Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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282 auch hier, das Doppelte voraus: die Kenntnis der Sache, das technische Wissen, und die Menschenkenntnis., die Psychologische Einsicht, diesen Stimmungsfaktor. Im ruhigen, alltäglichen Schaffensgebiet darf vielleicht das erstere, das Wisien uni die Sache, überwiegen oder auch genügen. Denn dort kann der eine neben dem anderen hergehen oder an ihm vorüber: es ist oft die Arbeit und ihr Interesse allein, was die Menschen verbindet. Hier draußen vollzieht sich alles im Engeren des Raumes und auch im Unmittelbaren des Erlebnisses. Die Menschen stehen hier beieinander und sehen einander immer in der Nähe, auch in der des Menschlichen: es gibt gleichsam keine Kulisse und keine Fassade, hinter die nicht geblickt würde. Hier ist darum die Menschenkenntnis wohl das Wichtigere noch für den, der lenken null. Nur wer sie besitzt, wer die Art der anderen zu verstehen und zu würdigen vermag und dadurch auf ihre Stimmung zu wirken weiß, nur der hat den sicheren Einfluß, durch den eine unmittelbare, stetige Leitung möglich wird. Wein diese Fähigkeit, dieses bereitwillige Eingehen auf menschliche Seelen eigell ist, der erreicht dafür fast alles; er erreicht es, weil er die Stimnmug zu schaffen und zu erhalten imstande ist. Für weniges hat gerade der einfache Mann ein so deutliches und allch so frohes wld so dankbares Empfinden wie dafür, ob eitler ihn begreift unb ihn in seinem Wesen anerkennt. Das Wissen mn die Menschen ist hier noch wichtiger als das um die Sachen. Es ist eine Wohltat, bte jedem zuteil wird, wenn der Himmel seine sonnigen Stunden schickt: der Tag kann es so bringen und kann es vorenthalten. Aber die Stimmung hat ihren stärkeren Halt darin, daß dem Menschen, seinem Empfinden und seinem Denken die Gewißheit gegeben wird, daß er beachtet und daß er verstanden wird. Wer ihnl das gewährt, der lebt mit dem, welcher neben ihn gestellt ist, wahrhaft zusammen. Er schenkt ihm immer wieder den besten Frühlingstag, den Frühling der Gewißheit und der Zuversicht. % Von einem gelegentlichen Korrespondenten aus Kopenhagen wird uns geschrieben: Werte Redaktion! Es dürfte für das , jüdische Publikum in den Zentralmächten von Interesse sein zu erfahren, wie die neue provisorische sogenannte Regierung in Rußland die Judenemanzipation durchzuführen gedenkt. Tatsache ist, daß in russischen Regierungskreisen westlich eine Grenzsperre für galizische Juden geplant wird. Eine Reihe von Presseäilßerungen läßt keinen Zweifel darüber. So gibt die Zeitung „Politiken" eine höchst bedenkliche russische Presseäußerung wieder, die gebrandmarkt zu werden verdient. Das bekannte Organ der kadettischen Partei in Moskau „Turazki Bolwan" vom 1./14. April schreibt: „Unsere jüdischen Mitbürger müssen es selbst verstehen, daß es in ihrem eigenen Interesse erwünscht ist, einer Invasion galizischer Juden nach dem Kriege jetzt schon vorzubeugen. Nicht nur, daß wir es nicht dulden können, daß die barbarischen Elemente von Galizien und Germanien zu uns massenweis Herüberströmen - wir dürfen nicht vergessen, daß wir jetzt schon bereits eine große Anzahl gefangener galizischer Juden haben. Unsere Negierung muß Schritte unternehmen, daß alle gefangenen galizischen Juden sich schriftlich verpflichten, sofort nach Friedensschluß Rußland zu verlassen. Unsere jüdischen Mitbürger werden gut tun, ihre Glaubensgenossen durch gütliches Zureden zur schleunigen Abreise zu veranlassen, um es nicht zu Kewaltmaßregeln kommen zu lassen." Solche Worte des „freien Rußland" verdienen niedriger gehängt zu werden. Interessant ist auch die Tatsache, die die „Rfetsch", das offizielle Regierungsorgan, vom 12./26. April bekanntgibt, daß der Außenminister Miljukow den bekannten Pogromagitator imb Führer der „Schwarzen Hundert", Graf Ehnjow-Sonowitsch, zu seinem Privatsekretär ernannt hat. Angeblich soll Graf Chujow der neuen Regierung den Treueid geleistet haben. -- Man sieht, unsere Glaubensgenossen werden gut tun, auch gegenüber den Freiheitserklärungen der russischen Regierung sich vorsichtig zu verhalten. Das Zionistische Zentralbureau, Berlin, bittet uns um Aufnahme folgender Berichtigung: In der Nummer 18 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Mai findet sich eine Notiz über Millionemmterschlagungen bei den ungarischen Zionisten. Diese Notiz, die der „Vossischen Zeitung" entnommen ist, ist in dieser bereits am Montag, den 30. April, Morgenausgabe, berichtigt worden. Die Berichtigung lautet: Das Zionistische Zentralbureau in Berlin bittet uns, mitzuteilen, daß die großen Unterschlagungen in Budapest nicht — wie infolge eines Fehlers in der drahtlichen Uebermittlung gemeldet — die ungarische Organisation der Zionisten, sondern die der Diurnisten betroffen hat. . * Der Unparteilichkeit halber geben wir in folgendem eine Antwort unseres bayerischen Korrespondenten L. F. auf die Widerlegung in Nr. 18, S. 208fg., müssen aber damit die Debatte über diese Angelegenheit in diesem Blatte schließen. Unser Mitarbeiter L. F. schreibt: Ich sehe mich zu einer kurzen Entgegnung hauptsächlich deshalb gezwungen, weil jene Ableugnung ausschließlich gegen meine in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erschienenen Berichte geht, obwohl sie sie mit keinem Worte nennt. Ob die jetzigen Wortführer der bayerischen Z e n tr u m s p a r t e i — nur auf diese Männer kommt es an — ausgesprochen antisemitisch sind, beantwortet ein auch nur oberflächliches Lesen der Reden der Abgeordneten Schlittenbauer, Speck, Oswald in der von mir in dieser Zeitung jüngst ausführlich, aber objektiv vorgeführten Münchener Parlamentarischen Debatte. Liberale und sozialdemokratische Kammermitglieder mußten entschieden dagegen auftreten (nicht etwa nur gegen den stockkonservativen Heißsporn Beck), was seit Jahrzehnten im bayerischen Landtag nicht mehr nötig gewesen war. Aber auch außerdem ist die ganze bayerische Zentrumspartei im Gegensatz zu ihrer preußischen Schwester, die ihre Hauptsitze in den wesentlich landwirtschaftlichen Strichen Westfalens und Oberschlesiens und modern-industriellen des Rheinlands, ihre alte Hauptstütze im Adel besitzt, von jeher sogar stark judenfeindlich. Das weiß jeder Teilnehmer der inneren bayerischen Politik ganz genau. Ich selbst stehe volle 25 Jahre im politischen Kampfe in Bayern mitten drin und dürste die betreffenden Verhältnisse viel gründlicher durchschauen als jemand, der nur mit der oder jener offiziellen Persönlichkeit in der Landeshauptstadt und nur mit mehr oder weniger rein kirchlichen und rituellen Dingen zu tun hat. Denn solcher Art sind jedoch die mir gegenüber ins Feld geführten Punkte der rituellen Schlachtung und der Rabbinerzulage. In solchen Fragen hat das bayerische Zentrum fast nie Schwierigkeiten bereitet, und zwar in wohlberechneter Absicht. Aber in der wirklichen bürgerlich-rechtlichen Parität, nämlich in der politischen Arena war und ist das bayerische Zentrum dauerhaft durchaus rückschrittlich geblieben. Es wäre heute völlig unmöglich, wie es im preußischen Abgeordnetenhaus, sogat bei dessen öffentlichem Wahlsystem in Posen und anderwärts geschieht, einen Mann jüdischen Glaubens dem Zentrum in Bayern als Wahlkandidaten gegenüberzustellen. Dem tragen auch die Liberalen, in deren Landtagsfraktion in früheren Jahrzehnten sogar hervorragende jüdische Mitglieder saßen, Rechnung, indem sie kein solch totgeborenes Kind riskieren. Sogar ein angesehener liberaler Vorkämpfer im Landtag, der nach Abkunst in voriger Linie und Namen nicht „sauber" genug und übrigens in einem abseits gelegenen, fast ganz sicheren Wahlkreis untergebracht war, mußte fallen gelassen werden. Zum Reichstag würden übrigens selbst die Sozialdemokraten in Bayern keinen Juden aufzustellen wagen, das damit heute im weiten Vaterlande einen Rekord schlagen