Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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M :-—^''" l Pute imzureichende Zahl im Hinblick ans die Ansprüche, welche an den Verein gestellt worden sind. Dubch ein Abkommen mit anderen Wohltätigkeitsinstutiönen wurde es dem Verein im Jahre 1910 ermöglicht, in Berlin, Auguststraße 20, eins Herberge zu eröffnen, in der 50 Betten zur Verfügung standen. Von da ab fanden 12 000 bis 15 000 Personen jährlich in der Herberge Unterkunft. Von Juli 1910 bis Juli 1914 wurden über 85 000 Beherbergungs¬ und Verpflegungstage gezählt. Männer, grauen und Kinder hatten für einen Tag, auch für mehrere Tage, zuweilen auch für Wochen, Aufnahme gefunden. Doch der Krieg stellte den Verein vor gewaltige Aufgaben, deren er in glänzendster Weise gerecht geworden ist. Unmittelbar nach der Mobilmachung fand ein gewaltiger Zustrom von flüchtig gewordenen russischen und polnischen Glaubensgenossen statt, die infolge ihrer feindlichen Staatsangehörigkeit plötzlich obdachlos geworden waren. Dem großen Ansturm konnte natürlich nicht durch die zur Verfügung stehenden 50 Betten genügt werden, doch gelang es in erster Reihe dem rührigen Vorsitzenden des Vereins, schnellstens eine Organisation ins Leben zu rufen, die über jedes Lob erhaben ist. Außer der Herberge in der Auguststraße 20 wurden noch acht andere Herbergen errichtet. Bald konnte 1000 Personen täglich Aufenthalt und Verpflegung gewährt werden, da dem Unternehmen in entgegenkommendster Weise seitens der zuständigen Behörden jede Unterstützung zugebilligt wurde. Auch Flüchtlinge anderer Konfession wurden in dieser Zeit nicht abgewiesen. In großzügiger Weise wurden Mittel für die Zwecke des Vereins zur Verfügung gestellt und so kann berichtet werden, daß vom 1. August 1914, dem Tage der Mobilmachung, bis zum 81. Dezember 1914, vom Jüdischen Volksverein über 85 000 Beherbergungstage gewährt und zirka 350 000 Portionen Essen verteilt werden konnten. Bis zum 31. Dezember 1915 wurden 130 000 Beherbergungstage mit 500000 Portionen Essen gezählt. Vom 1. August 1914 bis zum 1. August 1916 waren es 148 000 Beherbergungstage und 550 000 Portionen Essen. Die Ausgaben betrugen im Zeitraum vom I. August 1914 bis 1. August 1916 über 80000 Mark. Wenn auch der Zustrom geringer geworden ist, übt der Verein doch weiter seine segensreiche Tätigkeit aus, die sich während des Krieges weit über den Rahmen einer Herberge entwickelt hat. Mit obrigkeitlicher Genehmigung konnte einer großen Anzahl von Glaubensgenossen aus Rußland hier Arbeitsgelegenheit beschafft werden. Ter Verein hat sich zu einer wahren Schutzstelle für die Unglücklichen, die infolge des Krieges flüchten mußten, herausgebildet. Es würde den Umfang eines Artikels überschreiten, auf weitere Einzelheiten einzugehen. Ich verweise auf den oben angeführten Bericht, den der Vorsitzende, Herr S. Kirschstein, Berlin, Rosenstraße 17, denjenigen, die sich für die gute Sache interessieren, gern zur Verfügung stellen wird. Der Verein beabsichtigt, in absehbarer Zeit seine Herberge derartig zu erweitern, daß kein Unglücklicher, der die Hilfe des Vereins in Anspruch nehmen will, ohne Hilfe von dannen zu gehen braucht. Der Verein, der jede Förderung verdient, wird in der Reihe der Wohlfahrtsorganisationen, die der Krieg hervorgerufen hat, einen der ersten Plätze einnehmen. Wer noch nicht Mitglied des Vereins ist, tut ein gutes Werk, sich dem Verein anzuschließen und so einer großen Sache der Wohltätigkeit, der Barmherzigkeit, der echten Mb reinen Menschenliebe zu dienen. Anmeldungen nimmt der Schatzmeister des Vereins, Herr Hermann Aron, Rankestraße 9, jederzeit gern entgegen. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (10. ,>,rtsttzung.) (Nachdruck verboten.)' ^^l 's das c Fehler?" Tante wird fast grob vor Entrüstung. f „Hobt mer sich Mädchens auf? Soll ich warten, bis se alt und grau sin?" Und dann wie erschreckt, beschwichtigend, indem sie meine Hand sanft tätschelt: „Es heißt je freilich auch, gute Ware hält sich, gute Ware findet ihren Mann. Auch richtig! Sprichwörter sin Wahrwörter. Aber — anbringen möchte ich se doch gerne recht bald." „Dürfen wir Tante Trude nach Hause begleiten?" sagten die beiden Mädchen, die sich auch, als die Stube mit den schwerwiegenden Geheimnissen sich wieder für sie geöffnet hatte, in vorsichtiger Entfernung gehalten hatten. Jetzt halfen sie mir im Korridor in mein Jackett. „Meintwegen", sagte Tante. Es lag noch etwas von dem weichen Großmuttersegen aus ihrem Gesicht und in ihrer Stimme, der schon allezeit bereit im Sekretär bei den verheißungsvollen Briefen liegt. Rosa ist zärtlich von Natur. Ich sehe es so gern, wie sie die Großmama herzlich küßt, wenn auch die Herzlichkeit mehr ihrer Freude galt, nun endlich aus die Straße zu kommen. Auf der Treppe noch warf sie eine lustige Kußhand zurück. „Laß doch die Stuß", ruft ihr Großmama ärgerlich hinab, aber ihre Augen lächeln uns dreien zärtlich nach. „Tante, du legst dich jetzt ein bißchen aus das Sofa, du hast es mir versprochen", rufe ich nach oben zurück. Und Tante noch rasch übers Geländer zu den beiden Mädchen: „Hört ihr's, wie die für ihre alte Tante sorgt?" Paula hat es eilig, die Haustür von außen ins Schloß zu werfen. „Bis auf die Straße 'raus geht das Gestichele", brummt sie: „Aber jetzt kommt!" und zieht mich energisch fort. Sie haben mich von rechts und links eingehakt und schreiten mit forschen und fröhlichen Schritten los. Ihre Augen blitzen lustig umher, gleiten wie zärtlich an den hohen Häusern rechts und links hinauf und spüren angeregt in jedes Schaufenster hinein. Rosa drückt mir den Arm vor lauter Vergnügtheit und singt vor sich hin. „Du, auf der Straße singt man aber nicht", da hört sie auf und reibt schnell mal zärtlich chren Wuschelkops an meiner Schulter. „Du bist immer so sein. So ein seines Wesen wie du möchte ich auch mal kriegen", sagt sie, nicht im geringsten beleidigt. „Wostok ist zu himmlisch", sagt Paula jetzt und kneift mich vor lauter zärtlicher Ausgelassenheit in den Arm. „Ich möchte, ich könnte den ganzen Tag auf der Straße 'rumlaufen." Und dann wieder: „Tu kannst dir gar nicht denken, wie ekelhaft Roschmin ist." Ich denke darüber nach, wie man den beiden Mädchen, ohne ihre glückselige Lebenslust zu dämpfen, doch ein wenig klarmachen könnte, daß schönere Schaufenster und belebtere Straßen nicht das Allerwichtigste im Leben sind. Es ist schwer, so lehrhaft zu reden angesichts dieser vor lauter Entzücken sich immer mehr rötenden Wangen und immer strahlender