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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-04 · Heft 18 (4.5.1917) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 18 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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sowieso nicht gekommen; denn eine solche Schlechtigkeit hätte Gott doch nicht zugelassen, und bei Nachme Klinker wäre das jüdische Gewissen schon zur rechten Zeit erwacht. Wenigstens hätten wir etwas von der Verlobung gehabt. So aber hast du nichts — ja, noch weniger als nichts; denn jetzt mußt du noch die zehn Rubel in die Zdoko geben, wie du versprochen hast, wenn ein Wunder geschieht, daß Nachme Klinker nicht Blümchen heiratet. Und von wo willst du das Geld hernehmen, du Schnorrer? Oder willst du gar die Zdoko betrügen?" „Nein, wirklich nicht," sprach Melle mit weinerlicher Stimme; „ich habe mir schon vorgenommen, das erste Geld, das ich verdiene, in Raten „Na also," unterbrach ihn Uscher; „und du darfst nicht einmal daran denken, dir zum lieben Jom-Tow ein Paar neue Stiefel zu kaufen. Darum, Melle, will ich dir nur raten, von jetzt ab keine moralischen „Einfälle" zu haben." Das Wunderbare geschah: Melle widersprach nicht, er gab sogar Uscher recht und sprach mit völlig zerknirschter Stimme: „Ja, Uscher, wenn es Gottes Wille ist, daß wir unser Stückchen trockenes Brot nur mit Busche und Spott verdienen sollen, dann wollen wir uns nicht mehr gegen seinen heiligen Willen auflehnen und in Demut Er konnte nicht vollenden; die Türe wurde heftig aufgerissen, und auf der Schwelle erschien abermals der Briefträger, der Melle einen mit vielen Siegeln versehenen Brief einhändigte. Nachdem dieser zitternd und zögernd seinen Namen mit unmöglichen Buchstaben auf einen vorgelegten Schein niedergeschrieben und nachdem der Bote schon längst wieder fort war, betrachteten beide noch verblüfft und verwundert die großen Siegel und den Umfang des Briefes, ohne sich entschließen zu können, ihn zu öffnen und den Inhalt zu prüfen. „Er sieht eppes so komisch aus, Uscher; gar nicht so wie ein richtiger Brief von meinem Bruder! — Was mag nur drinnen liegen?" „Mach ihn auf, du Hasenfuß, wirst du sehen," schrie Uscher, der seine Ungeduld und Neugierde nicht länger bemeistern konnte. Mit bebenden Händen riß Melle endlich den Umschlag auf und ein — funkelnagelneuer Fünfrubelschein wurde sichtbar; nein — nicht einer — mehr — mehr — viel mehr — ein ganzer Haufen! Versteinert, wie vom Schlage gerührt, standen beide da und ließen die Banknoten - eine nach -der anderen - -- zur Erde fallen. Träumten sie? Waren sie behext? War es wieder Aschmedais Blendwerk, der sie abermals äffen wollte? Uscher faßte sich zuerst und fing an zu zählen: „Sechs — dreizehn — zwanzig — sünfunddreißig — sechzig — achtundachtzig — hundert — mehr — mehr — viel mehr! Großer Gott im Himmel! Fünfhundert Rubel! Mensch, Melle! Bist du meschugge geworden? Melle, so viel Geld! Lebst du denn noch? Hier, geschwind, hast du eine Stecknadel und stich mir in die Nasenspitze! — Au! Es tut weh! Es ist also kein Traum! Hurra! Fünfhundert Rubel! Und es gehört uns! Hurra! Nun ist jeder von uns ein großer Kozen! La—la—la—la—!" Und Melles Kopf mit beiden Händen fassend, wirbelte und raste er mit ihm im Kreise herum, als hätten sie bei einem Indianerhäuptling einen Tanzkursus durchgemacht. Endlich waren sie außer Atem geraten, und erbsengroße Schweißtropfen perlten ihnen von der Stirn. Lächelnd ließen sie sich auf den Erdboden nieder, wo das Häufchen Geldscheine lag. Umständlich schichteten sie diese zusammen, und — wie die kleinen Kinder — nahm bald der eine, bald der andere wieder das Päckchen in die Hand, um cs zärtlich zu streicheln. Jetzt erst bemerkten sie auch einen beschriebenen Zettel, der noch in dem Briefumschläge steckte, der aber weder Namen noch Unterschrift, sondern nur die wenigen Worte enthielt: „Ein Schlach-Monaus für die schöne „Moralische Komödie", die mir und meiner Frau sehr gut gefallen hat! Ihr sollt es erleben übers Jahr in Freuden und auch wieder Gutes stiften!" Melle sprang freudig auf und ries mit schluchzender Stimme: „Siehst du, du großer Mensch, du Fettbauch, du langer Ochse! Ich war doch klüger als du! Wir haben doch Gutes gestiftet, und an uns selbst ist wirklich ein Wunder geschehen! Und jetzt habe ich noch eine große Nekomo an dir! Denn ich brauche doch nur zehn Rubel in die Zdoko zu geben; du aber fünfzehn! Warum aber hast du auch immer einen so großen Mund..." „Ja, du Geizhals, du Kozen!" Uschers Stimme schnappte ebenfalls über, und notgedrungen mußten beide eine Weile schweigen. Uscher erholte sich wieder zuerst. „Ja," sprach er mit einem Ernst, wie vielleicht nie vorher in seinem ganzen Leben: „Gott ist groß und allmächtig, und seine Zeichen und Wunder geschehen auch heute noch, alle Tage! Aber, weißt du was?" der Marschallik kam wieder zum Durchbruch, und er blinzelte schelmisch mit den Augen, „wenn es Gott gefallen sollte, noch mehr solche Wunder an uns zu tun, so braucht er nicht erst bis zum Purim zu warten — meinetwegen kann es schon morgen wieder geschehen, und ich will ihm ehrlich und bar jedeSmal seine fünfzehn Rubel in die Zdoko bezahlen, und du, schadenfroher, kleiner Knirps, wirst nicht nötig haben, mich erst zu mahnen." Melle wußte keine Antwort zu geben; darum fuhr Uscher fort: „Ich sage dir, Melle, der Nachme Klinker, oder Perez Wedel, oder wie er sonst noch heißen mag, war doch kein ganz schlechter Mensch. Ihn hatte Aschmedai in der Mache — aber ein richtiger Marschallik lacht den Tod und Teufel aus, darum ist Perez Wedel ein anständiger Mensch geblieben." Durch Uschers Begeisterung hatte sich Melles poetische Ader wieder geöffnet — und auf einem Bein herumspringend, verstieg er sich zu dem Reim: „Und wurde er auch nicht Blümchens Ehossen — Für uns wurde er doch zu Szimche Wefsosson!" Das letzte Wort mußte natürlich Uscher behalten, darum sprach er: „Und wenn schon alle sagen, Purim ist kein Jom-Tow, so ist er mir doch viel lieber als Tischebeaw und Estertaanis zusammen! Was, Melle? Hurra! Der Purim soll leben!" Mchereinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in reinem Falle statt. Bibelwissenschaftliche Irrungen. Ein Beitrag zur Kritik der alttestamentlichen Bibelkritik an der Hand eines gerichlichen theologischen Gutachten von Jakob Neubauer. Berlin 1917, Verlag von Louis Lamm. Fünfter Bericht des Israelitischen Waisenhauses, genannt die Philipp Feidel und Emilie Goldschmidtsche Stiftung zu Kassel. Für die Jahre 1913 bis 1916. Druck- und Zeitungs wesen in Grodno. Von Heinrich Eisemann, Landsturmmann. Separatabdruck ous der Sondernummer der „Gvodnoer Zeitung" vom 1. Dezember 1916. Mit drei- Abbildungen,, nebst einem Anhang. Die älteste Ansicht von Gr-oduo. Mit einer Abbildung. Grodno 1916. Druck -und Verlag der „Grodnoer Zeitung". Preis 60 Pf. Die Ziele und Wege des Comiios Pro Causa Judaica. Heransgegeben vom Comilo Pro Causa Judaica, Zürich 1917.

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