Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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81. Jahrgang Nr. 19 Berlin, II. Mai 1917 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des, Judentums". Korrrlpondrn?en und Sschrichken. Skutlchlsnd. C/3 Berlin, 8. Mai. In der ministeriellen Verfügung betreffend die Aufnahme der Kinder der städtischen und Jndustriebevölkerung in ländliche Familien ist u. a. die Bestimmung getroffen, daß keinesfalls Kinder in Familien anderer Konfessionen gegen den Wunsch des Haushaltungs-Vorstandes oder den Willen der eigenen Eltern untergebracht werden dürfen. Unter Bezugnahme auf diese Bestimmung hat sich die Jüdische Gemeinde zu Berlin gegenüber den Magistraten und Gemeindevorständen der zu ihrem Bezirke gehörigen Städte und Ortschaften bereit erklärt, in allen denjenigen Fällen, in welchen Schwierigkeiten bei der Unterbringung jüdischer Kinder entstehen, insbesondere dann, wenn rituelle Verpflegung gewünscht wird, in geeigneter Weise mitzuwirken. Tie Anmeldung der in Betracht kommenden jüdischen Kinder hat durch den Schulleiter bei dem z u st ä n dige n Magistrat beziehungsweise Gemeindevorstand des Wohnsitzes (nicht bei der Jüdischen Gemeinde) unter Angabe der besonderen Wünsche zu erfolgen. E. M. Berlin, 8. Mai.' Tie 36. Vertreterversammlung des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege tagte am 30. v, M. im Gemeindehaus. Nach einer Eröffnungsansprache des stellvertretenden Vorsitzenden Eugen Casparh, in welcher er mitteilte, daß dem Verbände nach Anschluß des Vereins der Pommern nunmehr 100 Organisationen angehören, hielt Magistratsassessor Tr. Friedrich Ollendors aus Breslau einen Vortrag über das Thema: „Was fehlt uns zu einer geordneten jüdischen Wohlfahrtspflege?" Ter Redner führte in sehr interessanter Weise aus: Die Lehren des Krieges verlangen auch in der Judenheit den Zusammenschluß aller gleichstrebenden Kräfte, um die soziale Arbeit auszubauen und nach einheitlichen großzügigen Gesichtspunkten zu gestalten. In der interkonfessionellen Hilfsarbeit sollen wie bisher alle sozialen Einrichtungen durch Mitarbeit gefördert und durch jüdische Bedürftige in Anspruch genommen werden. Das gilt besonders für die Kriegseinrichtungen, die auch der jüdischen Kriegsnot steuern müssen: hier dürfen jüdische Sondergründungen höchstens ergänzend eintreten. Anders verhält es sich mit der Jugendpflege und der Fürsorge für die Verwahrlosten und die geistig und sittlich Defekten. Hier ist die konfessionelle Spezialisierung unbedingt erforderlich, zumal als auch in der allgemeinen Jugendpflege die Konfessionalisierung immer stärker betont wird. — In der anschließenden Ansprache stellt Sanitätsrat D r. Feilchenfeld fest, daß das konfessionelle Moment in der Wohlfahrtspflege von nichtjüdischer Seite in der letzten Zeit immer mehr in den Vordergrund gedrängt wird. Der Mangel einer Organisation, die zur Vertretung der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen nach außen hin legitimiert fei, macht sich immer mehr geltend. Der erste Schritt zur Begründung der unbedingt erforderlichen Neichsorganisation sei die Gründung einer Lokalorganisation, eines jüdischen Wohlfahrtsamtes, das etwa nach dem Charlottenburger Vorbilde arbeiten müßte. Auch Justizrat Breslauer hält das jüdische Wohlfahrtsamt für ein unbedingtes Bedürfnis. Das Wohlfahrtsamt werde neben der Sammlung von zuverlässigem Material über die Verbände und Vereine in Deutschland die Neugründung von Vereinen überwachen und alte Vereine auflösen müssen bzw. mit anderen verschmelzen, um schwache Vereine lebensfähig zu machen. Frau Siddy Wronsky erklärt, daß die jüdischen Frauen und besonders der Jüdische Frauenbund zur Mitarbeit an der neuen Gründung gern bereit sei. Professor Dr. Schaefer erwidert Herrn Justizrat Breslauer, daß das „Jahrbuch des D. I. G. B." ausreichendes und zuverlässiges Material über alle Wohltätigkeitsorganisationen in Deutschland enthalte. In einer Schlußansprache betont Rabbiner Dr. Warschauer, daß seit Jahrtausenden das Judentum die soziale Arbeit als religiöse Betätigung angesehen habe. Die nwdernen sozialen Gedanken der Gegenwart seien in Wirklichkeit uraltes jüdisches Gemeingut. Auf Antrag des Vorsitzenden wird hierauf eine Entschließung einstimllüg angenommen, welche die baldige Begründung eines jüdischen Wohlfahrtsamtes in Berlin fordert und die Schaffung eines deutschen Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege als Gesamtvertretung der deutschen Juden auf diesem Gebiete anregt. E. M. Berlin, 8. Mai. Die O r t sgrupp e B e r l i n de s Jüdisch e n F r a u e n b u n des f ü r Deut sch l a n d hielt ihre diesjährige Versammlung im Gemein dehause in der Rosenstraße ab. Die Verhandlungen wurden von der stellvertretenden Vorsitzenden, Frau Henriette May, mit der nach einigen Begrüßungsworten mitaeteilten Nachricht eröffnet, daß die bisherige Vorsitzende der Ortsgruppe, Frau S i d d h Wronsky, den Vorsitz niedergoleat hat. Ten Jahresbericht erstattete die Schriftführerin, Frau Paul a M ehe v. Tie Ortsgruppe hat an der allgemeinen Kriegsarbeit lebhaften Anteil genommen. In den Räumen des Mädchenklubs wurde eine Hilssstelle des Nationalen Fr-a,uendienstes eingerichtet; eine große Anzahl von Mitgliedern stellte sich für die praktische Arbeit des Nationalen Frau.endienstes zur Verfügung. Im -ersten Kriegswinter wurde, durch Veranstaltung von belehrenden Vor trügen die Ern ä h r u n g s f ü r s o r g e gefördert, an Mütterabenden fanden Erörterungen über kriegsgemüßes Kochen statt. Für -£>c imar b eite rinnen wurde ein Abendhei-m begründet, das sich großer Beliebtheit erfreut. Tie F l ü ch tl i n g s fü r s o r g e w-urde durch die Unterbringung von Heimatlosen in Familien und Beschaffung von Mitteln betrieben; vielen flüchtigen jungen Mädchen bot der Klub Unterkunft iwib Freitisch. Auch an der Zühtarbeit des Bureaus für Statistik der Inden wurde mitgewirkt, ebenso in der Kriegshilfskommission der Jüdischen Gemeinde. An einer Sitzung der Mädchen- und Franengruppe für soziale Hilfsarbeit beteiligte sich die Ortsgruppe mit einem Referat über Jugendpflege. -- Ueber den Mädchen klub erstattet Frau Sanitütsrat Tr. Saalfeld ein -ausführliches Referat. Nachdem noch Frau Tr. Frankl über die am 28. Januar abgehaltene Hauptversauunlung des Jüdischen Frauenbundes berichtet hatte, wurde das vom Vorstand vorgelegte Normakstatut für Ortsgruppen ohne Debatte angenommen. Der Kassenbericht wird ohne Erörterung verabschiedet und dem Vorstand aus der Mitte -der Versammlnug der Dank für seine hingebungsvolle und erfolgreiche Geschästssüh-rung ausgesprochen. Zur ersten Vorsitzenden wurde Frau Martha Ollendors neugewählt, der bisherige Vorstand nmrde wiedergewählt. Dann hielt Herr Dr. Rudolf Leszynski ein Referat über die nach dem Beschluß der Hauptversammlung zu errichtende „Versicherungskasse zur Förderung der Frühehe". Tie Bearbeitung dieser Angelegenheit wird Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher übertragen. Das Schlußwort erhielt Rabbiner Tr. W a r sch n u e r , der die Bedeutung des Frauenbundes hervorhob, dessen Arbeit geeignet sei, das Selbstbewußtsein der jüdischen Frau zu stärken. S£2 Berlin, 8. Mar. ' Das Mitglied des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Herr Geheimer Regierun-gsrat Prof. Dr. Hermann Cohen kündigt für das Sommersemester folgende Vorlesung an: „Neuere Philosophie". Die Vorlesungen finden vom 8. Mar an jeden Dienstag abends 8 bis 9 Uhr statt. Ferner Hebungen über „Maimonides, More II" und über „Tescartes", je zwei Stunden. Die Zeit für die Uebungeu soll nach Vereinbarung festgesetzt werden und ist im Sekretariat zu erfahren. Die Vorlesungen sind öffentlich und unentgeltlich. Die Zulassung erfolgt nach persönlicher Anmeldung im Sekretariat, Artilleriestraße 14. W. Königsberg i. Pr., 4. Mai. Tie Feier des 25 jährigen Amtsjübiläums des Herrn Waisenhausdirektor P e r i tz in Verbindung mit seiner Silberhochzeit gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung und legte Zeugnis ab von der Liebe und Wertschätzung, deren sich das Jubelpaar in weiten Kreisen erfreut. Jur Namen des Vorstandes des Waisenhauses sprach Herr Stadtrat Professor Dr. L a s s a r - C o h u Herrn und Frau Direktor Peritz Worte höchster Anerkennung aus und überbrachte wertvolle Angebinde. Es folgten sodann Beglückwünschungen der Ehrendamen des Waisenhauses, des