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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-18 · Heft 20 (18.5.1917) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 20 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 Ich erschrecke vor meinenr eigenen, wenn auch höflich gemeisterten Ton. Bin ich Paula oder Rosa und fühle plötzlich eine alte Hand sträflich in meine jungen Wünsche greifen? Ich verstehe jetzt das Mast von innerem Widerspruch, das sich in den beiden Mädchen bis zur Feindseligkeit ansammelt, ja — wäre der Respekt nicht — Tante hat sie trotz alledem gut im Zug — sich zu offener Ungezogenheit steigern könnte. „Un nu, Kind, fei so gut und gib mir meine Stiefel wieder". „Ja. Tante". Ich hole sie ihr vom Küchenofen, auf den ich sie zum Trocknen gestellt habe. Ich will sie ihr anziehen. „Ohßer!" wehrt sie energisch. „Dast leid ich nich". „Und ich leide nich, dast du dich bückst". Ich habe schon die Hand am elektrischen Knopf und sage dem eintvetenden Mädchen: „Josepha, ziehen Sie mal Frau Sternheim die Stiefel an". Ich selbst dränge mich nicht weiter auf. „Sie begleiten meine Tante, Josepha. Ich ging selbst mit, Tante Phine, aber ich habe zu tun". „Nu freilich, Kind, das fehlte noch. Ich dank der auch recht schen for alles". Dann geht sie etwas schwerfällig hinaus, hinter ihr das verlegen unschlüssige Mädchen, das nicht recht weiß, wie es sich hierbei betätigen soll. Ich sehe der Tante vom Fenster aus nach, wie sie da unsicher und übervorsichtig über die Straße geht. Ich bin fest überzeugt, über Roschmins ungepflasterte Wege ist sie forscher und unbekümmerter geschritten. Mir fällt das Sprichwort ein von den alten Bäumen, die man nicht verpflanzen soll, und da wird mir bang zumute. Das Mädchen geht dumm und gelangweilt neben ihr. Mir tut es so weh, daß ich sie nicht selbst begleite, aber — ich hätte es heute nicht gekonnt. * Wenn ich zu Tante Phine komme, ist alles wie sonst. Sie ist lieb und herzlich zu mir, und kein Blick erinnert daran, daß es etwas gibt, an das wir beide aus Vorsicht nicht rühren dürfen. Und doch fühlen wir es beide. Wen« ich nur von fern ahne, daß sie sich in ihrem lieben Tantenherzen um Dinge kümmern will, die sie nichts angehen, bin ich nicht mehr die bescheidene und gehorsame Nichte, als die mich meine Großcousinen so sehr bewundern; da werde ich, ich fühle es, sehr kühl, ja abweisend und wappne mich mit allen Rechten der selbständigen Person. Denn das Recht habe ich doch wohl wirklich, zu empfangen, wen ich will. Nach Tantes veralteten Ansichten kann ich mich da nicht richten. Mir fällt selber auf, daß ich, wenn Tante an dieses rein persönlichste Gut und Recht rühren will, beinahe trotzig und feindlich wie Paula und Rosa fühle, die jetzt alles daran setzen, „wie Tante Trude zu werden". Die Kinder hängen alle drei sehr an mir. Das macht mich sehr sroh und ist gut für uns alle, denn ich denke darüber nach, wie ich das zum Guten für sie ausnutzen kann. „Du bist der einzige Mensch, der Einfluß auf die hat!" sagt Tante, „und ich wollt', se erführen nie im Leben en schlechteren". Tantes Wertschätzung beglückt mich am meisten. Sie würde keinen Stuhl in ihrer Wohnung umstellen, ohne mich um Rat zu fragen, und wie ich es dann bestimme,-ist es praktisch und schön. Deshalb stecken sich auch die Mädchen immer hinter mich, wenn sie von Großmama etwas wollen. Leider mußt« ich sie da noch meist bitter enttäuschen. Es gibt eine Grenze, über die mich Tante nicht hinauskommen läßt. „Nee nee, mein Tochter, da laß ich mer von keinen nich 'reinreden, auch von dir nich. Ich muß vor meine selige Zerline und den seligen Selmar bestehen kennen". Ich kann ihr nicht klarmachen, daß die zu früh verstorbene Cousine doch wohl auch mit der Zeit ihre Ansichten gewandelt haben und auf die Forderungen der heutigen Jugend erngegangen sein würde. Darin tun mir die Mädchen leid. Ihre Großmama opfert sich noch heute stündlich für sie — endlich ist es mir gelungen, es ihnen auch etwas zu Herzen 31t führen —, sie hat ihr Auge allzeit dafür offen, daß sie genug essen, ordentlich gekleidet gehen, etwas lernen (wenn das letztere auch nach meiner Ansicht sehr falsch und erfolglos angefaßt wird); aber sie hat kein Ohr mehr für die jungen Herztöne; sie weiß nicht und es interessiert sie nicht, was so ein junges Wesen braucht. Von der Idee mit dem Beruf war sie geradezu entsetzt. obgleich ich es doch für so richtig hielt, daß Paula arbeiten und pünkllich sein und sich unterordnen lerne. „Um Gottes willen! Wo kennt ich das vor mein seliges Kind verantworten! Sie hat's doch Gott sei Dank nicht netig, ich Hab' doch Brot for se." Und als ich ihr klarmachen wollte, daß das hier doch keine Brotfrage sei, blieb sie dabei: „e Mädchen, das en Beruf hat. hat je doch kein recht Ansehen und tut viel schwerer en Schiddach." Nein, nein, arme Paula, hier ist gar nichts zu wollen. Deine Großmama sieht noch tausend andere Gefahren: der Prinzipal, die jungen Leute im Geschäft,, der Weg früh hin und abends her — für deine Tugend. Daß dein beschäftigt Nichtstun und dein unbeeiltes „Wegegehen" eine viel größere Gefahr ist — na, ihr habt mir ja versprochen, ihr beiden, daß nicht mehr jeder Weg am Hause des schönen Hagen, des Liebhabers vom Stadttheater, vorbeiführen soll, und daß ihr ihm nicht mehr jeden Tag soundso oft begegnen wollt. Die Beunruhigung können wir also Großmama ersparen. Die Mädchen haben den besten Willen. Als sie mir wieder einmal so bitter über Großmamas „entsetzliche Sparwut" klagten, habe ich — ich weiß, Tante Phine würde mir meine mangelnde Verschwiegenheit schwer übelnehmen, aber ich bereue sie trotzdem nicht — ihnen einmal gesagt, warum Tante Phine. deren Mann sie in bescheidenem Wohlstand zurückgelassen hat, sich so einschränken muß. Die Zinsen von dem kleinen Kapital, das den drei Waisen nach der Eltern Tod geblieben ist und für ihre Erziehung dienen sollte, hat sie nie berührt, sondern Zins auf Zins gelegt, nur, „damit die Mädchen, so Gott will, mal en bekoweten Schiddach tun kennen." Ohne Selbstlob, ganz trocken, wie von einem Rechenexempel hat sie vor mir diese zwei Jahrzehnte und tausend Mühen und Entbehrungen umfassende Großtat erwähnt, als sie mal wieder bei ihrer Hauptfrage, dem Brief von dem Lehrer und ähnlichem, war. Da hat das kleine verdrehte Enkelinduo heftig geschluchzt vor lauter inniger Rührung und mir feierlich in die Hand versprochen, sich zu bessern, fleißiger und dankbarer und fügsamer zu werden. Auf Benno — er war dabei, als ich die Sache erzählte - wirkte sie ganz anders. „Ist das etwas Neues", sagte er in seiner etwas jüdische» Manier, „habe ich euch nicht schon zehnmal gesagt, daß Großmutter sich für uns geopfert hat?" Es ist zu merkwürdig, bei den! Löbkindern ist der Mann das Mädchen, was Verstehen und Empfinden und Sichfügen anbelangt. Er ist voller Sorgsamkeit und voll Einverstandenseins mit der Großmutter. Freilich befiehlt sie ihm auch weniger. (Fortsetzung folgt.) Mchrrrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet ln keinem Falle statt. Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reich. Von Cnrt Trützschler v. Falkenstein. Falken-Verlag zu Darmstadt. 1917. Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat. Von Georg Gothein, M. d. R. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin. 1917. Indisches Archiv. Mittelungen des Konritees „Jüdisches Kriiegsarchiv", Lieferung 8—9. Verlag: R. Löwit, Wien. Jänner 1917.

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