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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-05-04 · Heft 18 (4.5.1917) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 18 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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22, April auf der Tagung der Liberalen Arbeitsgemeinschaft für Bayern: „Tie Fragen der Übergangswirtschaft werden bei dem großen wirtschaftlichen Konzentrationsbestreben der Kriegsgesellschaften und Kriegsämter für Bayern von größter Bedeutung werden. Diese großen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fragen sollten konfessionelle itiib andere parteipolitische Streitigkeiten ganz in den Hintergrund drängen." * - Mit einer gewissen Schadenfreude geben wir folgende Auslassung wieder: „Der Karren ist in der antisemitischen Bewegung verfahren, und es lvird eine Weile dauern, bis er wieder flott lvird" - so jammert die „Staatsbürger - Leitung". „Die übertriebenen groß eil Erlvartungen ans eineu ungewöhnlichen Aufschwung des Antisemitismus nach dem Frieden sind unseres Erachtens unberechtigt. Zweierlei ist geeignet, denl deutschen Antisemitismus Abbruch zu tun: 1. die russische Revolution und ± die Unzulänglichkeit in der derzeitigen Führung, der deutschvölkischen Partei. Die russische Revolution befreit Deutschland von dem Schreckgespenst der vstjüdischon Akasseneimvanderuug. Das macht natürlich was ans. Tie russische Revolution lvird des weiteren eine große demokratische Welle auch in Deutschland erzeugen. Die Herren Werner, Wiegershausen und Henningsen, die zielbewußt gegen diesen Strom zu schwimmen unternehmen, lverden dabei keine Triumphe feiern. Was die Unzulänglichkeit in der derzeitigeil Führung der deutschvölkischen Partei betrisst, so ist das ein besonderes Kapitel, über das nur uns ein andermal eingehender verbreiten lvollen. Wir haben Feit und man soll nichts überstürzen." * Ein ganz besonderes Pröbchen niedriger antisemitischer Gesinnung gibt die „Tägliche Rundschau" bekannt, und da sich dieses Blatt, das gewiß nicht judenfreundlich genannt werden kann, energisch verwahrt, braucht mau nichts Weiteres hinzuzufügen: S n n d e g e g e n d e n Gei st. . Folgender kaum glaublicher Vorfall wird uns zuverlässig berichtet. Aus einem westlichen Vorort Berlins wurden acht Primaner zur landwirtschaftlicherl Hilfeleistung auf ein Gut beurlaubt. Unter ihnen befand sich ein Jude. Diesem ließ die Gutsherrin einige Stunden nach seiner Ankunft durch einen seiner Kameraden sagen, daß sie mit Inden nichts zu tun haben wolle und wünsche, daß er gleich nneder seines Weges fahre, übrigens gegen seine Person nichts habe. In welcher Gemütsverfassung der junge Mann zu seinen Eltern zurückkehrte, braucht nicht weiter ausgemalt zu werden. Der Leiter der Schule rief mtf die Meldung von dem Vorfall hin sofort die beurlaubten Schüler sämtlich zurück, gab sich daun aber, im Einvernehmen mit dem Vater des so häßlich Behandelten, damit zufrieden, daß die Gutsherrin sich wegen des Vorfalles schriftlich entschuldigte. Damit kann dieser Fall an sich für erledigt gelten. Als Beispiel aber für eine gewisse Sorte von Gemütsrvheit aus Doktrinarismus verdient er seine Kennzeichnung. Bon jedem Gesichtspunkte aus gesehen ist diese Handlungsweise bedauerlich und der Brnndmarkung wert. Die jungen Leute kamen, um Arbeitshilfe zu leisten, um vaterländischen Hilfsdienst in der Landwirtschaft zu tun, worum sie ja tagein, tagaus in allen Tonarten waren beschworen worden. Demgegenüber bedeutete die Zurückweisung schnöde Undankbarkeit. Der junge Mann kam auf Anordnung und Weisung seiner Schule: demgegenüber bedeutete die Zurückweisung einen taktlosen Eingriff in das Erziehnngswerk der Schule. Wie, wenn die Einsicht des Schulleiters, wenn das gesunde Gefühl der jungen Kameraden nicht weiser und reifer sich erwiese als das Gefühl und die Einsicht dieser Gutsherrin? Welche Schädigung dieser jungen Seelen. Endlich aber — das weitaus Schlimmste - - hatte diese Frau denn gar keine Ahnung davon, was sie diesem jungen Menschenherzen tat? Dem sehr wohlerzogenen Kinde trefflicher Eltern, dem guten Willen und Eifers vollen, nicht etwa durch irgendeine spezifisch berlinische Bvrtautheit ausgezeichneten, jedem Eindruck offenen Jüngling? Wer selbst je für eine junge Seele mit verantwortlich war, wird erschreckt fragen, wie ein Kulturmensch es wagen kann, dergleichen zu tun. Wenn der junge Mensch durch ein solches Erleben in der eindrucksfähigsten Epoche fernes Lebens nicht dauernden Schaden nimmt, so ist das nur . seiner gesunden, guten Art 31t danken. Braucht man erst den Geist des sogenannten Burgfriedens zu beschwören imb ans die Schädigungsnwglichkeiten für das ganze freiwillige Hilfsdienstwerl hinzuweisen, die eine solche begriffe- und herzverwirrende Willkür und Fühllosigkeit bedeutet? Unter allen Umständen, vor, während und nach jederlei Krieg und Frieden bedeutet eine so Hirn- und herzlose Handlung schwere Sünde gegen Menschengeist und Men schenseele. * Aus Rußland wird ferner folgendes berichtet: H a n g, 23. April. Das Jüdische Korrespondenzburenu meldet aus Petersburg, daß die Indenbewegung sich über ganz Rußland ans breitet. Es erscheinen nneder zionistische Blätter. Biele reaktionäre und antisemitische Zeitungen haben ihr Erscheinen eingestellt. Alle antisemitischen Demonstrationen werden von der Regierung unter drückt. Endlich ist auf einen Artikel von E. Jenny im „Tag" hin zuweisen, der, „Russische Judenemanzipation urtb Juden fragen in Polen" behandelnd, die früheren Zustände beleuchtet und mit folgenden Sätzen schließt: Run werden also die Schleusen geöffnet. Alls dem bisherigen Pferch armseligster Verkommenheit können künftig die Proletarier nrasseil der Indenheit abströmen ins weite russische Reich. Ein neuer Rahrnngsspielranm tut sich da ailf. Wie sich die russische Bevölkerung damit absurden limg, soll hier nicht erörtert werden. In diesem Punkte berührt sich jedoch diese Lösung allfs engste mit dem Schiet sal Polens. Wie bekannt, ist dort die Judenfrage brennend. Aug die dellksche Verwaltung stellt sie vor dringende Probleme, lnn die Be ziehnng der etwa 15 v. H. betragenden jüdischen Bevölkerung 31t den übrigen Klassen 31t regeln und erträglich zu gestalten. Hier tritt alsv die russische Judenbefreiung in innigste Wechselbeziehung 311 der Ren Organisation Polens. Tie Möglichkeit des freien Abflusses des in Anbetracht der wirtschaftlichen Verhältnisse überschüssigen Inden kontingentes ilach Osten erleichtert die organische Eingliederung des Judentums in Polen, wo es bisher als Fremdkörper höchst unliiebsinu elnpfundeu wurde. Allch die drohende massenhafte Abwanderung nach bem Westen, die schwere Bedenken erloeckte, wird eine Minderung erfahren, nun die Verbveiterung der Unterhaltsbasis nach Osten zu sich vollziehen lvird. Die diesbezüglichen Sorgen erfahren eine sehe willkommene Milderung. Denn die Blassen der Ghettogäste zieht es ostwärts. Ihr Erwerbstrieb, der überwiegend auf Handel eingestellt ist, findet innerhalb der wenig regsamen Russen einen weiteren Spiel raum und leichtere Gewinnchancen. Auch braucht der Ghettojude, der sich dorthin wendet, nicht erst geistig und körperlich Toilette für Wen enropa zu machen. Die Polen sowie alle an Polens künftiger Gestaltung Mitwirkenden haben daher allen Anlaß, die Gleichstellung der Inden in Rußtanb freudig zu begrüßen. Genkraloerlsmmlung des tzilksoerems der Deutschen Juden. m 25. April fanden in der „Gesellschaft der Freunde" unter Vorsitz des Herrn Dr. James Simon die statutengemäße Sitzung des Zentralkomitees und die Tagung der ordentlichen Mitgliederversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden unter zahlreicher Beteiligung von Mitgliedern aus Berlin uno allen Teilen des Reiches statt. Es hatten sich Besucher eingefunden aus Hamburg, Dresden, Mannheim, Men. Königsberg i. Pr., Lissa, Tilsit und anderen Orten. Vor Eintritt in die Tagesordnung des Zentralkomitees hält der Vorsitzende einen warmen Nachruf auf die feit der letzten Sitzung der Körperschaft dahingeschchdenen Mitglieder: die Herren Bear S a l i n g e r (Berlin), Justizrat V 0 ß (Ostrowo), Willibald Loewenthal (Berlin), Kommerzienrat L a n d a u (Augsburg), Rabbiner Dr. Wilhelm M ü n ] (Gleiwitz), Geh. Kommerzienrat Michael H e r z (Posen) und die Herren Prof. Tr. Martin Philip pson (Berlin) und Rabbiner Dr. E 0 h n (Kattowitz), die in langer, enger Arbeitsgemeinschaft mit dem Hilfsverein gestanden haben.

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