nachwelt gegenüber seinen Standpunkt in der Mischehenfrage rechtfertigen sollte. Es wäre ja möglich, daß er mit dieser Schrift, die, ohne es besonders zu betonen, das alte mosaische Ehe- und Fremdengesetz beleuchtet, deutlich machen wollte, daß seine Strenge sich nur gegen d i e Wik nj dem Judentum sich angeschlossenen Fremden richtete, von denen die Chronik mitteilt: Den Ewigen fürchteten sie, und ihren Götzen dienten fie8), nicht aber gegen Fremde, die, ohne selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen, sich dem jüdischen Volkstum anzugliedern wünschen, sich wie Ruth durch keine Gegenrede abweisen lassen, und wie sie ihren einmal gefaßten Entschluß' mit den Worten bekräftigen: Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott ®). Gegen die Aufnahme solcher Proselhten, die stets als vollberechtigte Glieder des jüdischen Volkes galten, hatten und haben die Lehrer und Verfechter des jüdischen Religionsgesetzes nie etwas einzuwenden. Solche Proselhten wurden 'yj „Fremdlinge, die sich aus Frömmigkeit zu Gott bekehren",, genannt, standen beim jüdischen Volke in hohem Ansehen und galten als besondere Lieblinge Gottes10). Allein so wenig wie seine Gegner kann auch Esra selbst der Verfasser des Buches Ruth gewesen sein. Das bezeugt nicht nur die darin enthaltene Erzählung, die alle Merkmale einer in alter Z e i t sich zugetragenen wahren Begebenheit auftveist, sondern in geradezu unwiderleglicher Weise die Sprache des Berichterstatters, die ebenso wie die des Buches der Richter und der Bücher Samuelis das Gepräge des alten, echten und unverfälschten Hebraismus trägt"). Das muß jeder bekennen, der die Sprache des Buches Ruth mit der Sprache der aus der Zeit des babylonischen Exils herrührenden prophetischen Schriftenvergleicht. Die des Buches Ruth ist eine natürliche, ungezwungene: alles in ihr atmet Leben und Bewegung, strömt — möchte man sagen — Feldluft und Erdgeruch aus, ist frisch und frei wie die in der Erzählung auftretenden Personen, die sich frei und zwanglos bewegen, in ihren Handlungen den Eingebungen ihres Herzens folgen und sich dabei einer Ausdrucksweise bedienen, die ein Wunder an Feinheit, Kraft und Treffsicherheit offenbart. Gang anders aber mutet uns die Sprache der letzten Propheten wie auch die in den Büchern Esra und Nehemia an. Da ist von 'der früheren Kraft und Feinheit nur noch wenig zu merken; an Stelle der einst natürlichen ist eine der fremden Umgebung entlehnte künstliche Redeweise getreten, die trotz ihres Bilderreichtums die drückenden Ketten des „Galut" nach sich schleppt und kaum noch eine Spur von der alten Elastizität und Bewegungsfreiheit aufzuweisen hat. °) 2. Könige 17, 3-3. °) Ruth 1, 16. 10) rq"pn ■ssb D’“0 L'2'211 7IV2 Jalkut Schimoni zu Ruth. ir) Die einzelnen in Ruth vorkommenden Aramäismen zeugeil durchaus nicht für die nachexilische Abfassungszeit des Buches. „Die Männer HiskiaS", die Schriften Nus alten Sammlungen zusaminentrugen und abschrieben (Sprüche 25, 1), könnten auch Ruch nach einer alten Vorlage abgeschrieben und. dabei einige Formen der aramäischen Sprache, die den literarischen Kreisen damals schon bekannt war, hineingebracht haben. Es dürste auch nicht ausgeschlossen sein, daß die wenigen neuen Wortbildungen von den späteren Redakteuren der Heiligen Schrift herrühren, die unwesentliche sprachliche und stilistische Aenderungen auch in den anderen Schriften der Bibel Vornahme» und sie Vpn nannten. Nein, das Buch Ruth, dessen Sprache eine so echt völkische ist wie die in den Büchern der ersten Propheten, ist kein Kunstprodukt einer späteren Zeit; es ist ein untrüglich altes nationales Werk, ein Denkmal des altisraelitischen Schrifttums und gehört zur Gattung jener biblischen Geschichten, von denen ei» nichtjüdischer Historiker") in einem anderen Zusammenhänge mit Recht sagt: Sie waren lange Zeit heroisch und volkstümlich, bevor sie heilig wurden. „Das Wort,profan'" — führt er geistreich aus — „wäre hier nicht am Matze, denn es hat nur als Gegensatz zu dem Bedeutung, was man heute unter dem Ausdruck geistlich' versteht. In Israel aber gab es noch keinen Gegensatz zwischen dem religiösen und weltlichen Leben: die Religion durchdrang alles; sie bedurfte keiner Beweise, d» keiner daran dachte, sie zu verleugnen. Der israelitische Pietismus, das Werk der Propheten, war noch nicht geboren. Der Name Gottes füllte zwar die alten Erzählungen, doch dir Götter füllten ja auch die Ilias und die Odyssee, ohne daß man diese Bücher darum für heilig betrachtet hätte. Auch in de» althebräischen Epen geschieht wohl alles zur größten Ehre Gottes, doch der Zweck dieser Dichtungen ist weder die Erbauung noch die religiöse Propaganda gewesen und am allerwenigsten die Apologetik. Man dachte noch nicht daran, Argumente für die Thesen der Prediger zu schaffen. Die erste» .Bücher Israels waren das, was man heute weltliche Werkr nennen würde, Dichtungen, bei deren Verfassung man nur den einen Zweck hatte; den Uebersluß der interessanten Erinnerungen, die das überladene Gedächtnis nicht mehr zu bewahren vermochte, der Schrift anzuvertrauen." Einen ähnlichen Gedanken bringen auch Israels alte Lehrer, freilich vo» einem anderen Gesichtspunkt ausgehend und zu einem andere» Ergebnis gelangend, zum Ausdruck, indem sie in bezug aus das Buch Ruth bemerken: 'TTKÖIID üb TO yx in HTJIsn nos -pttSS totos nabi niv'x ab) “inn ab mnto Ü'TON '^1213^ 21ö "OE? Die Ruth-Rolle enthält keine Vorschriften über Rein und Unrein, über Erlaubtes und Verbotenes — behandelt keine religiösen Fragen — und ist nur aus dem Grunde niedergeschrieben worden, weil sie die Lehre verbreitet, daß die Uebüng von Liebeswerken reichen Loh» verheißt"). Man darf also sagen: Me das Hohelied der Liebe, Schi: haschirim, zu einem heiligen Buche geworden ist, weil es die zur Fortpflanzung des Menschengeschlechtes die Menschen beherrschende und beseligende Liebessehnsucht auf ihren göttlichen Ursprung zurückführt, eine nimmer erlöschende „Gottesflamme" nennt, so ist auch das Buch Ruth, dieses Epos der Treue, nur deswegen heilig gesprochen worden, weil es in de» Liebeswerken seiner Helden jene allumfassende Macht offenbart, die in. ihrer nie versiegenden Treue die Welt und tfjto Geschöpfe trägt und hält. Darum bemühten sich unsere Weisen, dieses aus altisraelitischer Zeit herrührende Dokument scheinbar „innigster Natureinfalt und Naivität" zu einem Buche der Erbauung und Belehrung auszugestalten, indem sie den alten Text im Geiste der Thora erläuterten und dabei Gedanken entwickelten und Fragen erörterten, die auch gegenwärtig vernommen und gewürdigt zu werden verdienen. So wird von ihnen schon das erste Wort dieses Bücher ny „Es war," das immer, wie sie seststellen, einen Bericht über Leid und Bedrängnis einleitet, dazu benutzt, um aus den mitgeteilten Begebenheiten der Vergangenheit praktische Lehre» für die Gegenwart zu ziehen. „Es war" in der Richterzeit - so erzählt diese Idylle —, als eine Hungersnot im Lande Israel herrschte, da hatte ein vornehmer, reicher Mann namenr E l i m e l e ch mit seinem Weibe N o o m i und zwei Söhnen ") Ernst Renan, „Geschichte des Volkes Israel", Bd. II. l5) Ruth rabba 1.

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