Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-18 · Heft 20 (18.5.1917) · p. Seite 231

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 20 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229306--73111-3285574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V;-v' '' ' -- 231 -- Auch die ungeheuren Verluste, die sie in dem Luftschisskrieg erlitten haben — 366 Fahrzeuge in einem einzigen Monat —, die alle Erwartungen übersteigenden Erfolge unserer U-Boote, die mit den Fahrzeugen aller Länder, hauptsächlich aber denen Englands so gewaltig ausräumen, daß sie selbst den Engländern das Geständnis der entsetzlichen Beeinträchtigung, der nahe bevorstehenden Epoche schwerster Entbehrungen und die Anerkennung der Unmöglichkeit erzwingen, dieser Gefahr zu begegnen, sind nicht imstande, die Gegner völlig zu bekehren. Sie täuschen sich und die Welt mit lügenhaften Berichten und mit trügerischen Hoffnungen. Zwar ist ihre Sprache über und gegen Deutschland unendlich viel zahmer geworden, als sie vor Wochen und Monaten war, aber noch immer tönen die Phrasen von dem endgültigen Siege über Deutschland und das heuchlerische Vorgeben, für Kultur und Freiheit zu fechten, statt der wahrheitsgemäßen Angabe, daß Ländergier und Machterlveiterung die Triebfedern dieses Krieges waren, der blasse Nesi> und der ohnmächtige Ingrimm gegen Deutschland die Ursachen der Fortführung dieses fürchterlichen Schlachtens sind. Während Rußland mit seinen inneren Wirren, über die der Außenstehende ein klares Urteil nicht zu erlangen vermag, so völlig beschäftigtist, daß es für jetzt — hoffen wir für immer — nicht fähig ist, in neue Kämpfe sich einzutassen, so daß von bedeutenderen Angriffen russischerseits seit Ausbruch der russischen Revolution nicht zu reden ist, haben die Ententetruppen (Franzosen, Russen, Serben) in einer viertägigen Schlacht in Mazedonien die ihnen entgegenstehenden deutschen und bulgarischen Linien zu durchbrechen gesucht, aber sich nur eine entschiedene Niederlage geholt. Trotzdem kann man auch hier nicht sagen, daß das Ende des blutigen Treibens gekommen sei, und während der Frühling mit aller Macht in die Lande gekommen ist, lvährend die Natur sich beeifert, neues Leben zu schaffen, sind die Menschen überall bemüht, Leben, Land, Kunstwerke und alles von Menschen mit Anstrengung und Verständnis -Hergestellte zu schädigen und zu vernichten. Nach einer Aufstellung, die in den jüngsten Tagen verbreitet wurde, beträgt die Zahl der in Deutschland, Oesterreich, Bulgarien imd der Türkei untergebrachten Gefangenen die Riesenzahl von-2 874 271 Mann; davon über 2 Millionen Russen. Deutschland beansprucht von der Gesamtzahl den Löwenanteil mit 1690 731 Mann. Wenn auch von den Gegnern niemals die Gesamtsumme der von ihnen genommenen deutschen Gefangenen angegeben worden ist, so kann inan doch annehmen, daß sie gegen diese ungeheure Masse verschwindend klein ist. Und doch waren hier vier große Staaten gegen einen, und was sind ihre Erfolge? * Wie schon so oft, ist es auch diesmal eine Erquickung, die Berichte des Feldrabbiners Dr Baeck zu lesen und unseren Lesern mitzuteilen. Soviel Mitteilungen wir auch über P e s s a ch s e i e r n schon gebracht haben, die nachfolgende, wie die früheren dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnommen, verdient ungekürzten Abdruck wegen ihrer sinnigen Art, der ernsten Gedanken, in denen, der Schreiber seine eigene Person ganz in den Hintergrund drängt und mit’ die Stimmung schildert, die er empfindet und die er in Anderen durch sein stilles sielbewußtes Wirken zu erregen weiß. Der Bericht (vom 18. April datiert) lautet: Zu den Gottesdiensten in den abgelausenen. vier Wochen trat die Feier der Sederabende hinzu. Der eine von ihnen, der in einem rückwärts gelegenen Städtchen Kurlands begangen wtrrde, sei geschildert, um wieder einnial ein Bild des Zusammenseins in ruhigen, festlichen Stunden zu geben. Nach harten, kalten Wochen war hier milderes Wetter eingekehrt; es ging wie eine Erlösung durch die Natur, ein Aufatmen durch die Gemüter. In diesem Jahre war die Sehnsucht dem Frühling weit entgegengezogen, inniger, verlangender als sonst. Nun war es, als schüfe der Himmel mit seineut wärmeren Licht die Erde jetzt wieder neu und verbinde den Menschen wieder mit ihr. In den Wintertagen hatte sich zwischen sie und unser Empfinden ein Starres, Unbezwingbares gelegt, sich trennend und drohend gegen uns hin gestreckt; wie mit eisernen, eisigen Händen hatte es nach uns gegriffen von drunten und droben, wenn über die weiten Schneestächen der Wind dahinfuhr. Jetzt ließ der Frühling an das alte Wort denken und es nett empfinden, daß ein Bund geschlossen sei zwischen Mensch und Natur. Ter junge Sionnenglanz spielte auf der kurischen Ebene, die in ihren Wellen auf- und niedersteigt. Sie gewinnt, wenn der Winter, der alles gleich gemacht hatte, vorüber ist, ihren eigenen Charakter und ihren eigenen Reiz. Er ist vielfach anders, als der des benachbarten litauischen Landes. Während diesem die tiefen, dichten Wälder, welche die dunklen Seen umschließen, etwas Düsteres und Versunkenes, fast einen schwermütigen Zug geben, hat hier das Antlitz der Natur seine milderen, weicheren Linien, die ihre Tage der Anmut haben. Dort dünkt es oft, als schlummere, als träume das Land, als ruhe dort etwas, was sich noch nicht erheben kann; hier scheint es erwacht zu sein, und es will beginnen zu sprechen. Der Mensch und sein Werk tritt schon mehr hervor: Aecker und Wiesen, Dörfer und Straßen unterbrechen häufiger ttnd bunter die weiten Waldungen. Die Einsamkeit weicht vor den: Leben zurück. Der Weg führte nach einem Städtchen, das zum großen Teile von jüdischen Familien bewohnt ist. lieber ihm lag der Helle Feiertag der Kleinstadt, jenes wunderbare Zusammen von Ruhe und Sonnenschein, jenes stille Jneinanderfließen von Himmel und Erde. Alles ist eines, alles in Licht und Frieden, im Feiertag. Er ist drinnen und draußen; er ist aus den Herzen und aus den Häusern auf die Straßen und Plätze herausgekommen, es ist, als leuchte der milde, festliche Glanz auch aus ihnen heraus - der sonnige Feiertag in der Kleinstadt. Er sprach aus den Blicken, die auf die Gruppen unserer Mannschaften hinschauten, halb neugierig, halb befriedigt und stolz, daß sie sich hier zum Pessachfest eingefunden hatten. Für unseren Gottesdienst war uns, damit die Genteinde der Stadt nicht in der Stunde ihrer Andacht beeinträchtigt werde, das Schulhaus eingerüumt, das vorher eine Synagoge gewesen war. Dort konnte auch unsere Sederfeier statthaben. Einige Frauen aus der Gemeinde hatten in freundlicher Weise das Mahl zugerüstet, das einige Wochen vorher verabredet worden war und zu dem die Freigebigkeit der Heimat die Mittel gewährt hatte. Wir saßen an langen- Tischen zusaurtnen, an jedem Bekannte aus früheren und neuen Tagen, tvie viele kleine Familien, die der Abend zu einer großen Familie vereinte. Tie Stunden gingen dahin im Lesen der Haggadah, an die sich manches Wort im Hinweis, in Frage ttnd Entgegnung anschließen konnte, in der schlichten Mahlzeit, die hier draußen doch eine festliche war, in den alten Gesängen, aus denen so viel frohe Zttversicht hervorklingt. Die feiertägliche Stimmung hat dann wohl jeden von uns weiter begleitet, wenn er seinen Weg zu seinern Platze wieder hinauszog. Von dem Werte der Stimmung, die int Menschen lebt und, ob er null oder nicht, atis ihm hervordringt, kann manche Beobachttmg berichten. Sie hat ihre wechselnde Geschichte, ein Kapitel aus der inneren Geschichte des Krieges. Das, was man, mit der mißverständlichen Wiedergabe eines französischen Ausdrucks, oft die Moral eines Heeres nennt, bedeittet ganz eigentlich die Stimmung, die in ihm wohnt. Je seltener die klaren, sicheren Erkenntnisse sind, desto stärker muß sie in ihrem Auf- und Niedersteigen wirken. Zu einem Teile wird sie immer von den äußeren Umständen abhängen; die Frühlingssonne, die herabscheint, die frohe Feierstunde, die sich einstellt, wird sie emporheben, die Reihe der grauen, trüben Tage wird sie herabsinken lassen. Aber ganz wesentlich wird sie auch von Menschen geschaffen, so sehr, daß es hier ztl einer der wichtigsten Aufgaben und Leistungen wird, sie zu gewähren. In ihrer Art ist jede bestimmte Leistung hier draußen die gleiche, wie auf allen den Plätzen des Friedens. Sie erstreckt sich auch hier ans das Aeußere und auf das Innere, d. h. auf die Dinge und ans die Personen, auf das Werk, das angeordnet wird, und aus das Empfinden, das jede Arbeit begleitet und für sie zur Hemmung oder zur Kraft werden kann. Befehlen und Leiten setzt, wie überall so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.