Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 20 Allgemeine Berlin, 18. Mai 1917 eilung desZudmtums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonneme nt s-P r el s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32$. vegrSn-et von Rabbiner vr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Zerusalemer Straße $6-$% zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Erziehung zur Einheit. Von Tr. D. Leimdörfer, Rabbiner LßNÜJUÜÜ. unt, Prediger zu Hamburg. — Die Woche. — Aus den Erinnerungen von-Eduard Sueß. Von L. 0. — Die neue Augsburger Synagoge:!eine deutsche Glanzleistung im Weltkriege. Von L. Fränkel. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G old sch mi dt. — Büchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Aachen, Hamburg, Magdeburg, Würzberg, Wien. — Von Nah und Fern. Erziehung zur Einheit. Von Dr. D. L e i m d ö r f e r, Rabbiner und Prediger z» Hamburg. as Judentum ist seinem Wesen nach eine Religion der Einheit, ihr Fundamentalsatz ist die Lehre vom reinsten G o t t ei nh ei t skult, dem jeder Jude morgens und abends feierlich zu huldigen berufen ist. Die Geschichte Israels hat seit den Tagen der Bibel bis auf unsere Zeit die Zusammengehörigkeit und innige Verbindung aller, die sich zur Kindschaft Jakobs - Israels zählen und bekennen, als Merkmal ewigen Bestandes des Gottesvolkes hervorgehoben. Es ist charakteristisch, wenn die Heilige Schrift vor der Sinaigesetzgebung es betont: „Wajichan schom Jisroel neged hohor" („Es lagerte dort Israel dem Berge gegenüber") Exodus 192. Vorher ist die Rede davon, wie im 3. Monde nach dem Auszug aus Aegypten die Kinder Israels gekommen waren zur Wüste des Sinai. „Sie zogen von Residiem, sie kamen in die Sinaiwüste, sie lagerten in der Wüste"; Zug, Ankunft und Lagerung, all dies erfolgte in ihrer V i e l z a h l, in ihrer Mehrheit bei ihrer Differenzierung der Stämme, der Jamilien, der Individualitäten. Angesichts des Gottesberges aber, wo sie allesamt der Offenbarung des All-Einen gewürdigt, ein Reich von Priestern, ein heilig Volk werden sollten, da bildeten sie e i n e u nv er br üch l ich e Ei nh ei t, da lagerte dort ganz Israel wie ein Manu mit einem Herzen, einem Gedanken, einem Willen, „k'isch echvd belew echvd", wie die älteste Exegese der Mechilta besagt. Im Laufe der Geschichte hat sich die Kraft dieser Einheit aufs deutlichste erwiesen. Der Bestand der Davidischen Dynastie war solange gesichert, solange dieser Einheitsfaden des jüdischen Bekenntnisses nicht durchschnitten war, sowie aber eine Teilung, eine Spaltung wie unter Salomo eingetreten war, da wackelte und wankte der Thron Davids, da begannder Sturz und das Ende. Der Untergang Zions, Jerusalems und des zweiten heiligen Tempels war nach dem Worte unserer Weisen hauptsächlich dem „H a s s e u m s o n st", der Zersplitterung, der Zerklüftung, dem inneren Unfrieden zuzufchreiben. Lehre, Gesetze, Gottesdienst, Forschung und Geistesarbeit des israelitischen Volkes mußten daher auf das gerichtet sein, was hier als Ueb erschrift dieses Artikels geschrieben steht: die Erziehung zur Einheit. Was der Lehre Gottes und der Geschichte Israels nicht gelungen ist, das hat das L e b e n in seiner Unmittelbarkeit, das hat die Not der Zeiten mit unabweisbarer Wucht und Gewalt zustande gebracht und hat die alte, ewig junge heilige Urkunde vom Sinai bestätigt, bekräftigt und neubelebt. Unsere Zeit, groß an Erfolgen in der Kultur der Wissenschaft, der Kunst, des Handels und Verkehrs, der Industrie und Gewerbe, zeugte ein Geschlecht, das in Hinsicht auf diese Erziehung zur Einheit sich als klein erwies, als ungelehrig, wo es aalt, Nachdruck zu geben dem Gedanken: Du bist einzig Gott, Dein Name ist einzig, und wer ist wie Israel dein Volk, ein einheitliches Volk auf Erden! (Sabbatgebet). Man sagt es von Woche zu Woche, betet es aus heiliger Stätte, wohl — eingedrungen ist es aber wenig in die Geister und Gemüter, in die Gemeinden, in die Familien, in das Leben. Man kennt kaum ein großes Gemeinwesen, das nicht zerklüftet, gespalten, entfriedet wäre, dessen Leiter, dessen Hirten und Führer nicht in Zerwürfnissen miteinander lebten, dessen Glieder nicht feindlich, unbrüderlich, oft mit fanatischer Hassesalut an die Vernichtung der anderen, die vielleicht in manchen Dingen anders denken und empfinden lernten, dächten. Das Besondere, Trennende ist ihnen mehr als das gemeinschaftlich Verbindende, der Partikularismus steht über dem Universalismus, die Parteileidenschaft höher als das Interesse der Gesamtheit, entfesselt das Feuer innerer Zwietracht und schafft Verheerung und Zerstörung, Verwüstung und Vernichtung der Blüten, der Aeste, der Zweige und schließlich des einst mächtigen Stammes, die alle einer Wurzel entsprossen sind. Da kam der Krieg, der riesige Weltenbrand, und warnt und mahnt wie ein göttlicher Zeigefinger das kleine Geschlecht der großen Zeit zur Erziehung zur Einheit wie im politischen, büraerlichen und sozialen Leben, also auch im religiösen. An der Spitze der Kulturnationen, denen jeder ethische Mensch das Glück des Sieges von der Vorsehung heiß erfleht, steht ein gottesfürchtiger Fürst, der vor dem Ausbruch der brudermörderischen Schlachten seine Völker znr harmonischen Einheit erzog mit dem geflügelten Wort: „Ich kenne keine Partei en m eh r!" Wie das Schöpferwort „Es werde Licht" das Chaos im Weltall, das Tohuwabohu in der Natur, die Finsternis gebannt hat, so sind die wilden ungezügelten Parteitriebe innerhalb der verschiedenen politischen und bürgerlichen Sphären in Staat und Gesellschaft gebannt worden: wohin wir auch in Deutschlands Gaue unsere Blicke schweifen lassen, ein warmes, inniges, harmonisches Zusainmentun der Einzelkräfte ward sichtbar und mit reaktionären hochkonservativen Geschlechtern in Reih und Glied standen die freisinnigen, fortschrittlichen, bürgerlichen und sozialdemokratischen Führer und Gefährten ihrer Partei geeint und brüderlich, verkettet im Dienste des einen Vaterlandes an der Front und daheim. Auch in sozialethischen Werken wett-