Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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™— 22? ivevdenden Augen. Ein wenig fühle ich mich ja auch geschmeichelt als gute Wostokerin über den Eindruck, den meine liebe Vaterstadt auf die Roschminer Unverwöhntheit macht. Bei den Ortsangesessenen geht es ihr weniger gut. Die fahren für joden gewichtigeren Einkauf, jedes Kleid in die nächste Großstadt. Ich glaube aber gern, was Tante mir vorklagte: „In Roschmin ging es noch, aber seit wir in Wostok wohnen, is es gar schrecklich mit die beiden. Ta haben se gar keine Ruhe mehr im Hans." Tankes ernste Sorgen fallen rnir aufs Herz und mein Versprechen, den beiden ins Gewissen zu reden. Aber ich komme nicht weit. Sie werden so bitter und übereifrig, daß sie nichts mehr sehen von dem vielen „Sehenswerten" ringsum, sondern rechts und links auf mich eindrängen, weil immer die eine der anderen das Wort entreißen will. Sie haben gar zuviel zu sagen und zu klagen. Großmutter ist so komisch. „Ntin, ja, sic mag es ja gut meinen," kommt auf meine Einwendungen unwillig zurück. Mit Benno ist sie sehr gut; den zieht sie wer weiß wie vor, aber sie beide haben es schlecht. Immer sollen sie arbeiten und -- „Und deshalb tut ihr es nie?" werfe ich lächelnd ein. „Nee, zu so etwas Unnützem und Langweiligem habe ich auch keine Lust," sagt Paula entschieden. „Man macht ihr ja doch nichts recht, und nichts darf man machen, wie man will. Immer soll ich Staub wischen, wenn gar keiner daliegt, und was ich vom Markt bringe, ist ihr zu schlecht und zu teuer. Aber von allem, was sie geholt hat, ist sie entzückt, wenn's auch gar nichts Besonderes ist." „Und ich gehe so gern auf den Markt", wirft Rosa schwärmerisch ein und vergißt das Thema der Stunde. „In Roschmin wollte ich nie, aber wen man hier immer alles trifft'" Und da sollen die Einkäufe gut werden. Paula, die Aeltere, bleibt mehr bei der Stange. „Es ist nicht zum Airshalten bei Großmutter", sagt sie fast weinend vor Zorn. „Ich wäre wahrhaftig nicht faul, Tante, wenn ich es dir doch beweisen könnte — aber bei Großmama, Tante, wenn du ein gutes Werk tun willst" — sie hat ihren Arm aus dem meinen gezogen, geht nicht weiter und zwingt so auch uns zum Stehen. Voll wendet sie sich mir zu, zwei ernste Schwarzaugen blitzen mich aus einem vor Aufregung jetzt ganz blassen Gesicht an. „Tante, ich möchte gern einen Berus haben." Ich sehe überrascht auf. „Welchen denn?" frage ich erschreckt von dem festen Willen. „Ach, ganz gleich, nur fort aus dem Hause. Wenigstens, wenn sie mich nicht aus dem Ort läßt — das tut sie ja sicher nicht —, den ganzen Tag aus dem Hause sein, so wie es Benno hat." Mir scheint wenig Wahrscheinlichkeit für die Erfüllung von Paulas Wünschen, aber sie genügt schon, daß jetzt an meiner anderen Seite ein heftiges Schluchzen anhebt. „Rosel, um Gottes willen, was hast du denn?" „Na ja, so 'ne Frechheit", schluchzt sie unter dem Taschentuch hervor, „und ich soll denn den ganzen.Tag allein bei Großmutter hocken." Arme alte Tante! Und mit den beiden sollst du fertig werden? Und das ist nun schließlich dein Dank? Wenn Tante von meiner Cousine Zerline Tod spricht, so sagt sie immer: „Wie damals unser großes Unglück passierte." Ich glaube, das Ehepaar starb in einem und demselben Monat, als Rosa noch ganz klein war. Es gibt nichts Traurigeres, als wenn Eltern ihren Kindern wegsterben und zwei Generationen, zwischen denen das verbindende Glied fehlt, aneinander gekettet werden. Es fehlt das Verstehen zwischen so alt und so jung. * „Sie waren so lauge nicht hier, Günther." „Blau trifft ja jetzt immer Ihr Fräulein Nichte oder Ihren Neffen, und vorgestern da waren Sie bei der Tante aus Roschmin." „Günther, woher sie ist, ist ja ganz egal." „Herrjeses," sagte er in drolliger Betretenheit. „Schon wieder verletzt? Man kann sich ja nicht mehr drehen, stößt man an die Tante; immer sind Sie bei der Tante; immer denken Sie an die Tante." Er ahnt ja nicht, wie mich seine Eifersucht amüsiert. „Ja, ja, Günther, so ist es, wenn man sich eine Tante zur Freundin wählt, dann hat man auch Tanten zu Rivalen." „Ach, hören Sie aus, mir ist nicht so spaßig zumute," grollt er. „Uebrigens, ich habe Ihnen etwas zu sagen." Jetzt erst sehe ich, daß sein Gesicht ernst, fast feierlich aussieht. Was hat er mir anzuvertrauen? Was kann ihm geschehen sein, wovon ich keine Vorzeichen weiß und ahnte? Mir stockt ein wenig der Atem, als ich ihm gespannt ins Gesicht schaue. „Entsinnen Sie sich des Assessors Wegner? Der damals so begeistert von Ihrer Einrichtung war? Er fragte mich noch den anderen Tag, ob Sie Millionärin seien." „Ihr Freund, der neulich mit Ihnen und Dr. Schulz hier war? Sie erzählten mir, für den armen Kerl sei der Befehl zum Ausrücken ein Glück gewesen; er habe sich nicht mehr vor Schulden retten können. Ja, was ist mit dem?" „Wie hat Ihnen der gefallen?" Immer noch der grollend ausfragende Ton. „Gut! — Mittelmäßig! — Das heißt, ich besinne mich nicht mehr so recht. Ich dächte, es wäre ein ganz netter, hübscher Mensch gewesen." „Hübsch! Nett! Na, das geht ja für den Anfang. Der ist nämlich höllisch weg von Ihnen, Tante Trude, Feuer und Flamme." „Von mir?" sage ich und lache schließlich ungläubig, „er kennt mich ja kaum!" „Ja?!" er zuckt die Achseln mit unfreundlichem Spott, „vielleicht Liebe auf den ersten Blick, wer kann's wissen? Jedenfalls möchte er Sie heiraten." „Was?" Ich setze mich auf den nächsten Stuhl, und nach einer kleinen sprachlosen Pause: „Günther, Sie sind ganz verdreht." „Bitte, hier sind die Dokumente." Günther übergibt mir einen an ihn gerichteten offenen Brief, in dem der Freund ein bißchen reichlich beredt seine warmen Gefühle für Günthers Freundin, Fräulein Rehfeld, schildert, deren vornehme Persönlichkeit einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe. Dann kommt etwas vom rauhen Kriegerleben und einem trauten Heim, von der Sehnsucht des in die Fremde Verbannten nach deutscher Erde und einem liebenden deutschen Frauenherzen, von dem Lohn der Streiter nach einem siegreichen Frieden — merkwürdig, mich wärmt es kein bißchen. Er bittet den Freund warm um seine Vermittlung. „Und was soll ich ihm schreiben?" Ganz atemlos vor lieber, dummer Neugier fragt da der untaugliche Liebesbote. Und ich, ohne zu überlegen: „Ich wüßte die große Ehre sehr wohl zu schätzen," nun spreche ich doch etwas zögernd, es ist eine so heikle Sache, „aber „Nun? Aber?" Wie merkwürdig Günther das sagt! „Aber - ach, Günther, schreiben Sie es ihm doch, wie und was Sie wollen, ich denke natürlich gar nicht daran." Günther spitzt die Lippen wie zu einem kurzen, gleichgültigen Pfiff. Dabei sieht er merkwürdig blaß aus. Ist es ihm so schwer, dem Freund ein Nein zu bringen? „Warum nicht?" fragt er tonlos.