Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229306--73114-3285577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
234 konfessionell und ehelich getrennt, und während die Tschechen sich zerstreuen und in verschiedenen Vorstädten ansiedeln, ziehen die Juden es vor, sich in bestimmten Gebieten der Stadt zu sammeln. Dieser letzte Umstand erlangte eine gewisse Bedeutung für die Wahlen; denn während die Tschechen bei ihrer Verteilung höchstens bei einer engeren Wahl da oder dort in Betracht kamen, erlangten die Juden im II., IX. und zum Teil im I. Bezirke Einfluß. Was ihnen zur Majorität fehlte, ersetzten sie durch ihre Regsamkeit. Für den Geologen ist es lehrreich, zu sehen, wie die aus Nord und Nordost kommende Welle in der Nähe jener Linie sich abgrenzt, die, von Nußdorf zur Bergstraße lind Roten-Turm-Straße ziehend, als der erste Steilrand (das ältere Donauufer) bezeichnet worden ist, und der Politiker mag sehen, wie die steigende Gehässigkeit gegen die Juden dazu beigetragen hat, ihre Zerstreuung zu hemmen und eben hierdurch ihren politischen Einfluß zu erhöhen. Außerdem heften geschichtliche Erinnerungen die Judenschaft gerade an diese Teile der Stadt, und namentlich an die Leopoldstadt, welche ich seit meiner Verehelichung im Jahre 1855 bewohne, und die mich seit meiner Erlangung des passiven Wahlrechtes bis zu meinem gänzlichen Rücktritte aus dem öffentlichen Leben, das ist durch 35 Jahre, durch die Wahl in die verschiedensten Vertretungskörper geehrt hat. Von den grauenvollen Judenverfolgungen der älteren Zeit soll nur wenig gesagt sein. Als 1348 bis 1350 der Schwarze Tod wütete, steigerte sich der Haß der Bevölkerung in einem solchen Grade, daß ein Teil der Wiener Judengemeinde sich auf den Rat des Rabbiners in der Synagoge vergiftete. Unter Herzog Albrecht X. wurden 1420 die Juden teils aus Wien verjagt und teils zum Tode verurteilt. Viele verübten Selbstmord; die übrigen wurden im folgenden Jahre auf der Günseweide in Erdberg verbrannt. Immer sammelten sich wieder Juden in Wien. Nach der Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1529, und nachdem ein großer Teil Ungarns in türkische Hände gefallen war, wendete sich die Aufmerksamkeit der Sicherung der Festung Wien, der „Vornmuer der Christenheit", zu. Man gedachte, auf der nördlich von Wien gelegenen großen Insel, dem unteren Werd (heute Leopoldstadt, II. Bezirk, dann durch Teilung II. und XXI. Bezirk), eine selbständige Befestigung anzulegen. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge; das Geld mangelte. Dann begannen die schweren Sorgen des Krieges in Deutschland. Nach der Schlacht am Weißen Berge und der Prager Exekution, und nachdem 1623 die Reibungen zwischen dem Wiener Magistrate und den Juden sich verstärkt hatten, beschloß Ferdinand II. die Befestigung des unteren Werd außer Betracht zu setzen und an ihrer Stelle ein Ghetto zu errichten. Zugleich wurde über die Anregung des P. Lamormain, eine Anzahl von Juden an jedem. Samstag anzuhalten, eine christliche Predigt anzuhören, wie das in Rom in Gebrauch war. Den katholischen Priestern war untersagt, gegen die Juden zu predigen und das Blutmärchen zu verbreiten. Während der Kaiser die Protestanten aus das grausamste verfolgte, scheint das Streben auf Bekehrung der Juden gegangen zu sein. Bei der Bildung des Ghettos dürste auch der Wunsch maßgebend gewesen sein, die übervölkerte Festung zu entlasten. Mit dem Tode Ferdinands II. änderte sich die Sachlage. Bereits im folgenden Jahre, 1636, wurde den Juden die Handelsfreiheit in der inneren Stadt entzogen. In: Jahre 1642 wurden bei Hinrichtung eines getauften Juden viele Juden totgeschlagen. Nicht lange danach, 1645, erstürmten die Schweden unter Torstenson den befestigten Brückenkopf im Norden des unteren Werd . . . Im Juli 1649 gab es blutige Auftritte zwischen Studenten und der Torwache; die Juden wagten lgnge nicht, ohne bewaffneten Schutz das Ghetto zu verlassen. Die Aufteilung der schweren Kriegslasten führte zu inneren Streitigkeiten zwischen den Juden selbst. Kaiser Leopold bestieg inr Jahre 1657 den Thron. Es folgten anfangs leidliche Jahre; im Jahre 1666 bauten die Juden auf eigene Kosten einen Ravelin vor der Festung gegen das Versprechen, bei Gefahr einer Belagerung in diese ausgenommen 31t werden. Um diese Zeit geschah es, daß die unter Erpressungen und mancherlei Verfolgungen leidenden Wiener Juden zum großen Teile unter den Einfluß eines kabbalistischen Mystizismus gerieten. Im fernen Osten, hieß es, sei in der Person des Sabbatai Zebi der Messias, der Erlöser von so vielen Leiden erstanden. Von Lemberg wurden zwei Schuloberhäupter in die Türkei gesandt, und sie bestätigten die Botschaft. Bußwerke folgten und Kasteiungen. „Der Wahn steigerte sich zuln wachen Träumen . . . Die Kühnsten und Umnebeltesten sahen bereits das Ghetto hinter sich und das gelobte Land vor den Auswandernden offen." Es kam ganz anders. Der kaiserliche Hof befand sich in tiefster Trauer. Der Kronprinz war 1668, nur drei Monate alt, gestorben. Die neu erbaute Burg war abgebrannt. Der Magistrat bat neuerdings um völlige Austreibung der Juden. Tumult entstand in Wien; man wollte das Ghetto in Brand stecken. Erst nach drei Tagen konnte der Stadtkommandant des Souches mit Waffengewalt äußerlich die Ruhe wiederherstellen. Die Spannung hielt aber an; einflußreiche Personen, unter ihnen der Bischof Kollonitsch, befürworteten das Ansuchen der Stadt; am 1. März 1670 ging unter Begleitung von Trompetern ein „Ruf" durch die Stadt, demzufolge alle Juden vor dem Fronleichnamsfeste Wien zu verlassen hätten. Sie wandten sich in ihrer Not an Glaubensgenossen in Hamburg und Venedig und erlangten wirklich einige! Fristerstreckungen. Gewöhnt an Erpressungen, meinten sie wie in früheren Fällen den Sturm durch Geld beschwören zu können. Das wurde als Bestechung, aufgefaßt und verschlimmerte ihre Lage. Der Befehl wurde verschärft. Im August 1670 gab es keinen Juden mehr in Wien. Die Stadt hatte alle Judenhäuser um den Pauschalpreis von 100 000 fl. übernommen und ebenso die Zahlung der jährlichen Wiener Toleranzsteuer von 10 000 fl. Die Synagoge wurde zu einer Pfarrkirche umgestaltet und dem hl. Leopold gewidmet; der untere Werd wurde nun die Leopoldstadt genannt. Die Juden wanderten nach Böhmen, Mähren und noch viel weiter. Während sie in Wien von der Kanzel als Giftmischer, Lasterhaste und Verbrecher bezeichnet wurden, meldete der schwedische Ministerresident an seine Regierung, „daß unter 3 in 4000 Seelen, welche innerhalb eines halben Jahres emigriert . . . nit Eine gefunden worden, welche sich nur ein gestellet in dieser ihrer höchsten Trangsaahl, daß sie Ihren Glauben gedächten zu ändern". Nun geschah das kaum in so kurzer Zeit Erwartete. Das war 1670. In diesem Jahre wurde die Verschwörung der Magnaten Zrinyi, Frangepan, Nädasdy und Tattenbach bekannt: 1671 wurde Nädasdy im Wiener Rathause hingerichtet. Die Türken standen an dem Naabflusse. Ludwig XIV. streute viel Geld unter die siebenbürgischen Malkontenten. Die von der Stadt Wien angekauj ten Jüdenhäuser standen leer. Die Toleranzsteuer mußte von der Stadt bezahlt werden. Die Hofkammor, die imnrer von der Vertreibung abgeraten hatte, brauchte Geld. Man erging sich in gegenseitigen Vorwürfen. Sogar die theologische Fakultät sah keinen Grund gegen die Zulassung der Juden: Schon im Herbst 1673 kam man mit ihnen überein, daß gegen Bezahlung von 300 000 sl. die sie etwa unter Beihilfe ihrer auswärtigen Glaubensgenossen auszubringen hätten, der Rückkehr nichts im Wege stehe. Sie kehrten auch einzeln zurück, aber 1678 trat Thököly in Ungarn drohend hervor, 1679 erschien verheerend die Beulenpest, 1681 hatte der französische Gesandte Seppeville die Kühnheit, dem Kaiser in Oedenburg die verräterische Besetzung Straßburgs anzuzeigen, und 1683 fegte die große türkische Armee wie ein Sturmwind herbei. Her zog Karl von Lothringen stand mit der gesamten Reiterei auf der Insel Leopoldstadt. Die türkischen Geschütze drohten die Donaubrücke zu erreichen, und er mußte sich auf das linke Ufer zurückziehen. Dann lieferte General Schulz au der Brücke ein blutiges Rückzugsgefecht, uitb dann ging alles in Flammen auf, das neue Lustschloß im Au garten, die Kirchen und Spitäler, die christlichen Häuser der Leopoldstadt und die Reste des Ghettos. Rauch und Asche bedeckten den eiufti gen unteren Werd, und die türkischen Batterien donnerten gegen die Festung. >'! So endete ein bewegter Abschnitt in der Geschichte der Wiener Juden. Sie durften wieder in dem Freithofe in der Roßau an den Gräbern ihrer Familien beten, aber sie durften keine Gemeinde bilden und den Handel, aber kein Gewerbe betreiben. Sie hatten den P. Lamormain kennen gelernt, der sie zu bekehren gedachte, und den Bischof Kollonitsch, der sie austreiben oder vernichten wollte. Ihr Schutzgeist war die Hofkammer, und sie wußten, daß sie nur des Geldes halber geduldet wurden. Das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit hatte sich in den Tagen der Verfolgung gestärkt. Die Mauer des Ghettos war verschwunden; eine hohe unsichtbare Mauer war zurückgeblieben. —