Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist immer von Wichtigkeit, ob man selber oder ob der Gegner den Schlüssel zur Tür in der Hand hat. Der Gedanke der Gründung eines jüdischen Staatswescns ist gut für den, der ihn ausführt. Wgr bisher der Balkan der Hexenkessel Europas, so wird in Zukunft der Streit um die Landbrücke Asien—Afrika und um die .Herrschaft am Suezkanal entbrennen und es wird zweifellos Lebensfrage für jede der beteiligten Parteien sein, in diesem Kampfe Sieger zu bleiben. England im Besitz Palästinas würde eine Isolierung Mitteleuropas bedeuten, den Schlußstein in der Einkreisungspolitik König Eduards, die England nicht aufgcbeu wird, auch wenn cs in Bälde den jetzigen Krieg als verloren betrachten muß. Darum, begegnen wir dem Feinde! So sehr auch jede Bekämpfung englischer Pläne unsere Zustimmung erregt, so wenig können die hier auseinandergesetzten Ideen die wegen der stark betonten Abhängigkeit der neugegründeten Republik auch kaum den Beifall der Zionisten finden dürsten, die von einer Abhängigkeit eines jüdischen Staates träumen, auf die Unterstützung der Mehrzahl der Juden rechnen. Wir wollen weder jetzt noch in Zukunft von einem jüdischen Staatsgebilde etwas wissen, sondern sehen das Heil des Judentums nur in der Ausbildung der Religion und der Eingliederung der Juden in diejenigen Staaten, deren freie Bürger sie sind oder sein werden. * Von einzelnen Nachrichten ist, nach der „Aurore", noch zu erwähnen, daß an der städtischen Moskauer Universität eine Professur für jüdische Geschichte errichtet und dem Historiker P. S. Marck übertragen worden ist. Ein Komitee, das, wie es scheint, in Rußland gebildet worden ist, hat beschlossen, die Werke von Schalom Aleichem noch während deS Krieges zu sammeln und in einer volkstümlichen verständigen Ausgabe zu veröffentlichen. Unter den Herausgebern befindet sich David Pinski. * Es hat fast den Anschein, als wenn das freieEngland, das ehemals den Verfolgten Schutz gewährte, sich seinerseits zu den Staaten gesellen wollte, die mittelalterliche Bräuche und judenfeindliche Gewohnheiten bei sich dulden. Wenigstens meldet ein Berliner Blatt: Antisemitische Hetze in London. Viele Leute im Osten Londons haben Plakate aufgehängt mit der Aufschrift: „Keine Lebensmittel an Juden!" Jüdische Frauen, die in der Reihe stehen, werden beschimpft und fortgejagt. Wenn sie sich bis zu den Verkäufern durchgerungen haben, werden sie mit Schimpfworten überhäuft. Es ist schwer, an solche eines Kulturvolkes unwürdige Handlungsweise zu glauben. Aber bei England kann man alles für möglich halten. Eine Nation, die sich anmaßt, eine andere aushungern zu wollen, die alle Traditionen aufgab lind den bisher nie für möglich gehaltenen Militarismus bei sich einführte, um ein stammverwandtes Volk zu bekämpfen, ist auch fähig, seine Freiheitsüberzeugungen zu opfern, wenn es seinen Vorteil gilt. Dieses verbrecherische, niedrige Krämervolk, das jeden Dienst, den es der Menschheit leistet, nur unternahm, um seine Taschen zu füllen, hat sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit und Niedrigkeit so enthüllt, daß es sich würdig gemacht hat, auch ins Lager der Judenfeinde überzugehen. Und doch, und doch! Die Sonne scheint, das Grün leuchtet, die Blumen sprießen hervor, wir wollen und müssen der Freiheit entgegengehen! Srr Prophet Iecheskel und dss neue Gottrsrrich. Von Rabbiner Dr. Friedmann in Lublinitz. er Prophet Jecheskel, welcher im Jahre 597 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung mit Jojachin und den angesehensten Judäern nach Babel weggeführt wurde, begann im fünften Jahre seiner Wegführung, also im Jahre 593, seinen Prophetenbcruf, in dem er mindestens 22 Jahre wirkte. Er verkündete im allgemeinen und im besonderen den bevorstehenden Fall „der Stadt" (Jerusalem), das Gericht über die Heidenvölker, die Herstellung des Heils für Juda und die Wiedervereinigung des Volkes unter David, dem Knechte des Ewigen. Und er schaut im Geiste auch schon das neue Gottes reich, wie die Herrlichkeit des Ewigen von Osten her in den neuen Tempel einzieht und wie der Kultus und das Land neu geordnet und verteilt wird. Diese neue zukünftige Gestaltung hat der Prophet iin 25. Jahre seiner Wegführung geschaut. Denn es heißt in 40, 1: „Im fünfundzwanzigsten Jahre unserer Wegführung, zu Anfang des Jahres, am zehnten Tage des Monats, im vierzehnten Jahre, nachdem die Stadt geschlagen worden, an eben diesem Tage kam über mich die Hand des Ewigen und brachte mich dorthin." Das neue Gottesreich, welches in Kapitel 40 bis 48 ausführlich geschildert wird, hat danach der Prophet im Jahre 573 geschaut. Die Zeitangabe ist in diesem Satze recht breit und ausführlich, und dennoch ist nicht ganz klar und deutlich der Monat, in welchem der Prophet mit dieser Schau begnadet wurde. Die Kommentare, welche der Tradition (bei Erachin 12a) folgen, setzen voraus, daß „zu Anfang des Jahres am zehnten Tage des Monats" den Anfang eines neuen Jobeljahres am Versöhnungstage (vgl. z. B. Moses 25, 9 bis 10) bezeichnet und daß der fragliche Monat eben der Tischri ist. Zum Beweise dafür berechnen sie noch, daß die Zerstörung Jerusalems im 36. Jahre des I o b e l stattgefunden, und daß der Prophet im 14. Jahre nach der Zerstörung Jerusalems seine Verkündigung vom neuen Gottesreich geschaut hat, also zu Beginn eines neuen (fttnizigsten) Jobeljahres. — Aber selbst wenn diese Voraussetzung und diese Rechnung ganz richtig wäre, so müßte man sich doch . wundern, daß der Prophet die Zeit der Verkündigung so umständlich angegeben hätte, anstatt einfach Und noch viel bedeutsamer und anregender zu sagen: „Im sünfund,zwanzigsten Jahre unserer Wegführung, zu Anfang des Jobeljahres, im vierzehnten Jahre, nachdem ..." — Doch auch die Rechnung (in der Tradition» stimmt nicht ganz genau. Denn das 36. und das 14. Jahr im Jobel ergeben zusammen noch nicht ein volles Jobeljahr von 49 Jahren, sondern nur die Summe von 48 vollen Jahren, und die Verkündigung geschah daher im neunundv i e r z i g st e n Jahre des Jobel. Eine zweite Erklärung will den Monat Nissan zu Anfang des Festjahres aus dem Satze 40, 1 herauslesen (vgl. Elieser aus Beaugencys Kommentar, herausgegeben von S. Poznanski). Aber hätte dann nicht der Prophet es klarer und unzweideutig gesagt mit den Worten: „Im 25. Jahre unserer Wegführung, im e r st e n (Monat), am zehnten (Tage! des Monats . . .?" Daher erscheint eine andere Erklärung notwendig. Und sie liegt in Wahrheit sehr nahe, jedenfalls viel näher als die beiden angeführten. Unter der Bezeichnung „zu Anfang des Jahres" ist nämlich weder der Tischrinoch der Nissan-Monm durchaus gemeint, sondern der erste Monat des fünfundzwanzigsten Jahres der Wegführung. Freilich ist u n s dieser Monat nicht zuverlässig bekannt, weil geschichtlich nicht feststehend. Aber der Prophet konnte zu seiner Zeit die genaue Kenntnis dieses Monats voraussetzen, da sein Volk wußte, in welchem Monat es mit Jojachin in die Verbannung geführt worden. Vielleicht weist auch „am zehnte:: (Tage) des Monats" auf jenen zehnte n Tag des Monats hin, welcher für Jojachin als König der l e tz t e Tag war. Denn nach drei Monaten und zehn Tagen seiner Regierung war es ja, daß er weggeführt wurde.