Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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I WMWWMWWWWMWWHWM - 230 —,- eiferten hoch und niedrig, reich und arm, Ränge, Stände und Berufe, um, wie an den Fronten draußen, fo daheim, vornehmlich auch die Frauen, Mütter, Schwestern und Bräute, um zu helfen, zu heilen, zu trösten und aufzurichten. Des Krieges Trompeten schmetterten wie einst die Josuaposaune vor Jericho die festgetürmten Mauern. Schranken und Panzerketten, eingewurzelten Vorurteile nieder und des Friedenskaisers Wilhelms II einigende Devise 'brachte den lang vermißten Burgfrieden. Freilich ist der Parteigeist latent vorhanden: so leichterdings schwinden eingefleischte, durch Jahrhunderte anerzogene und mit der Muttermilch eingesogene Vorurteile nicht, und so wundert man sich keineswegs, wenn selbst mitten im Burgfrieden so manche mittelalterliche Dämonen der Intoleranz ihre Orgien im Stillen feiern, ja, etliche nicht im Stillen, sondern zum Schmerz der Edlen mitten auf dem Forum der Tageskämpfe auch an der Oberfläche. Tie Frage über die Zukunft überlasseu wir dem, welchem „das Verborgene gehört wie uns das Offenbare". Aber wie des deutschen Kaisers väterlicher Freund, der in Gott ruhende Kaiser Franz Josef I., mit seinem Wahlspruch: „Viribus unitis" j die Völker erzogen hat zur Ei nh ei t, so mögen die Reiche des j verbündeten Vierbundes aller Welt die Signa des Welt-! erlösenden Menschheitssieges im Einheitsbunde die Ideale der ' Propheten Israels aufs neue entrollen und kundgeben: des j Wel tkri e g e s Z i el i st d er W elt fr i ed e. Auch in bezug auf die Konfessionen und innerhalb derselben auch auf die verschiedenen Schattierungen, Färbungen, Richtungen, Parteigruppen. Mögen die Geister nur ihre Meinungen, Ansichten im Traum erhalten und fortentsalten, in religiöswissenschaftlicher lieber,zeugung weiter kämpfen — „Machtlokes leschem schomajim" —, im Kampf zu Ehren Gottes —, wie die Schüler Hillels und Schammais es getan — beharren: allen geht das Erhalten des großen allgemeinen — Schiskajene — die Einheit, die H a r m o n i e, derFriede n über alles, vor allem die I n t e g r i t ä t ihrer r eligö s en G e me i n d e. Es gibt trotz verschiedener- Gotteshäuser, Gebetbücher und Andachtsvrdnungen nur ein Judentum. Diesem Gesichtspunkte gab ich besonderen Ausdruck am Vorabend der hier in Hamburg ein Jahr vor dem Kriege stattgehabten Tagung der Versammlung der Mitglieder des „Verbandes deutscher Juden" in meinem im „Gabriel-Rießer-Verein zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" gehaltenen öffentlichen Vortrage: „Die Erziehung z u r E i n h e i t", zu einer Zeit, in der nach meinem Dafürhalten die Zerklüftungen innerhalb der Judenheit in Deutschland den Kulminationspunkt erreicht hatten. In Hamburg, dem historischen Boden einer Neugestaltung im Kultus, über den die Fluten inneren Bruderzwistes, die Wellen gewaltiger Feindseligkeiten sich ergossen haben, hat in allerjüngster Zeit die Einsicht zu obsiegen uud sich durchzusetzen begonnen, indem die ganz in herkömmlicher Weise geleitete streng traditionelle „Neue D a m m t o r - S y n a g o g e" sich dem bald 100 Jahre alten Tempelverband genähert hat, dernraßen, daß sie die Geistlichen dieses Verbandes zu ihren Rabbinern erwählte. Es ist ein Sieg des jüdischen Einh e i t s st r e b e n s in unserer Vaterstadt, wie ich es anläßlich meiner am Sabbat vor dem Passahseste erfolgten feierliche Einführung in mein neues Seelsorgeramt ausgesprochen. Nach den , Worten des ersten Vorstehers der obengenannten Synagoge war es ein h i st o r i s ch e r Moment von einer für die Deutsch - israelitische Genreiude Hamburgs bedeutsamen Tragweite. Lernen wir den E i nh ei ts g e d ank e n andem F e st e, das uns den Dekalog in der mosaischen Verfassung vom 6. Sivan als Grundlage für den Ausbau eines Priesterreiches auf Erden gebracht hat, in uns nähren und pflogen, und vergessen wir nie. daß das allerhöchste Ich in den 10 Geboten die Gesamtheit nicht mit Ihr, sondern mit Du anredet, um die Einheit aller vor dem Allvater zum Ausdruck zu bringen! Wie sich aller Augen in dieser ernsten großen Kriegsepoche nicht genug satffehen und sattstaunen an dem überwältigenden Schauspiele, dessen Helden und Heere in verschiedener Gewandung, in buntem Gemisch des Heereskörpers, in mannigfaltiger Pflichtbetätigung bald als Armeen zu Lande, geteilt in Reiterkorps, in Fußtruppen usw., bald als Marinesoldaten Seeflächen, Meeresgrenzen und Ozeantiefen durchsegelnd, >bald als Lenker der Luftschiffe, alle an sich verschieden aussehend und voneinander getrennt, schaffend und wirkend, ein und dasselbe Ziel haben, die gemeinsame heilige Scholle des Vaterlandes und Mutterbodens zu schirmen und zu schützen, den gemeinsamen Feind fernzuhalten und abzuweisen und gemeinsam dem heißersehnten Siege zuzusteuern, so haben wir bei aller Verschiedenheit der äußeren Erscheinungen wie der Meinungen, Goartungen und Formen im konfessionellen kultischen Andachtsloben das uns allen g e m e i n s a m Heilige zu währen, einheitlich einzutreten für den einen Gott unserer Väter und Mütter, für unseres einig Einzigen göttliche Lehre, für die uns alle ohne Ausnahme verbindende Thora M o s e s', für die uns allen ohne Unterschied heilige Sittenlehre der Tugend, des Rechtes und der Menschenliebe, zur Anbahnung des prophetisch geweissagten Messiasreiches hienieden! Was der Vater aller Propheten am Tage von Horeb durch das großzügige „D u" gewollt, das äußert der jüngste seiner prophetischen Jünger in dem so oft betonten: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht e i n Gott uns geschaffen," warum sollten wir treulos, liebelos sein einer gegen den anderen „lechalel bris elohenu", um zu entheiligen, zu entweihen den Bund der Einheit unseres Gottes?! Lehren und lernen wir aus unserer Zeitgeschichte, die einen Ring aus Blut und Eisen um Nation und Nationen, die das gleiche erstreben, geschmiedet hat, verstehen, Verständnis und Verständigung! Lehren und lernen wir Achtung haben und Wertschätzung, der anderen Ueberzeugung und der auf Erkenntnis fußenden Anschauung der Nächsten, auch wenn wir anderer Ansicht sind. Lehren und lernen wir einen und nicht lösen, sammeln und nicht zerstören, aufbauen, pflanzen und nicht niederreißen und ausreißen! Halten wir es ganz besonders im Jugendunter r i ch t fest, daß das Gift der Parteiung und Zwietracht nicht eindringe in die empfänglichen Gemüter unserer Kinder, denn aus dein Zerfall entwickelt sich Verfall und schließlich Abfall! Wir schmachten nach Frieden im Weltall, in der Menschheit und im Vaterlande und erflehen unzählige Male in den Hauptandachten: „der Friede stiftet in der Höhe, mache Frieden über uns", wir schmachten auch n a ch F r i e - den innerhalb der einheitlichen Religionsg e n o ss en s ch a f t und fügen deshalb hinzu: al kol Jisroel, über ganz Israel — Frieden — Einheit — w i e am Ta ge v omSi n ai! Sir Woche. Berlin, den 15. Mai 1917. n den großen Schlachten im Westen ist \ eine Pause eingetreten. Die Westmächte haben ihr Ziel eines Durchbruchs nicht erreicht; es ist begreiflich, wenn sie es auch nicht eingestehen wollen, daß sie kampfmüdc sind und es wäre nicht zu verwundern, wenn sie das grausame Spiel ausgeben wollten, das sie verloren haben. Aber dazu gehörte Selbsterkenntnis und Anerkennung der Wahrheit: diese Eigenschaften jedoch haben unsere Gegner nie geziert.