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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-18 · Heft 20 (18.5.1917) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 20 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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Unter Kaiser Joseph II. tritt eine ganz, neue Phase für das Judentum Mitteleuropas ein. Joseph begann die Juden zum Schulbesuche zu drängen. Die Rabbiner .erkannten sofort, daß die Langlebigkeit des Judentums zum großen Teil aus seiner Abgeschlossenheit beruhe, und viele von ihnen begannen Widerstand zu leisten. Zur gleichen Zeit aber eröffnete Moses Mendelssohn in Berlin durch Veröffentlichung einer deutschen Uiebersetzung des Pentateuch und durch die Vertretung eines reinen Deismus ohne Anerkennung der Notwendigkeit von Offenbarungen eine tiefgehende Spaltung im Judentum. Nach ihm wendete sich David Friedländer gegen nach seiner Meinung veraltete Formen des Zeremonialgesetzes und der Gebete, und indem die Bewegung fortschritt, schieden sich orthodoxe unb Neformjuden immer schärfer. Diese Kluft ist auch heute nicht geschlossen. Unterdessen waren 1791 in Paris die Menschenrechte proklamiert worden, und noch vor dem Abschlüsse der großen Kriege schritt num ui Berlin an einen Versuch, die verworrene Judenfrage gesetzlich zu regeln. Der Grundsatz, den man verfolgte, war derselbe, den die Rabbiner gegenüber den Schritten Josephs II. fürchteten, nämlich Aufsaugung durch Zersetzung. Das Edikt vom 11. März 1812 gab den Juden die vollkommene Gleichstellung in allen Bürgerrechten und Bürgerpflichten und wurde von ihnen mit unbegrenztem Jubel ausgenommen; wer jedoch nähere Einsicht in die vorhergehenden Verhandlungen nimmt, erkennt die Absicht. Wilh. v. Humboldt, damals Vorstand der Sektion für Kultus und Unterricht, vertrat kraftvoll die bürgerliche Gleichstellung, aber er hielt die Bestellung eines Oberrabbiners in Berlin für schädlich, weil dies der kirchlichen Verfassung der Juden neue Stärke und Einheit gebe, und daß man vielmehr das Band zwischen den einzelnen jüdischen Kirchen und Gemeinden recht locker machen und Schismen befördern müsse". Diese könnten aber „nicht füglich Ausbleiben, wenn zugleich auf die Anstellung wirklich gelehrter und unterrichteter Rabbiner gehalten würde". Hier ist nicht der Ort, zu berichten, wie dieses sog. altpreußisck>e System in den folgenden Jahren durch die Aufstellung des Begriffes vom christlichen Staat und durch andere Umstände beeinflußt worden ist. Mendelssohn hatte die alte Lehre erschüttert, aber kein neues geschlossenes Lehrgebäude errichtet wie andere Reformatoren. Die tatsächliche Folge war, daß an nicht wenig Orten eine monotheistische Philosophie mehr und mehr das alte Judentum und die alten Gebräuche verdrängte und daß aus der Freiheit der Ideen eine gewisse Mannigfaltigkeit sich herausbildete. Jüdische Gelehrte sagen freilich, die weitere Folge sei Jndifferentismus gewesen, aber soweit ich das Judentum in Wien kenne, habe ich den Eindruck, daß der Jndifferentismus in der Christenheit unverhältnismäßig größer war als bei den Juden. Als der Zeitpunkt des Eintrittes der Reform nach Oesterreich kann die Eröffnung des Tempels in der Seilenstettengasse in Wien im Jahve 1826 durch dm Prediger Mannheimer angesehen werden. Mannheimer führte auch die deutsche Predigt ein... Die alte Majorität des Herrenhauses, durch Ernennungen überivältigt, im Abgeordnetenhause eine deutschklerikal-polnisch-tschechische Majorität, die alle Grundsätze verleugnete, um bai der Macht, zu bleiben, in Wien die besitzenden Klassen erschreckt durch die anarchistischen Verbrechen, daneben eine aus dem Gemeinderate sich erhebende, rücksichtslose demagogische Partei im Besitze zweier mächtiger Hebel, der Hoffnungen, die auf das Gowerbegesetz gestellt wurden, und des neu auskeimenden Judenhasses, das waren die Umstände, unter denen die zahlreichen Scharen der Fünf-Gulden-Männer am 1. Juni 1885 zum ersten Male zur Wahl schritten. Die, Gemüter wurden noch mehr erhitzt, als das Manifest an die Wähler, das die vereinigte Linke am 22. April bei dem Schluffe des Parlaments erließ, von der Regierung zugleich mit den der Linken geneigten Blättern mit Beschlag belegt wurde. In meinem Wahlbezirke trat als mein Gegenkandidat der Führer der Antisemiten, Ernst Schneider, auf. Zahlreiche Drohbriefe, oft mit Totenköpfen geziert, kamen mir zu, und an jedem Abende komrte ich bemerken, daß die Nebenstraße, die ich bewohnte, von der Polizei überwacht warJ. Die Zahl der Wähler in diesem Bezirke hatte sich durch die Fünf- Gulden-Münner verdreifacht. Schneider erhielt 1910, mir fielen 2615 Stimmen zu. Die große Mehrheit hatte hier bereits erkannt, daß der Antisemitismus die Hülle der Reaktion sei, und die Christen unter Führung des Notars Dr. Foltanek, des Advokaten' Dr. Schuster und vieler anderer trefflicher Männer, die heute das Grab deckt, hatten sich mit den Juden unter Führung des durch seine Schriften gegen das Gewerbegesetz bekannten Exporteurs Siegln. Mayer vereinigt, um dieses Ergebnis zu erzielen. Leider meldeten die Blätter dabei 30 Verhaftungen und 15 Verwundungen. Während Schneider im II. Bezirke den Antisemitismus predigte, trat im V. Bezirke Dr. Carl Lueger als Demokrat auf . . . Nach dem Abschlüsse der Revolution wollte Schmerling im November 1849 die Judensrage in Angriff nehmen. Die Abgeschlossenheit, so schrieb er in einer Stnatsschrift, in welcher das Judentum sowohl durch die Lehre der Rabbiner als auch durch die christlichen Eiferer Zurückgedrängt wurde, habe es mit sich gebracht, daß die Juden mit dom Volke, in dem sie lebten, nie verschmolzen, sondern unter sich eng und vielfältig verbunden demselben gegenüberstanden.- Eine tiefgehende Trennung sei kennbar, mit konfessionellen Anfeindungen, mit rechtlichen Beschränkungen, einem fremdartigen Familienleben, mit der „Erscheinung, eines sich fortwährend vergrößernden Juden'- fideikommisses" in sozialer Beziehung . . . usw. In der Urzeit des Christentums Hütten Ehen zwischen Christen und Juden als verdienstlich gegolten, und so trat Schmerling jetzt wieder für gemischte Ehen ein. In der Tat scheinen in den vierziger Jahren jüdische Vermögen in Wien sich rasch vergrößert zu haben. Neben den Emissionen von Staatspapieren lag eine wesentliche Quelle der Bereicherung in der Bestimmung, daß die Nationalbank für Eskomptierung jedes ans der Provinz einlaufenden Wechsels das Giro eines Wiener Bankhauses verlangte. Daneben erschien bereits 1852 Lnngrand-Dumonceau mit großen Plänen für Christianisierung des Kapitals, die freilich nach Jahren vor den belgischen Gerichten ihr Ende fanden. In Oesterreich ging 1855 der Verkauf der Staatsbahnen an die Franzosen vorüber, dann 1867 die Domänenanleihe, und dieses war meines Wissens der erste Fall, in dem auch in weiteren Kreisen die unliebsanie Einmengung hoher Kavaliere in ein Geldgeschäft be>- sprochen wurde. Drei Jahre später folgte der französische Krieg. Die Milliarden flössen nach Deutschland; der Unternehmungsgeist arwachte im neuen Reich. Auch in Oesterreich regte es sich; immer weiter steckte man die Grenzen, immer mehr fiktive Werte kamen in Lauf, bis im Mai 1873 der Börsenkrach folgte. Es ist aber bemerkenswert, daß an den Krach das Erwachen des Antisemitismus nicht anknüpst. Es fehlt noch ein Urteil darüber, wem an dem verderbenbringenden Rausche die, größere Schuld zufällt, jenen Inden, die ihre Geschäskskenntnis, oder jenen Adeligen, die den Glanz ihrer Namen in den Dienst des Spieles stellten, aber das ist deutlich, daß, wer aus Grund dieser Erlebnisse den Stab über die Gesamtheit der Judenschaft brechen wollte, auch den gesamten Adel schuldig sprechen müsse. In der Tat war die geistig führende Gruppe der Judenschast damals von den inneren Angelegenheiten ihrer Konfession in Anspruch genommen. Die Negierung hatte der Errichtung einer israelitisch-theologischen Fakultät oder, wie es später hieß, einer höheren Rabbinatsschule zugestimmt und seit 1869 in dem Kapitel 8b: U Bon den Fälschungen, die vorkamen, mag ein Beispiel genügen. In Tausenden von Abdrucken wurde ein an die Juden gerichteter Ausruf verteilt, in dem sie aufgesordert wurden, für niich zu stimmen, da ich erklärt hätte, „daß nur die Juden als das auserwählte Volk Gottes berufen sind, die Herrschaft über das Abendland zu übernehmen", und ich. „dem „Unterzeichneten Komitee das bindende Versprechen" geleistet hätte, mich des bedrängten Volkes Gottes anzune-hmen. Der Abgeordnete und evangelische Superintendent Dr. Haase hat sich das Bergungen gemacht, den Ursprung der Fälschung zu verfolgen. Es ergab sich, daß 13 Namen von kennbar jüdischem Typus unter Beifügen ihres Berufes unterfertigt waren, daß von diesen nur die Träger der beiden ersten überhaupt auffindbar, jedoch bereit waren, vor Gericht zu beschwören, daß ihre Unterschrift gefälscht und mißbraucht sei — daß die 11 anderen Komiteemitglieder überhaupt erdichtet waren — daß ferner ebenso die beiden Namen des Druckers und Verlegers des angeblich in Trentschin hergestellten Aufrufes erfunden und in Trentschin unbekannt waren. (Th. Haase „Antisemitismus", 8 0 (Wien-Teschen, 1887), S. 39.)

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