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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-11 · Heft 19 (11.5.1917) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 19 (11.5.1917)
Date
1917-05-11
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 Auswändererstrom: England und Amerika. Andere mochten im Zusammenhang mit dem Auftauchen döL jüdischen Natio- >ullsSmus, des Zionismus, auftreten. An allen M uM großer Liebe geschussen worden. Der Verantwortung und der Pflicht gegen die Juden des Ostens sind sich die Juden durchweg bewußt gewesen. Nun ist das Problem in seiner ganzen Stellung ein viel gewaltigeres geworden. Es ist ausgeschlossen, daß Millionen aus ihrer heutigen Heimat plötzlich in andere Länder strömen und streben. Einem solchen Andrange würde sich jeder Staat bestimmt widersetzen. Für die Juden okkupierter Gebiete ist eine glückliche Lösung zu erhoffen. Ernster ist das Schicksal der eigentlichen russischen Juden. Man darf hoffen, daß der Krieg schließlich doch eine freiheitlichere Gestaltung der Verhältnisse in irgendeiner Form bewirkt und herbeiführt. Wird aber dieser Wunsch nicht verwirklicht, dann ist zu befürchten, daß die katastrophalen Ereignisse, die über die russischen Juden hereingebrochen sind, noch überboten werden. Das sind freilich traurige Ausblicke, die die unmittelbare Gegenwart leider nicht mildert. In allen Kämpfen, die das Judentum überwunden hat, ist aber der tiefste Grundgig der religiöse, mag er seine Ausstrahlungen auch wechseln, »nd sicher ist. die Devise auch für die Probleme der Zukunft: Das Judentum wird religiös sein, oder es wird nicht sein. Sir Woche. Berlin, 8. Mai 1917. ndlich ist die Sonne mit Macht und Glanz eingezogen. Wenn der Mai seiner Bezeichnung als Wonnemonat ebenso entspricht, wie der April seinem Namen als wetterivendisch traurige Ehre gemacht hat, so dürfen wir hoffen, freilich fehlt es nicht an ungünstigen Vorhersagungen der Wetterstellen, die nicht bloß vor den Tücken der Eisheiligen des 'iUni, sondern auch vor drohenden Umschlägen warnen. Immerhin weitet sich einstweilen das Herz und die gesunkene Lebensfreude richtet sich auf. Der Mai i st gekommen. Käme er nun ciud), wie in der Natur, den Völkern und der Welt. Denn dort will es noch nicht Frühling werden. Wenn es auch im Osten ganz ruhig ist und im Süden wenig verlautet, vbgleich französische Zeitungsschreiber nach der italienischen iu'ont geeilt sein sollen, um der neuen Offensive beizuwohnen, im Westen tobt der blutige Kamps weiter. Eine vierte und fünfte Schlacht bei Arras ist geschlagen. Trotz der ungeheueren Verluste, die Engländer und Franzosen bei ihren bisherigen Anstürmen erlitten haben sollen — man spricht bei den ersten drei Schlachten von 300 000 Mann, und bei-den beiden letzten Angriffen soll es eine fast noch größere Zahl iein —, wollen sie den Durchbruch mit aller Gewalt, selbst mit der Aufopferung von neuen Hunderttausenden erzwingen. Man kalin nur hoffen und wünschen, daß dieser Versuch, wie alle vorherigen, obgleich er auch uns, wie die bisherigen, starke und schmerzliche Verluste an Menschen und Material bereitet hat, scheitert. Ob aber mit diesen unsagbaren Opfern die pO»i und die Kraft unserer Feinde ihr Ende erreicht hat? Von Frankreich könnte man das annehmen; des leicht erregbaren Volkes hat sich eine hilflose Verzweiflung bemächtigt, die sich mach der dort üblichen Methode gegen Befehlshaber und Verantwortliche Leiter richtet, aber bei den hartnäckigen, halsstarrigen Engländern, die auf ihre alte Tradition, noch aus keinem Kriege als Besiegte hervorgegangen zu sein, nicht vernichten wollen und die wissen, daß, wenn sie nachgeben müssen, p mit ihrem Traum der Weltherrschaft vorbei ist, kann man kaum an ein Zurückweichen glauben. Sie leiden zwar außer F»i fürchterlichen Menschenverlust an einem ungeheuren Abhang ihres Schiffsraumes - denn unsere N-Boot-Beute ist tim sie geradezu verheerend sie beginnen über Menschenmangel zu klagen und fangen an, in Ernährungsschwierigkeiten zu geraten, die, wenn weiter so aufgeräumt wird, unerträglich werden können, aber sie pochen auf ihre Unüberwindlichkeit und hoffen auf Amerika. Wir haben keine Veranlassung zu Bangigkeit und Furcht. Wir vertrauen darauf, daß wir, wie wir bisher allen Anstürmen heroischen Widerstand geleistet haben, auch die neuen mit verzweifelter Kraft vorgenommenen Vorstöße zurückschlagen werden. Aber wir rechnen auch darauf, daß unsere Alldeutschen Bescheidenheit lernen und, obgleich sie erst neuerdings gegen jeden Frieden ohne Annexionen und ohne Entschädigung aufs lebhafteste protestiert haben, daß sie zur Erkenntnis gelangen, daß wir zu Ende kommen müssen, wenn wir ruhmreich und unbeschädigt, wiewohl ohne Ländergewinn, aus diesem ungeheuren Anprall der ganzen Welt wieder uns hervorgehen. Die Welt braucht den Frieden. Geht es noch lange weiter mit dieser fürchterlichen Vernichtung, so ist das unheilvolle Ende nur die allgemeine Verblutung. Könnten wir nur bald die Friedensbotschaft erklingen hören oder von sicherer Friedensaussicht berichten. * Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag bittet uns um Aufnahme folgender Erklärung (mit Bezug auf die Notiz in Nr. 14): „Auch wir finden, wie Sie, die Notiz sehr merkwürdig, die die „Deutsche Wochenzeitschrift für die Niederlande und Belgien" aus Anlaß der Wiedergabe von Erzählungen jüdischer Emigranten veröffentlichte. Unser Bureau hat lediglich jüdische Interessen, und wer ohne Voreingenommenheit unsere Tätigkeit verfolgte, mußte das gleiche konstatieren. Unsere wiederholten Berichte über antisemitische Ausschreitungen in England beweisen deutlich genug, wie fern wir von jeder Parteinahme sind. Wir haben Grund zur Vermutung, daß das genannte Blatt sich zum Werkzeug einer aus persönlicher Gehässigkeit erfolgten Denunziation machen ließ." * lieber die Gleichberechtigung der Juden in Rußland veröffentlicht die „Jüdische Rundschau" folgenden zusammensassenden Bericht, der, wenn er auch manches enthält, was wir bereits früher mitgeteilt haben, seiner Anschaulichkeit und Vollständigkeit wegen hier stehen mag: Nachdem die provisorische Regierung die Aushebung der konfessionellen und nationalen Beschränkungen in ihrem Programm ausgestellt hatte, begannen die Minister die bestehenden Beschränkungen auf administrativem Weg zu annullieren. Ter erste war der Justizminister Kerenskij, der verordnete, sämtliche jüdische Juristen als Rechtsanwälte aufznnehmen und ihnen das Recht der freien Ausübung ihrer Tätigkeit zu gewähren. Kriegsministcr Gutschkow verordnete die Aushebung der nationalen, politischen und religiösen Beschränkungen in der Armee, insbesondere aller derjenigen, die das Erlangen des Lfnzierranges hindern. Der Handelsminister befahl, in allen ihm unterstehenden Mittel- und Hochschulen die Prozentnorm aufzuhebcn »nd den Juden als Schülern wie auch als Lehrern und Professoren freie Bahn zu gewähren. Der Stadthauptmann in Petersburg wies in einer offiziellen Bekanntmachung darauf hin, daß von nun an die Juden die gleichen Rechte haben wie alle anderen Bürger, also sich frei in Petersburg aufhälten dürfen. Eine ähnliche Erklärung gab auch der Stadthanptmann in Kiew. Dort wurde auch zum ersten Mal ein Jude, Frinnin, in die Stadtverwaltung gewählt. Von der Ernennung der Herren Winawer und Grusenberg zu Senatoren wurde in der vorigen Rundschau berichtet. Den neuesten Nachrichten zufolge lehnten diese beiden Rechtsanwälte diese Ernennung ab. Nicht untätig blieben auch die Antisemiten. In einer Reihe von Städten der Kiewer, Poltnwer und Podoljer Gouvernements machte

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