Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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V*'' 208 - der Erde ein. Die ganze Menschheit feiert diesen Fortschritt aus dem Wege zu Zivilisation, Frieden und Verständnis. Für Millionen Juden ist eine feste Grundlage für ein menschenwürdiges Dasein geschaffen, für Errettung aus namenlosem wirtschaftlichen Elend, für politische Freiheit und ungehinderte kulturelle Entwicklung. Nicht nur unsere Brüder im Osten, nein das jüdische Volk, das seine Freiheit mit Blut erkauft hat, steht auf der Schwelle einer neuen Zeit, und die neue Morgenröte wirst ihre Strahlen über seine Zukunft. Wir vertrauen sicher daraus, daß man den russischen Juden nicht Freiheiten unter der Bedingung der Aufgabe ihrer nationalen Eigentümlichkeiten anbieten wird. Wir wissen, daß die Juden in Rußland auf eine derartige Bedingung nicht eingehen würden. Auch die Auflösungserscheinungen, die sich noch jedesmal eingestellt haben, wenn das jüdische Volk eine Stufe höher gestiegen ist, würden hieran nichts ändern, selbst wenn sie sich auch diesmal einstellen sollten. Eine Nation, die sich ihres nationalen Wesens bewußt geworden ist, kann ihre nationale Existenz nicht aufgeben. Für den Zionismus eröffnen sich neue ungeahnte Perspektiven. Neue ungeahnte Kräfte werden sich erheben. Das befreite russische Judentum verfügt über unerschöpfliche Quellen, die über das nationale Fühlen neue Begeisterung ausgießen und Vertrauen zu den überlieferten Idealen schaffen werden, die das jüdische Volk unlöslich an Zion knüpfen. Das stärkste Ghetto, das die jüdische Geschichte kennt, ist gefallen. Das jüdische Volk ist frei. Die große Idee des Zionismus wird in ihrer neuen Form mit erneuter Kraft an dem Kampf unseres Volkes für sein höchstes Ziel Mitwirken: die nationale Wiedergeburt im Lande Israel. * Ferner folge hier eine Korrespondenz unserer Mitarbeiterin M. B.: An das jüdische Volk richtet M. Winawer folgende Erklärung, die in der „Rjetsch" wiedergegeben ist. „Es hat sich etwas Großes im Leben des Volkes zugetragen. Dieses große Ereignis muß ein lautes Echo in unseren Herzen wecken. Wir sind gleichberechtigt mit anderen geworden, und selbstverständlich werden wir mit besonderem Aufschwung unseren Verpflichtungen gegenüber dem Vaterlande Nachkommen. Aber das ist noch wenig! Als das bedrängteste aller Völker müssen wir etwas schaffen, was der Welt für kommende Jahrhunderte die schöpferische Kraft der bürgerlichen Gleichheit, die wohltätige Macht der freundschaftlich-nationalen Vereinigung der Staatenfamilie vor Augen führen soll. Als Denkmal unserer Entsklavung müssen wir einen „T e m p e l d e r Gleichheit" schaffen, ein großartiges Weltinstitut zur Erforschung nationaler Probleme. Es soll eine Akademie, eine Bibliothek, ein Museum, ein Volksheim enthalten, alles zum Studium der Brüderschaft unter den Menschen und Völkern. In den Formen, die den gegenwärtigen Lebensbedingungen entsprechen, setzt sich die Prophezeiung unserer Weisen fort. Ihre Stimme hat das Gewissen der Menschheit geweckt und läßt sich auch in der Kundgebung vernehmen, die unsere Befreiung bekanntgibt. Hier, in der Hauptstadt Rußlands, wo mit vornehmer Einfachheit plötzlich die Fesseln der Rechtlosigkeit von uns gefallen sind, soll sich das erhabene Denkmal erheben zum Ruhme der Menschheit, im Namen der Gleichheit und Brüderlichkeit. Die jüdische Versammlung in Petersburg am 22. März alten Stils feierte den Tag der Gleichheitserklärung durch den Entschluß einen Fonds zum Bau eines „Tempels der Gleichheit" zu sammeln. Der erste Aufruf hierzu hat sofort eine Summe von einer Million Rubel ergeben. Es wird ein Komitee eingesetzt mit der Aufgabe, eine allgemeine Volkszeichnung und einen Plan der Organisation durchzuführen. Alle Stiftungen bitten wir nach Petersburg (Krjukowskaja Nr. 14) zu richten. Der große Augenblick muß unsere Energie und unseren Eifer verdoppeln, um das Geschehnis zu verewigen. Das Wahrzeichen, das wir errichten wollen, soll beweisen, daß wir unter Qualen geseufzt, aber den Rücken nicht gebeugt haben, wie unsere Vorfahren es geträumt haben. Es soll der ganzen Menschheit und allen Nationen der Welt, die für ihre Rechte kämpfen, eine Quelle der Stärkung und der Aufrichtung sein, wie es für uns das große Glück ist, das jetzt den Söhnen unseres Volkes zuteil wird. * Im Anschluß daran geben wir folgende sehr bedauerliche Mitteilung: Die ungarischen Zionisten um eine Million geschädigt. Aus Budapest wird uns gedrahtet, der Landes verein der Zionisten habe durch Unterschlagung eine Million Kronen eingebüßt, die zur Unterstützung von Hilfsbedürftigen so wie der Angehörigen Eingerückter bestimmt waren. Nur 100 000 Kronen waren von dem Kassierer Marcus verrechne! worden. Der Präsident Frisch wurde vom Schlage gerührt, und der Kassierer Marcus verübte am Grabe seiner Mutter einen Selbst Mordversuch. # Unter den wichtigen allgemeinen politischen Nachrichten sind besonders zwei zu erwähnen. Die eine ist Oesterreich- Ungarns Erklärung, daß sie keinerlei Annexionen beabsichtige, die andere Wilsons Rat an die Entente, besonders England, ihre Kriegsziele zu mäßigen, und die ausdrückliche Aussprache, daß Amerika eine Vernichtung Deutschlands weder wünsche noch zu unterstützen beabsichtige. Beides sind freilich Worte, aber solche, die die Aussicht auf Frieden etwas näher erscheinen lassen. * Im H a u p t a u s s ch u ß des Deutschen Reichs tages ist der Heeresetat beraten worden: Ein Sozialdemokrat führte aus, daß trotz der feierlichen Er klärungen sogenannte Judenzählungeu stattgesundm hätten, auch über eine difsereuzielle Behandlung der Juden liegen Mitteilungen vor. Der Redner führt Beschwerde über Beleidigungen gegen einzelne Juden sowie gegen die ganze Konfession und trägt zahlreiche andere Beschwerden vor. Ein anderer Abgeordneter führte aus: Das Kapitel des Antisemitismus in der Armee ist sehr unerfreulich. Das Kriegsministerium antwortet nicht in richtiger Weise auf Beschwerden von Abgeordneten. Der Redner führt Einzelfülle über Nichtbeförderung von tüchtigen und sogar dekorierten jüdischen Sol baten zu Offizieren an. Der Kriegsminister habe als Staatsminister die Pflicht, der Verfassung zur Durchführung zu verhelfen. In die Kadettenanstalten habe man Mohannnedaner und Buddhisten aus genommen, da dürfe man doch Juden nicht abweisen. * Aus Bayern erhalten wir von maßgebender Seite folgende Zuschrift, die wir zur Berichtigung früherer Mitteilungen hier wiedergeben: Es entspricht der Wahrheit in keiner Weise, daß die bayerische Zentrumspartei als solche judenfeindlich und antisemitisch ist. Es können für das Gegenteil zahlreiche Belege auch aus der letzten Zeit angeführt werden. Um nicht zu weitläufig zu sein, beschränke ich mich darauf, hervorzuheben, daß der Vorsitzende der bayerischen Zentrumspartei, der Abgeordnete Held, in Regeusburg im vorigen Jahre, als die Frage der rituellen Schlachtung hier einen bedrohlichen Charakter annahm, mit aller Energie zugunsten der Juden und mit Erfolg eintrat und bewirkte, daß die Sache so geordnet wurde, daß das religiöse Empfinden zahlreicher bayerischer Juden nicht verletzt wurde. Irr der letzten Zeit, bei der Behandlung der Frage der Teuerungszulage für Geistliche, war es wiederum dem Eintreten dee erwähnten Abgeordneten Held zu danken, daß auch bayerische bedürftige Rabbiner in den Genuß der vom Landtag beschlossenen Teuerungszulage kommen.