Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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236 „Theologische Fakultäten außer dem Verbände mit einer Universität" Beträge in das Budget eingesügt. Sie wurden aber nicht in Anspruch genommen, Im Jahre 1872 kuüpfte der Budgetausschusz an diese Post von 4300 fl. die Bemerkung, daß in Pretzburg eine Nabbinatsschule der orthodoxen Partei eröffnet werde, lmd daß hier ein Gegengewicht mit einer höheren, dem Fortschritte -auf religiösem Gebiete förderlichen Schule geschaffeil lverdeir solle. Im Jahre 1873 beantragte zwar der Ausschuß die Genehmigung der gleichen Summe, fügte jedoch hinzu, daß wegen der Uneinigkeit der israelitischen Glaubensgenossen noch inuner nichts geschehen sei, und drohte mit Streichung der Post. Im Jahre 1874 fiel mir für eine Reihe von Jahren die Berichterstattung zu. Die, Post wurde auf 1000 fl. ermäßigt, um den Fortbestand der Absicht anzuzeigen,. Drei Jahre später galt die Sache als hoffnungslos und wurde auch dieser Rest gestrichen. In Ungarn trafen die Versuche Eötvösh die jüdischen Angelegenheiten zu regeln, auf die gleichen Schwierigkeiten. L. G. Dir neue Augsburger Synagoge: eine deutsche Glanzleistung im Weltkriege ‘>. Von L. Frankel. Unparteiische kundige christliche Fachleute fällen das Urteil, daß das soeben eingeweihte Heiligtum in Augsburg zu den besten und wertvollsten Lösungen des modernen Kultbaues gehört: die neue Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg an der Nordseite der Hälderstraße, den: freien Platz zwischen Schrannen- und Turnhalle gegenüber. Auf den im Jahre 1912 ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Synagoge nebst Verwaltungs- und Beamtengebäuden liefen 47 Arbeiten ein. Das Preisgericht, drei Herren der Kultusgemeinde und vier Künstler (die Professoren an der Münchener Technischen Hochschule Theod. Fischer und Karl Hocheder, Königlicher Baurat G. Kurz in Augsburg und Stadtbaurat Holzer ebenda), zeichneten zwei davon je mit einenr ersten Preise aus: nämlich das Projekt „Sem I" von den Architekten Diplomingenieuren Fritz Landauer und Dr. Heinrich L ö m p e I in München und das Projekt „Tempelbau" vom ebengenannten F. Landauer allein. Zur Ausführung bestimmte man nach den üblichen mancherlei Uoberarbeitungen das von den Preisrichtern empfohlene Projekt „Sem I", dessen Entwurf sich auch auf alle Einzelheiten der Innenausstattung bezieht. Nachdem die Gemeinde im Juni 1913 die durchgearbeiteten Pläne genehmigt, begann im September der Bau. Beim Kriegsbeginn standen Wohn- und Verwaltungsgebäude im Rohbau, ebenso der Tempel mit der gewölbten Eisenbetonkuppel. Nach mehrmonatiger Pause setzte man seit Herbst 1914 wenigstens die schützenden Dächer auf, beschloß im Januar 1915, den Bau als Notstandsarbeit energisch durchzuführen, und erledigte von März 1916 an trotz der ungeheuren Hindernisse, welche Beschlagnahme und Fehlen wichtiger Rohmaterialien ergaben, den Jnnenbau außer einigen Kleinigkeiten im dekorativen Beiwerk binnen Jahresfrist. Architektonische Schwierigkeiten waren für die Grundrißlösung und den stilistischen Ausdruck zu überwinden. Die Westostrichtung der Haiderstraße und die erforderliche Ostorientierung des Kultusbaues machten es unmöglich, den Tempelbau selbst mit der Achse zur Straße zu stellen. Eine harte Nuß zu knacken gab es weiter, weil zwei Gemeinde- und Verwaltungsgebäude verlangt waren, das ziemlich tiefe Grundstück nach der Front jedoch schmal ist. Die Architekten fanden dafür die wohl einzig mögliche logische Lösung, den ganzen Baukomplex in den gegebenen Raum einzufügen. Sie zogen die zwei Wohnhäuser für die Gemeindebeamten, die auch ') Mit dankbarer Benutzung der vcrjchiedcnfachen Artikel und Einzelmittcilungen in den „Münchener Neuesten Nachrichten" und der „München-Augsburger Abendzeitung", die, sämtlich nichtjüdischen Federn entstammend, des reichsten Lobes voll sind. die israelitische Schule enthalten, bis zur Straßenlinie vor, die Formen den Augsburger Renaissancebauten annähernd, und verbanden sie durch eine lockere, dreitorige Säulenhalle. Diese, straßenwärts mit hübschen Schmiedegittern abgeschlossen lind sonst vornehm zurückhaltend, leitet in einen schmucken Zievhof, hinter den: sich die Synagoge als Zentralbau erhebt. So ist diese dem Straßenlärm entrückt, obwohl sie mit ihrer proportionierten Kuppel den Gesamtkomplex beherrscht. Ihr Aufbau tritt auch nach außen übersichtlich in Erscheinung. Tic Westostrichtung des Straßenweges stört auf diese Weise nirgends, indem der gleichsam in drei Abschnitten erfolgende Zugang von Westen her, also mit ostwärts zielendem Blick auf die Bundeslade, ins Gotteshaus eintreten läßt. Diese Uebergänge durch Säulenhalle, Zwischenhos, Vorhalle ins Tempelinnere steigern den Eindruck wohlüberlegt und können zur Andacht sammeln. Zlrgleich ermöglicht es diese Gliederung, dic Gesamtanordnung der Ueberlieferung des Augsburger Stadtbildes anzupassen. Es lvar heutigen strebsamen Künstlern keine Kleinigkeit, sich in ein richtiges Verhältnis zu der von Meister Elias Holls Stil noch heutzutage durchdrungenen Einheitlichkeit des Augsburger Stadtbildes zu setzen. Die Profanbauten als nach draußen maßgebendes Bauglied an der Straßenslucht ließen neuzeitlich abschattierte Anklänge an-: Augsburger Barock anbringen. Trotzdem ist deren stilistischer Zusammenklang mit dem Hauptbau voll geglückt. Der Tempel wirkt stark repräsentativ, dabei ist doch auch das feierlich Zurückgezogene deS Kultzwecks betont. Die Fensterbildung mit dem Steinfiligran und die Ausformung der Kuppel bringen das Orientalische genügend zur Geltung. Knüpfen wir den Blick auf bemerkenswerte und schöne Einzelheiten an einen raschen Rundgang. Bildhauer Rasch' (München) Schlußstein über dem Mitteltor der Säulenhalle nach alten Motiven trägt die Jahresziffer 1298, darüber den städtischen Greif und das Davidszeichen: zusammen ein wappenmäßiges Symbol der vielhundertjährigen Geschichte der Augsburger Judenschaft. Sodann fesselt im anschließenden Zierhof ein mächtiges Becken in Ruhpoldinger Marmor, dm ihn so zum Brunnenhof stempelt; Tierkörper, ein Lebensbaum mit nestbauendem Vogel tragen es. Den Sinn deutet am Sockel ein hebräischer Spruch: „Kommt, ihr Durstigen alle, hier fließt die Quelle!" Diesen Brunnen schuf unter Teilnahme der Architekten der Münchener Bildhauer Killer, auf den auch die jetzt noch unfertige keramische Ausstattung der Vorhalle in ihrem grauen Putz und mattschimmerndcr braun-violetter Terrakotta zurückgehen wird. Eine David- Figur soll diesen Raum schmücken. Von dieser Vorhalle führt eine Stiege in Treuchtlinger Marmor mit keramischem Wandsockel aufwärts, wo die Frauen eine geräumige Kleiderablage und dann ihre Empore betreten. Die Männer dagegen gelangen durch eine weite, lichte Halle mit Garderobe in das Tempelinnere. In diesem erzeugen Form, Licht und Farbe gemeinsanr eine erhabene Feierstimmung. Die durchsichtige Raum verteilung und die logische Hinleitung des Auges auf die beherrschende Ostwand beeinträchtigen das Herausströmen von Romantik und Mystik aus allen Ecken und Winkeln keineswegs. Gebrochen und zerstreut nur fällt das Licht ein. Die kleinen, farbig-feinen Fenster unter den Seitenemporen, nach Entwürfen in der Münchener Hofglasmalerei F. H. Zeltler hergestellt, stellen technisch etwas Neues vor: statt Blei faßt Eisenbeton die Glasstücke zusammen, was musivisch, an der Außenwand seltsam pikant aussieht. Die gewaltigen Fenster an den drei lichtsreien Gebäudeseiten zerlegen zierlich durchbrochene Steinplatten in eine Vielheit kleiner Lichtschächte. Au> Abend beleuchten die Glühlampen im Sternenkranz der Kuppe! und die Leuchtkörper der riesigen Metallkugeln aus der Riedinger-Fabrik zu Augsburg. Nicht weniger harmonisch sind die Farben abgestimmt; aus mildem Halbbämmer schimmern