Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229307--73126-3285590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

81. Jahrgang Nr. 21 Allgemeine Berlin, 25. Mai 1917 eitung des Judentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse ->.s. Zeitung erschein, -»».n.'ich. I vegrüntzet von Rabbiner vr. Ludwig PHMppson A bonnements-pre^s: durch den Bach- I Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger vi»r,»ljSl>rltch 3 m. P-Aiche«»»»» 3z*. [ yer|ag. Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Buch Ruth. Von Albert Katz. — Die Woche. — zfaHTFULL. Leopold Jacobi. Von Justizrat Hugo Sonnenfeld. — Zu Heines Gedicht „Prinzessin Sabbat." Von Dr. Arnold Seligsohn in Berlin. — Hinter der Westfront. Von Tr. Ar. Gins bürg er (Kolmar). — Die Beförderung der Juden im Heere. — Oftjüdisches. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Bon Anna Goldschmidt. — Zum Feste der Offenbarung. Von Nathan Cohn (Charlottenburg). — Berichtigung. — Nachtrag zu dem Artikel in M. 20, S. 233 Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Warmbrunn, Hamburg, Lübbecke, Darmsladt, Frankfurt a. M., Mainz, Wiesbaden, Metz, Wien, Den Haag. — Von Nah und Fern. Das Luch Luth. Von Albert Katz. chön und anmutig wie die Jahreszeit, in der wir das Wochenfest begehen, ist der Inhalt des Buches Ruth, das an diesem Feste, einem alten Brauche zufolge, in der Synagoge zur öffentlichen Verlesung gelangt. „Ein seliger Friede geht durch das Buch und teilt sich von selbst auch dem Leser mit. Die Seele der ganzen Erzählung ist das Gefühl des tiefsten Familienzusammenhangs, der hier um so sittlicher und schöner erscheint, als er zugleich auf freier Selbstbestimmung beruht. Wir können hier einen Blick tun in die Gediegenheit und Ehrenhaftigkeit des altisraelitischen Familienlebens, in ein gemütvolles, innig-frommes Stilleben, das bei aller Einfachheit doch so reich und anziehend ist"'). Der Verfasser dieses Büchleins, das Goethe „als das Lieblichste, was uns episch und idyllisch überliefert worden", bezeichnet, ist nicht bekannt, auch nicht die Zeit, in der es entstanden ist. Der Talmud nennt als Verfasser des Buches Ruth den Propheten Samuel, dem er auch die Autorschaft des Buches der Richter sowie der beiden seinen Namen führenden Bücher zuschreibt"). Samuel, wird vielfach angenommen, der David zum zweiten König über Israel erkoren hat, soll mit der Abfassung des Buches Ruth, das den Stammbaum des davidischen Hauses aufweist, den Zweck verfolgt haben, der Nachwelt kundzutun, daß David, ein Mann nach dem Herzen Gottes und mit den herrlichsten Charaktereigenschaften ausgestattet, auch als Sproß edler, um die Lebensinteressen ihres Stammes hochverdienter Ahnen würdiger als sein Vorgänger war, das zsepter über Israel zu führen. Die züchtige Ruth und der zartsinnige Boas aber, die als Haupthelden der Erzählung in den Vordergrund gestellt sind, sollten durch ihre Lebensschicksale und sittliche Handlungsweise künftigen Geschlechtern als Muster edler, selbstloser Menschen dienen und dafür zeugen, daß unverbrüchliche, über das Grab hinaus anhaltende Treue, Liebe und Mildtätigkeit zu den Dingen zählen, von r) G u st av Karpeles, „Geschichte der jüdischen Literatur", Auflage, 1. Band, S. 43. -’) Baba bntre 14 b. welchen der Mensch den Zinsgenuß schon in dieser Welt erreicht und den Grundstock für die Zukunft zurückbehälth. Man mag diese Auffassung teilen oder nicht, die talmudische Ansicht über die-Autorschaft des Buches Ruth respektieren oder verwerfen, das eine darf als sicher gelten: es ist weder in der sogenannten „gesetzgeberischen Zeit nach dem Exil" entstanden noch ist es als ein Geistesprodukt der Gegner des Schriftgelehrten Esra zu betrachten, die in dieser den frommen und sittlichen Lebenswandel einer Proselytin verherrlichenden Schrift seine unerbittliche Strenge gegen die eheliche Verbindung von Juden mit heidnischen Frauen verurteilt hätten. Wäre dies der Fall gewesen, so dürfte es als ausgeschlossen gelten, daß eine „Protestschrift" gegen Esra, den die Tradition auf eine gleiche Stufe mit Moses stellt"), selbst wenn die Sammlung, Sichtung und Redaktion des Buches'der Bücher nicht von ihnr und seinen Zeitgenossen, sondern erst von seinen Nachfolgern in einer späteren Zeit unternommen worden wären, je Aufnahme unter die Hagiographen und noch gar an erster Stelle^) gefunden hätte. Gegen die Aufnahme von Kohelet und Esther machte sich, wie der Talmud berichtet, eine Opposition geltend, nicht aber gegen die des Buches Ruth, das ebenso wie Schir haschirim") unter allgemeiner Zustimmung den Hagiographen angegliedert wurde. Es ist wohl anzunehmen, daß Esra mit seinen diktatorischen Maßnahmen, die zur Auflösung der Mischehen und zur Ausschließung der fremden Weiber samt ihren Kindern aus der israelitischen Volksgemeinschaft führten, auf eine große Gegnerschaft gestoßen war, die, seine Strenge verurteilend, offen und versteckt ihn und seine ihnen grausam dünkenden Anordnungen bekämpften und sicherlich die verschiedensten Mittel anwendeten, um seine Wirksamkeit zu durchkreuzen. Allein wir halten es für ausgeschloffen, daß sie in ihrem Kampfe gegen Esra sich eines Mittel bedienten, das in einer kulturell hochstehenden Zeit vielleicht Aussicht auf Erfolg hätte, nicht aber damals, wo das Volk noch auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stand. Mit einem Schriftwerk wie das Buch Ruth, das, für literarische Feinschmecker bestimmt, sich wohl zur Vorlesung in Salons eignet, dessen angebliche Tendenz aber erst erraten werden muß, würde man auch gegenwärtig nicht versuchen, parteipolitische Kämpfe zu führen. Zur Lösung brennender Tagesfragen, wie sie damals durch Esras Vorgehen gegen die geschloffenen Mischehen die Gemüter bewegten, eignen sich keine Dichtungen. Seine Gegner hätten ja weit schärfere Waffen gegen ihn aus der Thora (die sicherlich ihnen bekannt war) holen können, die einige Fälle von Mischehen mitteilt und in einem besonderen Faste das Eingehen einer solchen Ehe ausdrücklich gestattet"). Bedenkt Mischnah Peah 1, 1. 4) Sanhedrin 21b. 5) Baba batre 14 b. °) Mischnah Jadajim 3, 8. 7) Deuteronomium 21, 11.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.