Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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*<-•&*■!»« Ww - W!>^n,u.!«,!,'M->'1 I”-n. -,u. -JI'U. 1,11.!.» 21 l —— 'Der dem Zentralkomitee stattttenmäßig vorgelegte Geschäftsbericht des Hilfsvereins wird von demselben einstimmig gutgeheißen. Auf eine Anfrage des Herrn Oberrabbiners Dr. Netter in Metz, ob es dem Hilfsverein möglich wäre, sein Hilfswerk auch auf die Juden des okkupierten Gebietes im Westen auszudehnen, so speziell auf Nachbargebiete von Metz, erklären die Herren Dr. N a t h a n und Dr. Simon, daß der Hilfsverein prinzipiell bereit sei, nach Maßgabe der verfügbaren Mittel einzugreisen. Herr Dr. Bernhard Kahn, Generalsekretär des Hilfsvereins, fügt hinzu, daß im Laufe des Krieges, soweit Postverbindungen. bestanden haben, bereits vielfach Einzelunterstützungen dorthin gewährt worden seien. Darauf findet die Zuwahl des Herrn Hugo Cohn (Leipzig) in das Zentralkomitee mit Stimmeneinheit statt. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich unmittelbar die Mitgliederversammlung an. Vor Eintritt in die Tagesordnung erfolgte die Ehrung der verstorbenen Mitglieder des Zentralkomitees und der vielen auf dem Felde der Ehre gefallenen Vereinsmitglieder durch Erheben von den Plätzen. Der Vorsitzende führt einleitend aus, daß sich leider die bei der vorigen Tagung ausgesprochene Hofsmlng, der Weltkrieg werde in nicht zu ferner Zeit sein Ende finden, nicht erfüllt habe. Mit der Länge des Krieges habe sich die Lage der Juden in den besetzten Gebieten immer mehr verschlimmert. Zehntausende haben flüchtend Hab und Gut verlassen müssen, seien in tiefstes Elend gestoßen unb würden bei ihrer Rückkehr ihre Heimstätten verwüstet und verbrannt vorfinden. Immer weitere Kreise verfielen der Armut und Not. Die Ernährungsschwierigkeiten seien überall gewachsen und dies bringe viel Leiden und Gefahren mit sich. Gegenüber der furchtbaren Notlage habe sich aber auch der jüdische Wohltätigkeitssinn in der ganzen Welt in glänzender Weise bewährt. In England lind Frankreich hat man den russischen Juden Hilfe gebracht, in den neutralen Ländern hat inan sich nach beiden Seiten betätigt, und insbesondere ist von den Juden der Vereinigten Staaten eine Hilfsaktion ausgegangen, die alle bisherigen Leistungen weit in den Schatten stellt und ihnen zu dauerndem Ruhme gereichen wird. Auch die deutschen Juden haben nach Kräften mitgewirkt, aber in erster Linie mußte ihre Hilfstätigkeit der Not des deutschen Vaterlandes gelten. Erst die großartige pekuniäre Beihilfe der Juden in den Vereinigten Staaten ermöglichte die Durchführung eines umfassenden 'Hilfswerkes in den besetzten Gebieten des Ostens. Der Hilfsverein der Deutschen Juden habe, wenn je, im vergangenen Jahre seine Daseinsberechtigung gezeigt und es harre seiner ein Riesenwerk für die Zukunft: der Wiederaufbau der unzähligen vernichteten Existenzen - ein Werk, das er nur bei dauernder, tatkräftigster Unterstützung seitens der deutschen Judenheit auszusühren imstande sei. Den Beamten des Hitfsvereins, die sich seit Kriegsbeginn in ausopserndster Weise unermüdlich in den Dienst des Hilfswerkes gestellt haben, spricht der Redner namens des Vorstandes besonderen Dank aus. Herr Dr. P a u l N a t h a n , Geschäftsführer des Hilfsvereins i. E., geht des näheren auf die Tätigkeit des Hilfsvereins ein, dem durch den Weltkrieg nach den verschiedensten Richtungen hin Aufgaben von einer Schwere und verantwortungsvollen Bedeutung zngefallen seien, wie bisher wohl niemals einem einzelnen Verein. Es war eine Pflicht des Hilfsvereins, sein umfangreiches Schullv e r k im Orient ausrechtzuerhalten. Es war mit großen Schwierigkeiten infolge Einberufung einer Reihe von Lehrkräften zum Militärdienst und infolge der Teuerung wie der ungünstigen Valutaverhältnisse zu kämpfen. Der Hilfsverein mußte außerordentlich schwere finanzielle Lasten aus sich nehmen, insbesondere auch um die Notlage der Lehrer zu erleichtern. Aber es ist geglückt, das in anderthalb Jahrzehnten geschaffene Kulturwerk ausrechtzuerhalten und es sogar zu erweitern. In Konstantinopel, wo durch Schließung französischer und englischer Schulen, insbesondere für die weibliche Jugend, große Gefahren erwuchsen, ist eine Mädchenschule begründet worden, die bereits 220 Schülerinnen zählt. Auch in Jerusalem konnte Ausgestaltung einzelner Anstalten erfolgen. Die Aufrechterhaltung des Schutwerkes ist mn so erfreulicher, als in"'den jetzigen Zeiten bei der Unsicherheit der Verhältnisse unb den sich ergebenden politischen Möglichkeiten die Heranbildung einer kenntnisreichen Jugend für das orientalische Judentum von größter Bedeutung ist. Für das Schulwerk, über , das der Jahresbericht, des Hilfsvereins im einzelnen Bericht gibt, wurden rund 400 000 Mark aufgewandt. Die Hauptaufgaben, die dem Hilfsverein weiterhin auserlegt waren, wurden bedingt durch die Kriegsereignisse. Es wurde das mögliche zlir Linderung der ungeheuren Not getan. Das Hilfswerk in den besetzten Gebieten, das nach vielfachen Reisen dorthin planmäßig organisiert unb hauptsächlich mit amerikanischen Mitteln von dein selbständig arbeitenden „Jüdischen Hilfskomitee für Polen und Litauen" ins Werk gesetzt werden konnte, hat die Juden vor einer K atastrophe bewahrt, vor äußerster Not, und dadurch wurde auch der Verbreitung von Epidemien vorgebeugt, womit zugleich den sanitären Interessen der übrigen Zivilbevölkerung und des deutschen Heeres wesentlich gedient wurde. Die monatlichen Aufwendungen aus diesen Fonds für die besetzten Gebiete betragen jetzt rund eine Million Mark. Zurzeit werden damit etwa 600 Volksküchen, Teehallen und Schulspeiseanstalte.il mir mehr als 400 000 Besuchern unterhalten. In Warschau allein sind 90 000 Benutzer der Volksküchen vorhanden, dazu kommen 10- bis 15 000 in den Schulen gespeiste Kinder. Während des Krieges sind über zwölfeinhalb Millionen Mark für diese Hilfsaktion in die besetzten Gebiete geflossen und über eine halbe Million in den Orient, die europäische und asiatische Türkei. Besondere Verdienste um den schwierigen und mühseligen Aufbau dieses Werkes hat sich der Generalsekretär des Hilfsvereins, Herr Dr. Bernhard Kahn, erworben. Eine Wetterführung dieser Aktion von riesenhafter Größe, durch die Tausende am Leben erhalten, vor schweren Krankheiten bewahrt wurden lmd wodurch die junge Generation der Schule zllgeführt lverden kann, bis znm Schluß des Krieges sei zu erhoffen. Diese Hilfsaktion sei unter all den Werken, die in der Liebestätigkeit geschaffen worden sind, wohl das großartigste. Niemals seien wohl von Privatleuten Summen von solcher Höhe in Gebieten von dieser Ausdehnung in verhältnismäßig so kurzer Zeit ausgegeben worden, und doch lasse sich nicht sagen, daß sie mehr als ein Notbehelf für den Augenblick gewesen siud. Es lvar nach Lage der Dinge nicht möglich, bleibende Schöpfungen ins Leben zu rufen. Durch eine dem rem Humanitär tätigen Hilfsverein angegliederte, im Kriege begründete Organisation mit politischen Zielen ist auch mittels Verhandlungen des Redners mit führenden polnischen Persönlichkeiten darauf hmgewirkt worden, das Verhältnis zwischen Polen und Juden, die das alte russische Regime systematisch in Gegensatz zu bringen suchte, besser zu gestalten. Von einsichtigen prominenten Polen sei dies feindliche Verhältnis jetzt als ein Unglück für das Land und die Zukunft des jetzt erstehenden polnischen Staates erkannt worden, und ein Antisemitismus wie bisher werde . nicht allein aus Humanität, sondern aus klarer politischer Einsicht in dem Zukünftigen polnischen Staat hoffentlich nicht weiter kultiviert werden/ Es seien auch gewisse Garantien für den Wandel der Gesinnung geboten; so seien auch einige häßliche antisemitische Maßnahmen iw Warschau schon rückgängig gemacht worden. Auch in Rumänien, einem Lande schandbaren Regierungsantisemitismus, woher Redner soeben zurückgekehrt ist, sei eine ähnliche Entwicklung der Dinge zu erwarten. Die den Juden durch den Berliner Vertrag von 1878 zugestandene Gleichberechtigung ist ihnen durch advokatorische Kniffe des Staates wieder völlig genommen worden. Das Königreich Rumänien sei nunmehr zusammengebrochen. Seine Verhandlungen mit teitenben rumänischen Politikern, früheren Ministerpräsidenten und Ministern in Bukarest hätten bei allen Abweichungen des Standpunktes tut einzelnen eine Uebereinstimmnng darin ergeben, baß unter allen Umständen zu einer Reform der Judengesetzgebung in Rumänien geschritten werden müsse. Die einen sprachen sich dahin aus, Schritte zur Emanzipation der Juden nach Kategorien zu unternehmen; die anderen sind für eine Emanzipation in toto, ohne Ausschluß irgendwelcher Kategorien, fürvolle Gleichberechtigung bei einer gewissen Ansüssigkeitszeit im Lande. Das Schwergewicht der Tatsachen werde jedenfalls zu einer entschiedenen Aenderung der bisherigen Rechtlosigkeit der Juden führen, schon durch Rückwirkungen, die von Rußland ausgehen. Das zarische Regiment und die zarische Despotie ist zusammengebrochen. "