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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-04 · Heft 18 (4.5.1917) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 18 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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Freiheitliche Verhältnisse sind eingetreten, von denen man hoffen kann, daß, wie sich die Lage auch in Zukunft gestalten würde, keineswegs die alte Judengesetzgebung — so, wie sie war — wieder aufleben wird. Die Tatsache, daß Rußland dazu übergeht, sich moderne Staatsformen zu schaffen, die Gesamtheit seiner Bürger, Juden wie Nichtjuden, gleichmäßig zu behandeln, wird auch auf das stärkste auf die kleinen Nachbarländer, Polen und Rumänien, einwirken, die gar nicht in der Lage sein werden, die Sonderstellung der Juden aufrechtzuerhalten. Der furchtbare Krieg wird es bewirken, daß die osteuropäische Judenfrage ein wesentlich anderes Gesicht zeigen wird als vorher. Es ist dem Siege der deutschen Truppen zu verdanken, daß Regierungen zusamnrengestürzt find, die den Antisemitismus als Staatsweisheit proklamiert und propagiert haben. In kurzem Rückblick auf die Gesamttätigkeit des Hilfsvereins seit seinem Bestehen führt Redner noch an, daß in anderthalb Jahrzehnten für Hilfswerke, bei Katastrophen urrd für Auswanderungsfürsorge — einschließlich der finanziellen Beteiligung der Juden des Auslandes cur diesen Aktionen —, sodann für das umfangreiche Kulturwerk im Orient und weitere Tätigkeitsgebiete rund 35 Millionen Mark ansgegeben worden sind: für das Schulwerk 2A Millionen, für die Auswanderungsfürsorge 3 Millionen und bei Katastrophen 26 Millionen Mark. Der Rest verteilt sich auf sonstige verschiedene Betätigungszweige. Ein Weiterarbeiten des Hilfsvereins wird auch fernerhin unter veränderten Verhältnissen notwendig sein. Es rnüssen Generationen herangebildet werden, die fähig sind, auch unter den neuen Verhältnissen den Kamps mit dein Leben aufzunehmen. Das kann nur geschehen durch Schulen, durch ein lvohlorganifiertes Schulsystem, das aufstoigt von Kleinkinderbelvahrnnstalten bis zu Realschulen, Gymnasien, Lehrerseminar, Rabbilierfeminar. Die Aufgaberr der Zukunft werden zum Teil wieder ebenso große und schwere sein als die der Vergangenheit. Es werden Aufgaben sein, die die Folgen des Weltkrieges und der Geist einer neuen Zeit stellen. Es sei zu hoffen — obwohl vielfache Rückschläge nicht ausgeschlossen seien - , daß man mit Katastrophen, wie imnier wiederkehrenden Pogromen, nicht mehr werde zu rechnen brauchen, daß nach Ueberwindung des weltverheerenden Krieges an der wirtschaftlichen Wiederaufrichtung und der intellektuellen Weiterbildung der osteuropäischen und orientalischen Juden mit aller Kraft werde gearbeitet werden können. Voraussetzung für die weitere Wirksamkeit des Hilfsvereius der Deutschen Juden sei aber die intensivste und nicht nachlassende Mithilfe der deutschen Judenheir. Herr Dr. James Simon machte alsdann noch nähere Angaben über einen sehr ausgedehnten Teil des Kriegshilfswerkes des Hilfsvereins, die Briesvermittlung zwischen den Personen der ncntralen Staaten und Amerikas und ihren Angehörigen in den besetzten Gebieten wie die Ueberweisung von Privatgeldern dieser Personen nach Russisch-Polen und Litauen. In mehr als einer Million Fällen konnte die Verbindung hergestellt werden. An manchen Tagen gingen 1800 bis 2000 Briese und Anfragen beim Hilssverein ein. An 5 Millionen Mark, die von Verwandten gesandt wurden, konnten nach den besetzten Gebieten an die Angehörigen weitergegeben werden. Für diese Vermittlungsabteilung sind ungesähr hundert Hilfskräfte angestellt gewesen; die Kosten für diese Abteilung belaufen sich bisweilen einschließlich Porti auf 1000 Mark täglich und im Jahre bis aus 200 000 Mark. Redner hebt mit besonderem Danke hervor, daß der Hilssverein der Deutschen Juden bei den deutschen Militär- und Zivilbehörden jederzeit größtes Entgegenkommen und Förderung seiner Bestrebungen finde, worin eine erfreuliche Anerkennung der Tätigkeit des Hilfsvereins liege. Um Mißverständnissen vorzubeugen, gibt der Vorsitzende alsdann noch eine kurze Charakteristik der im Kriege neu gegründeten, mit dem Hilfsverein durch Personalunion verbundenen Organisationen: des „Jüdischerr Hilfskomitees für Polen und Litauen zur Verwaltung amerikanischer Unterstützungsgelder" und der „Deutschen Vereinigung für die Interessen der osteuropäischen Juden", die sich in politischer Richtung betätigt. Auf eine Anfrage des Herrn Geheimrat Pros. B a g i n s k i über die Bekämpfung von Infektionskrankheiten in Palästina und die Betätigung des Hilfsvereins auf diesem Gebiete geben die Herren Dr. Simon und Nathan Auskunft. Herr Stadtrat Gimkiewicz spricht unter dem lebhaftesten Beifall der Versammlung der Leitrmg des Hilfsvereins, insbesondere den Herren Dr. James Simon, Dr. Paul Nathan und Dr. Bernhard Kahn, den Dank für die großartigen Leistungen des Vereins für die unglücklichen Glaubensgenossen im Osten und in der Türkei und für ihre unendlich hingebende und erfolgreiche Tätigkeit aus.- Die Ver-! sammelten erheben sich zur Ehrung des Vorstandes von den Plätzen, i Herr D r. James Simon dankt für die dem Vorstand gezollte l Anerkennung mb hebt unter Hinweis mtf die gewaltigen Ausgaben! lind Verpflichtungen des Hilfsvereins in den Kriegsjahren erneut | hervor, daß er auf ein festeres finanzielles Fundament gestellt werderr nrüsse, unt auf die Dauer Bestand zu haben und seine vielgestaltigerr Aufgaberr rveiter zu führen. Er richtet einen warmen Appell an die Versammlung, für die Stärkung der Mittel des Hilssvereins nach Kräften einzutreten. Nach einem Bericht des Schatzmeisters Herrn Ernst S i m o n ' erteilte die Versammlung der Verwaltung einstimmig Entlastmrg. *** ßrofrllor Lugen Mittwoch. ^M^er außerordentliche Professor für semitische Philologie an der Berliner Universität und Lehrer am Seminar - für orientalische>Sprachen Dr. Eugen Mittwoch hat, wie schon im „Gemeindeboten" mitgeteilt worden ist, einen Ruf als Ordinarius nach Greifswald erhalten, wo er den nach Göttingen! übergesiedelten Professor Mark Lidzbarski zu ersetzen bestimmt! ist. Der Gelehrte hat diesen Ruf angenommen, wird aber der Berufung erst nach dem Kriege Folge leisten können, da er zurzeit die Nachrichtenstelle für den Orient leitet. Dr. Eugen Mittwoch ist 1876 zu Schrimm (Provinz Posen) geboren. An der Berliner Universität, wo er besonders bei Sachau und Jacob Barth Vorlesungen hörte, erwarb er die Doktorwürde und unternahm dann eine mehrmonatige Studienreise nach Aegypten und Syrien und habilitierte sich im Sommer 1905 in der Berliner philosophischen Fakultät mit einer Arbeit aus dem Gebiete arabischer Kulturgeschichte für das Fach der semitischen Philologie. 1909 erhielt er den Prosessortitel und 1913 einen Lehrauftrag für südarabische Epigraphik und abessinische Sprachen. Im Jahre 1915 wurde er als Nachfolger seines verstorbenen Lehrers I. Barth zum außerordentlichen Professor des Arabischen ernannt. Seit vielen Jahren ist er auch mit der Abhaltung des amharischen und äthiopischen Unterrichts am Seminar für orientalische Sprachen betraut. Sein Hauptarbeitsgebiet sind arabische Literaturgeschichte, arabische Epigraphik und abessinische Sprachen. Eine große Zahl von Aufsätzen veröffentlichte er in Fachzeitschriften, besonders in den „Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen". Gemeinsam mit Professor Julius Hirschberg, dem bekannten . Ophthalmologen, veröffentlichte er ein zweibändiges Werk über arabische Augenärzte. In den „Abhandlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften" (1913) erschien seine Schrift „Zur Geschichte des islamischen Gebets und Kultus". Von allgemeinem Interesse sind seine zusammen mit Professor Friedrich Sarre veröffentlichten Arbeiten (meist im „Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlung"), die vom epigraphischen Standpunkt aus die Entstehungszeit usw. der islamischen Kriegsdenkmäler behandeln. Es ist ungemein erfreulich, daß sich durch diese Berufung die nicht eben große Zahl der jüdischen Ordinarien in Preußen und Deutschland vermehrt. Wir beglückwünschen den Forscher, der in den besten Mannesjahren steht, aufs herzlichste. Professor Mittwoch, von dem wir vor einiger Zeit einen Festartikel über Theodor Nöldike zum Abdruck bringen durften, ist ein treuer Sohn des Judentums. Er hat diese Anhänglichkeit durch sein ganzes Leben bekundet, in großen, allgemeinen Fragen gern seinen Rat erteilt, ist auch mit tätig gewesen in den Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde Berlin, z. B. der

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