Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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233 dürfte. Auch beinahe die ganze höchst einflußreiche Zentrumspresse Bayerns, van der leitenden „Augsburger Postzeitnng"" und dem wcitestverbreiteten volkstümlichen „Neuen Münchener Tageblatt" herab bis zu den schärfsten Hetzblättern der Provinz — Typen in entgegengesetzten Winkeln des Landes, „Der Wendelstein" in Rosenheim und „Der Beobachter am Main" in Aschaffenburg — ist völlig ungescheut ausgesprochen antisemitisch und bringt das bei jedem angeblichen Anlaß zum drastisch deutlichen Ausdruck. Dutzende von Einzelheiten, mit denen ich aufwarten könnte, erspare ich mir hier lieber. Aber das weiß jeder regelmäßige Zeitungsleser Bayerns, wie jeder, der die Münchener Parlamentsverhandlungen verfolgt, daß die Zentrumspresse daselbst im entscheidenden Augenblick ebensowenig wie ihre Herren Volksvertreter aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen. Daß leider dasselbe von einem großen, ja wohl dem überwiegenden Teil des katholischen Klerus in Stadt und Land, und zwar mit Vorzug in den beinahe rein katholisch bevölkerten bayerischen Landschaften gilt, ist altbekannt. Nur dort konnte ein solches außerhalb Bayerns unmögliches Volksblatt wie des seligen Dr. Sigl „Bayerisches Vaterland" mit ständiger, unmittelbarer Unterstützung katholischer Geistlicher, ja sogar unter deren Redaktion (einst Abgeordneter Pfarrer Dr. Ratzinger, neuerdings Geistlicher Rat Sturm) blühen und eine Macht bedeuten. Aus allerjüngster Zeit genüge es, einen ganz überzeugenden Beleg, und zwar aus dem Bezirk des von meinen Angreifern zweckloserweise (denn ich hatte ihn gar nicht direkt angegriffen) weißgewaschenen Kardinals Bettinger, anzuführen: „Dem. gefallenen israelitischen Kaufmann Eugen Maier in Rosenheim wurde die Beisetzung im dortigen Ehrensriedhof verweigert": so hatten liberale und sozialdemokratische Tageblätter unwidersprochen berichtet. Die Schuld trug der unerbittliche Einspruch des dortigen katholischen Klerus, und da das angerusene Generalvikariat des Münchener Erzbischofs Dr.v.Bettinger gar fest dabei blieb,griff auch die Staatsbehörde nicht ein und es behielt dabei sein Bewenden. So geschehen am Änfang des Jahres des Heils 1917 in der Diözese des inzwischen verstorbenen streitbaren Kirchenfürsten,' der zwar persönlich gewinnende Formen zur Schau trug, aber seine eingewurzelten Antipathien nie zu unterdrücken pflegte. So stimmt mein im „A. Z. d. I." über ihn und seinen Einfluß abgegebenes Urteil mit dem der geiamten nichtultramotanen bayerischen und überhaupt süddeutschen Presse, auch der stets darin gut unterrichteten „Frankfurter Zeitung" überein. Noch vor kaum neun Jahren, als der jetzt verblichene mächtige Kirchenfürst Domkapitular in Speyer war und sich dort bekanntlich in einer so arg bloßstellenden Weise am wildesten Wahlkampf beteiligte, wie niemals im Deutschen Reiche ein hoher katholischer Geistlicher, soll er, nach gut verbürgten Mitteilungen, die auch vollglaublich klingen, die Aeußerung getan haben: „Hundertmal lieber einen gottlosen Sozialdemokraten gegen den Liberalismus unterstützen, als drüben einen Juden durchlassen." (Ein solcher kam übrigens gar nicht in Frage.) Jenes vielsagende unwürdige heurige Rosenheimer Vorkommnis der ausrechterhaltenen Verweigerung, einen für das gemeinsame Vaterland gestorbenen jüdischen Tapferen unter die städtischen Ehrengräber einzureihen, hat ein vielbesprochenes Gedicht in der Münchener „Jugend" gebührend verewigt, wo man es im Jahrgang 1917, Nr. 12, Seite 238, Nachlesen mag. Sein Schluß lautet: „Und ob er auch mit seinem Blut den Fahneneid besiegelt, der Jude wird im Tod getrennt von seinen Kameraden —, O lieber Gott, erlöse uns von solchen Heldentaten!" Die letzten zwei Zeilen druckt die „Jugend" mit Recht gesperrt, und zweifellos erscheint einem jeden diese „Heldentat" eine besonders krasse Illustration, was in dem seit 1997 und 1912 ganz von der Zentrumspartei beherrschten Bayern an entwürdigender Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger möglich ist. Kus drn Lrinnerungen von Lduard Hurh. er ausgezeichnete Forscher Eduard Sueß, Geologe und Paläontologe (1831 bis 1914), dessen Hauptwerk „Das Antlitz der Erde" (1885 bis1909) und viele andere Arbeiten von bleibendem Wert sind, ein Gelehrter, der zugleich im politischen Leben eine Rolle spielte und als Wiener Gemeinderat sowie als Mitglied des niederösterreichischen Landtags wie des österreichischen Reichsrats eine außerordentlich umfassende Wirksamkeit entfaltet hat, begann in den 80er Jahren seine Erinnerungen zu schreiben. Er führte sie bis ins Jahr 1894. In diesem Werke hat er bescheiden von seinen Arbeiten und seiner Tätigkeit — er ist z. B. der Schöpfer der ersten Hvchquellwasserleitung von Wien —, ausführlich von seinen parlamentarischen, ferner von seinen Lebensbeziehungen gesprochen. Die letzteren haben mit Juden wenig zu tun, wirklich intime Verbindung unterhielt er mit keinem Mitgliede unserer Glaubensgemeinschaft. Nur gelegentlich werden Mar Falk und Karl Goldmark, etwas häufiger Ignaz Kuranda genannt. Von dem letzteren kommt einmal eine kurze Charakteristik vor, die aber seinen jüdischen Ursprung nicht erwähnt. (S. 252.) „Kuranda war klein von Statur. Seine Bewegungen waren sehr lebendig. Er war eines der wenigen Mitglieder des Hauses, die sich ernstlich mit der äußeren Politik beschäftigten. Aus früheren Jahren ist seine prophetische Rede vor dem schleswig-holsteinischen Kriege bekannt." Sonst kommt, soweit ich sehen kann, nur ein einziger Jude vor, Ludwig Bamberger, den er in einer Gesellschaft bei Mommsen trifft. Ueber ihn heißt es S. 421: „Bamberger war einer der geistreichsten Verteidiger der Goldwährung; ich hatte viel von seiner Liebenswürdigkeit im Umgänge gehört; die Berichte wnrden durch die Wirklichkeit übertroffen. Mich überraschte sein jugendliches Aussehen. „Ich wurde 1848 zum Tode verurteilt," war seine Antwort, „daraus mögen Sie das Maß meiner Jugend berechnen." Dann wendete sich selbstverständlich das Gespräch zu den in Wien stattfindenden Verhandlungen über die Einführung der Goldwährung in Oesterreich- Ungarn." Auch die folgende Stelle bei einer Schilderung des Katholikentages in Wien ist interessant. Sie lautet (S. 385): „Der Nuntius war in Ungarn gewesen. Bei einer Tafel, die der Bischof von Fünfkirchen, Dulanski, ihm gegeben, stellte ihm der Bischof einen Juden, namens Engel, vor, dessen Vater auf seinen Gütern auf eigene Kosten eine christliche Kirche erbaut hatte. Galimberti sagte, die christliche Kirche sei keine Feindin der israelitischen, welche die Basis der katholischen Religion gewesen sei; der Mangel jeder positiven Religion sei daS Gefährlichste. Beim Abschiede versicherte er noch Engel der Achtung und der Sympathie für dessen Glaubensgenossen." Viel wichtiger indessen als diese Erwähnung einzelner Juden ist eine Darstellung der Entwicklung der jüdischen Verhältnisse in Oesterreich und der Bemühungen, bei einer Schilderung des Jahres 83 ff. gegeben, ihre Stellung in Oesterreich neu zu gestalten. Die ganze Darstellung ist allerdings zum Teil bekannten Quellen entnommen. Sie mag hier folgen. Sie findet sich in dem genannten Werke S. 345 bis 351, S. 352 bis 353 und S. 355 bis 357. „Neben der slawischen ist als ein besonderer Zweig der Zn- U'anderung die jüdische zu bemerken. Sie stand und steht in eigentümlichem Gegensätze zu der tschechischen. Wahrend die Tschechen durch ihre Sprache von dem ansässigen Wiener sich scheiden, ist jeder ankommende Jude der deutschen Sprache mächtig; »vührend dagegen der Tscheche durch seine Konfession dem Wiener sich anschließt und oft hier eine Gattin aus den Eingeborenen wählt, ist der Jude