Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
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Bettinger, die er unserem verehrten Herrn Rabbiner Professor Dr. Werner gegenüber machte, ist im Gegenteil zu entnehmen, daß die ihm zum Vorwurf gemachte Gesinnung den Juden gegenüber nicht besteht. Für die Auffassung des Dr. v. Bettinger dürfte unter anderem bezeichnend sein, daß er vor einiger Zeit sich bei Herrn Professor Dr. Werner m Interesse eines dürftigen, ihxn aus seinem früheren Wirkungskreise bekannten Juden auss wärmste verwendete. Der verewigte Kardinal-Erzbischof Dr. v. Bettinger hat in den weitesten Kreisen sich allgemeiner Verehrung erfreut. * Ueber einer: Pessach^Festgottesdienst in Mazedonien erbalten wir folgende Mitteilung: In der alten, noch bis vor wenigen Zähren türkischen Stadt üesküb fand sich ein großer Teil der jüdischen Balkankämpser ein, I um dort nach der Väter Sitte das Fest der Befreiung aus Aegyptens g nechtschaft zu feiern. Uesküb, sehr malerisch an den Ufern des Wardar gelegen, ist eine ansehnliche Stadt von zirka 60 000 Einwohnern, in der neben; Türken, Mazedoniern und Bulgaren die dort wohnhaften zahlreichen Luiden eine bedeutende Rolle spielen. Diese sind, wie alle Balkanj'uden, Spaniolen und haben die alte spanische Sprache als Mutter- > spräche — man spricht in den Familien überhaupt nur Spanisch —! ivivie auch die Lebensgewohnheiten und den Ritus ihrer stolzen Ahnen luübehalten. Neben den dort gebräuchlichen Balkansprachen ver- [ nahen sie fast alle auf Französisch, verschiedene sogar etwas Deutsch. T'on ihrem Wohlstand zeugt die schöne große Synagoge, die inmitten des fast .ausschließlich von Iirden bewohnten Stadtviertels m der Nähe des Wardar liegt. Hier war auch in einem für l'iesige Verhältnisse geradezu prächtigen großen Saale die Seder-!vfel für uns hergerichtet, an der zirka 400 Soldaten, Deutsche, nesterreicher, Ungarn, russische und rumänische Kriegsgefangene, llilnahmen. Es war nicht leicht, eine solche Feier zustande zu dringen. Schon im Februar hatte der Feldrabbiner der 11. Armee, verr Dr. Lazarus aus Essen, mit den Vorbereitungen unter Beihilfe U'r sehr gastfreundlichen und hilfsbereiten Uesküber Juden, hauptsächlich ihres Präsidenten Mr. Elieser Navarro, begonnen. Ilm die finanziellen Mittel herbeizxrschaffen, hatte sich ein besonderer ..Ausschuß zur jüdischen Seelsorge im Bereich der 11. Armee" gebildet, dem namentlich dank den Bemühungen des Herrn Rabbiner Samuel in Essen insbesondere aus den Gemeinden Essen, Düsseldorf, Dortmund, Duisburg und Bochum sowie aus den Logen in Rheinland und Westfalen reiche Spenden zuslossen. Nach Verteilung verschiedener Bücher und Zeitschriften, die der Verband der Deutschen dulden gestiftet hatte, begann der Sederabend, den Herr Rabbiner > n-. Lazarus abhielt und mit einem Gedenken der Lieben in der! veimal einleitete. Dank den Bemühungen des Herrn Dr. Lazarus s erhielten wir ein ausgezeichnetes rituelles Essen. Bald entdeckte der! ueldrabbiner bei den gemeinschaftlichen Sedergesängen in den Reihen j der anwesenden Kameraden einen vorzüglichen Vorbeter in der Per- 'mx des Kameraden Fernbach aus Berlin, der mit seiner schönen uonorstimme auf Bitten des Herrn Dr. Lazarus die Fortsetzung dos Seder übernehmen und bei dem am folgenden Tage in der vauptshnagoge stattsindenden Feldgottesdienste als Vorbeter fungieren mußte. Dieser Gottesdienst gestaltete sich zu einem sehr würdigen. Obwohl der Feldrabbiner tags zuvor durch einen Wagenunsall ziemlich bedeutende Verletzungen erlitten hatte, lieh er es sich doch nicht nehmen, an diesem Feste, das mit besonderer Liebe von ihm vorbereitet worden war, zu wirken und durch seine gediegene, gchaltnotte Predigt feine Zuhörer zu erbauen. Er ging von dem Leitworr aus: „Gedenke, daß du ein Knecht gewesen bist", und wies auf den pviesachen Kampf hin, einmal für die äußere Freiheit an allen Fronten und dann für die von uns deutschen Juden erstrebte innere Freiheit, die sich im Stolz auf die jüdische Geistesbildung und die 'Etlichen Werte des Judentums bekundet. Am Schlüsse der Predig: gedachte er der gefallenen Kameraden. Ganz ausgezeichnet waltete der Kamerad Fernbach seines Amtes als Vorbeter. Mit tief empfundenem Vortrag und mit prachtvoller, wohlgeschulter, weicher Stimme trxlg er die uns von der lieben Heimat her so vertrauten Gesänge vor und versetzte uns wenigstens aus einige erbauliche Stunden in heimatliche Festtagsstimmung, was ihm unser aller herzlichen Dank eintrug. Den Abschluß unseres Feldgottesdienstes bildete der zweite Sederabend, der an froher Stimmung den ersten noch übertraf. Die Herzen waren wärmer geworden, die einzelnen Kameraden hatten sich noch vertraulicher aneinandergeschlossen. Die Haggadah wurde teils von Herrn Dr. Lazarus, teils von Kameraden Fernbach vorgetragen. Am Ende der Sederfeier gedachte Herr Dr. Lazarus der Pflicht der Dankbarkeit allen denen gegenüber, die uns die Feier durch ihre hochherzige Unterstützung ermöglicht hatten, und stattete vor allem dem Kameraden Fernbach, der durch sein vortreffliches Vorbeten die Andacht in so hohem Maße verschönt hatte, in herzlichen Worten unter dem Beifall aller Kameraden seinen offiziellen Dank als Feldrabbiner der 11. Armee ab. In dem frohen Bewußtsein, wahrhaft schöne erbauliche Stunden, int Kreise lieber, gleichsühlender Glaubensbrüder verlebt zu haben, trennten mir uns am späten Abend, um, von neuem Mute und von neuer innerer Kraft beseelt, ein jeder auf seinem Posten in der Pflicht fürs Vaterland getreulich weiter auszuharren. L. * Unser Korrespondent L. F. schreibt uns: Die Verbindung Neuorientierung und konfessionelle Gleichheit berühren die meisten Erörterungen, die sich auf der Seite der politischen Linken - an den Ostererlaß des Kaisers, die preußische Wahlrechtsreform und die damit zusammenhängenden neuen Vorschläge sowie die Aushebung des Jesllitengesetzes und des Sprachenparagraphen gegenüber den Polen knüpften. So hieß es in einem betreffenden Leitartikel der „Frankfurter Zeitung" Nr. 108 (Abendblatt): „Was dem einen recht, soll 'aber dem anderen billig sein. Man muß nicht bloß hoffen, sondern man muß ganz entschieden verlangen, daß die . G e w i s s e n s f r e i h e i t, die den Jesuiten oder jesuitisch gesinnten Menschen gewährt wird, auch anderen zugebilligt werde." Im Anschluß daran wird zu der Eingabe des Weimarer Kartells sreigeistiger Vereine Deutschlands an den Reichskanzler und andere staatsrechtliche Faktoren bemerkt: „Es handelt sich nur darum, daß man die Gleichberechtigung, die man den einen gewährt, den anderen nicht vorenthalten kann." Nicht nur um den Religionsunterricht handle es sich, „sondern um eine Anzahl grundsätzlicher Dinge, die in der Eingabe dargelegt sind, wie z. B. darum, daß die Zulassung zu einem Reichs-, Staats- oder Gemeindeamt u nd seine Ausübung in keiner Weise mehr von k o n> f e s s i o n e I l e n R ü ck s i ch t e n bestimmt werden dürfen. Hier muß Wandel geschaffen werden . . . Allen ohne Ausnahme muß die Neuorientierung möglichst bald zugute kommen, das allein kann -wahre Einheit schaffen'". Aehnliche Gedanken gelangten unlängst bei zwei kurz aufeinander folgenden Anlässen in München zum Ausdruck. Bei der dortigen Festfeier zum 50jährigen Bestehen der nationalliberalen Partei hielt am 18. April der langjährige Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Friedrich Goldschmit (kein Jude) eineu interessanten programmatischen Vortrag über „Zukunftsaufgaben des deutschen Liberalismus", worin er unter anderem folgendes aussprach: „Auch wir verlangen eine freigesinnte Verwaltung, auch wir .verlangen im öffentlichen Leben D uck d. f a m k e i t und Anerkennung aller S t a a t sbürger, ohne Rücksicht auf das politische, r e l i g i ö s e oder e t h i s ch e B e k e n n t n i s." Und damit stimmt ganz genau die klare Feststellung des bekannten Reichstags- und Landtagsabgeordneten Dr. Müller-Meiningen in seinem Vortrag über die politische Neuordnung am