Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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8U Jahrgang Nr. 20 Her Gemeindetzote. : - :. ' Berlin, 18. Mai 1917 Vellage zur „Allgemeine» Leitung des Judentums". Korrrlpondrusm und Mschrichlen. Deutschlsnd. v. r. Berlin, 13. Mai. Bei Beginn der heutigen Sitzung der R e p r ä s e n t a n t e n v e r s a m m l u n g verlas der Vorsitzende, Direktor Dr. Minden, eine Mitteilung des Gemeindevorstandes, daß auf die sechste Kriegsanleihe ans Gemeindemitteln eine Million Mark gezeichnet wurde. Von dem gegenwärtig zur Erholung in einem Kurorte weilenden Mitgliede, Professor Dr. B l a s ch k e, ist ein Begrüßungstelegramm eingegaugen, dessen Beantwortung der Vorsitzende übernimmt. .Im Anschluß an diese Mitteilungen weist Herr Direktor Dr.Minden darauf hin, daß im März fünfzig Jahre seit der ersten öffentlichen Sitzung der Repräsentantenversammlung vergangen waren. Zwei jüdische Zeitungen des Jahres 1867 — die „Allgemeine Zeitung d e s I u d e n t u m §" und die „Gegenwart" (die nun schon lange der Vergangenheit angehört) — berichteten damals über dieses Ereignis. Beide Zeitungen knüpften an die große Zahl der Tribünenbesucher die Hoffnung, daß die Einführung der Oeffentlichkeit auch auf das jüdische Gemeindeleben eine befruchtende Wirkung ausüben werde. Wie Herr Dr. Minden ausführte, hat sich die regulierende Kraft der Oeffentlichkeit auch in unserer Gemeinde bewährt. Wenn heute die Anwesenheit der Gemeindemitglieder bei den Verhandlungen der Versammlung seltener geworden sei, so vermitteln doch die regelmäßigen Verhandlungsberichte weiten Kreisen den Gang der Beratungen. — Der Louisen st ädtische B r ü d e r v e r e i n bat schriftlich gegen die in der letzten Sitzung von Herrn Oskar Tietz mitgeteilten Wahrnehmungen über den geringen Besuch der Vereinsfynaaoge protestiert und die Ausführungen des Herrn L e w i n s k i über die bevorstehende Auflösung des Vereins für unzutreffend erklärt. Herr Tietz hatte mitgeteilt.daß an einem Freitagabend außer den Minjanleuten nur zwei Shnagogenbesucher anwesend waren. Nach den Erklärungen des Vereins nehmen am Freitagabend niemals Minjanleute am Gottesdienste teil, auch sei der Besuch erheblich höher, wenn auch zurzeit ein großer Teil der Mitglieder im Felde stehe. Die Auflösung des Vereins sei weder vollzogen, noch vom Vorstande geplant. Herr Ti etz erweitert seine früheren Ausführungen durch einige weitere Zahlen, nach denen ein höherer Besuch der Vereinssvnaaoge erst n a ch jener Nepräsentantensitzung eingesetzt zu haben scheint: während -am Freitag, den 30. März, und Sonnabend, den 31. März, nur 15 Lzw. 16 Besucher gezählt wurden, waren am Freitag, den 27. April, 50, am 5. Mai 10 Personen in der Synagoge. Herr Tietz erklärt, daß er die in der letzten Sitzung mitgeteilten Ziffern festgestellt habe, um dem Gemeindesückel in dieser kritischen Zeit alle Ausgaben für Subventionen zu ersparen, die nicht durch ein unbedingtes Bedürfnis geboten sind. Don einem solchen habe er sich um so weniger überzeugen können, als die Zahl der Besucher der nahegelegenen Gemeindesynagoge am Kottbuser Uferstets etwa 150 betrage. Herr ^ewinski bemerkt, daß die vom Vereiusvorstande dementierte Auflösung des Vereins in den Kreisen der Mitglieder vielfach besprochen worden sei. Der geringe Synagogenbesuch dürste durch die damals herrschende Kohlennot bedingt gewesen sein. Hierauf trat die Versammlung in die T a g e s o r d n u n g ein. — Eine Anzahl von Schenkungen und Vermächtnissen werden debattelos mmenonnnen. Frau Hulda Werner geb. Czap ski bat zur Erhaltung zweier Gräber 450 Mark bestimmt. Herr und Frau E a s v a r Israel haben 6000 Mark zur Erhaltung ihres Erbbegräbnisses hinterlassen, dem gleichen Zwecke dient ein Vermächtnis von 3000 Mark der Frau Klara V a u l i n e F r o m b e r g. Der verstorbene Rentier Albert Wolssohn hat der Gemeinde 1000 Mark vermacht, von denen die eine Hälfte die Altersversorgungsanstalt, die andere die Armenkommission zur sofortigen Verteiluna unter indische Arme erhält. Herr Sally K i r s ch st e i n spendet 300 Mark zur Vermehrung der Kurt-Hansf-Stiftung, deren Zinsen als Erziehnngs- oder Unterhaltungsbeitrag für einen Knaben bestimmt sind. Von Frau Johanna Loew sind 1500 Mark zur Begründung einer Jillius- und-Johanna-Loew-Ferien-Stiftung für die Zöglinge des zweiten Waisenhauses in Pankow eingezahlt, mit weiteren 300 Mark hat die Stifterin das Kapital der Direktor.- Grunwald-Stiftung erhöht. Herr Benjamin Borck hat, wie schon wiederholt, die von ihm errichtete Benjamin- und Gertrud-Borck-Stistung mit 5000 Mark bedacht. Diese Stiftung ist für die Witwen und Waisen jüdischer Kriegsteilnehmer aus Groß-Berlin bzw. für verkrüppelte jüdische Krieger bestimmt. Die Herren! Sally und Max Beer haben den Fonds der Sally- und Franziska-Beer-Stiftung, welche für kranke weibliche Personen bestimmt ist, um 1500 Mark erhöht. Voll Frau Wally Eisner sind 2500 Mark eingegangen, die nach Vorschrift der Spenderin für Lungenkranke zu verwenden sind, welche eine Anstaltspflege gebrauchen. In Privaten Kreisen bestehen Bestrebungen zur Gründling einer Heilanstalt für jüdische Lungeu-kranke. dieser soll der Betrag zug"führt werden-. Hierzu bemerkt Sanitätsrat Dr. F e i l ch e n f e l d als Vorstandsdezernent, daß der Vorstand zwar grundsätzlich der Allsicht ist, daß die Begründung derartiger konfessioneller Anstalten wenig wünschenswert fei, doch liege hier eine Ausnahme vor. Gerade bei Lungenkranken, die für längere Zeit eine derartige Anstalt ailfsucken. sei es wichtig, eine zusagende Nahrllng zu bieten lind deshalb rituelle Wünsche zu befriedigen. Allch biete eine rein iüdische Anstalt die sichere Ruhe vor antisemitischen Neckereien oder Hetzereien, die gerade bei Lungen- und Nervenkrankheiten ein nnbedingtes Erfordernis sei. Bei der geplanten Neugründung solle es sich übrigens um keine Berliner Lokaleiurichtuna. sondern um eine jüdische Heilanstalt für ganz Deutschland handeln, für die hoffentlich zahlreiche Beiträge eingehen würden. - Die Frist zur Festsetzung des Ritus für die Synagoge K o t t b ll s e r Nfe r ist abgelaufen. Der Gemeindevorstand beantragt, die Gebetordnung der Svnagoae Kaiserstraße, die einstweilen in der neuen Synagoge im Gebrauch ist, bis auf weiteres zu belassen. Herr Lewinski empfiehlt namens des Ausschusses III Verlällgerung des Provisoriums bis nach den Herbstfeiertagen. Herr Pincus teilt mit. daß eine bekannte konservative Persönlichkeit. die früher in dieser Gegend gewohnt habe, die Einrichtung eines konservativen Gottesdienstes mit Rücksicht auf die Anwohner als untunlich bezeichnet habe. Er bittet deshalb nach Ablauf des Provisoriums ein liberales Gebetbuch einzuführen, damit der Besuch dieses Gotteshauses zunimmt. Herr Plotke schließt sich dieser Bitte an. Die Gotteshäuser müsier. denjenigen Ritus erhalten, den die Anwohner verlangen. Der Vorsitzende des Vorstandes. Herr Kommerzienrat Eisner. bittet, heute von der materiellen Seite der Frage abzusehen und lediglich über die Fristverlmmerung zu beraten. Herr Vorsteher Badt führt aus, daß der spärliche Besuch der Synagoge durch die noch unsicheren Verhältnisse begründet ist. Auch die Synagoge Rykestraße, die heute zu den gut besuchten Synagogen gehört, stand anfangs leer. Bei der Abstimmung wird e i n st i m m i g beschlossen, das Provisorium bis nach den Herbstfeiertagen zu verlängern. — Herr Stadtverordneter Dr. I. L e v y berichtet über die Kollektivantwort, die der Vorstand auf verschiede'/,? Beschlüsse der Versammlung erteilt hat. Er bemängelt, daß die Satzungen der Bankonnnission noch nickst über die zweite Lesung hinaus gediehen sind. Auch der Beschluß, eine geordnete Gemeindeseelsorge einzurichten, harrt nocT) der Erledigung, eine hierfür eingesetzte Deputation hat die durch den Krieg unterbrochenen Beratungen dieses schwierigen Stoffes wieder aufgenoiiun"n. Der Antrag, das jetzt übliche Verfahren bei der Vergebung von Plätzen in den Gemeiirdesynagogen und Betlokalen zu prüfen, ist einer gemischten Deputation überwiesen, die ihre Arbeiten noch nicht abgeschlossen hat. - - Ein anderer Beschluß der Versammlung, welcher den Vorstand ersuchte, bei den Behörden dahin zu wirken. daß denjenigen Wählern, die zum Heere einberufen sind, ihr Wahlrecht gewahrt wird, auch wenn sie mit den Gemeindesteuern im Rückstände sind, bat durch eine Verfügung des Ministers des Innern seine Erledigung gefunden, der dem „D. I. G. B." au-f eine Eingabe erwidert bat, daß er nach Prüfung der einschlägigen Verhältnisse davon absehen müsse, eine Aendernug der Bestimmung über den Verlust des Wahlrechts der mit Entrichtung der Abgaben im Rückstände gebliebenen Gemeindemitglieder herbeiznführeu. Dieser Bescheid hat im Ausschuß lebhaftes Bedauern hervorgerufen, zumal