Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Daraus folgt, daß die Provinzialberatungsstelle und ihr Geschäftsführer nicht immer in der Provinzialhauptstadt ansässig sein müssen. Es gibt in mancher Mittel- und Kleinstadt oft genug kenntnisreiche Volkslvirtschaftler, die zugleich auch ein warmes Herz für ihre Glaubensgenossen und ein tiefes Verständnis für das, was unserem deutschen Volke not tut, besitzen. Etwaige notwendige Reisen nach der Provinzialhauptstadt sind auch nicht kostspielig. Zum Schluffe mögen hier einige kurze praktische Vorschläge für die nächste Tätigkeit der Hauptstelle zur Erwägung mitgeteilt werden. Die Hauptstelle veranstalte sobald als möglich in den Provinzialhauptstädten Wandervorträge. Dazu werden die obengenannten Vereine eingeladen. Durch Vertrauensmänner an den Versammlungsorten verschafft sich die Hauptstelle Gewißheit, ob es angängig ist, zu diesen Versammlungen auch Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden einzuladen. Nach dem Vortrage findet eine eingehende Diskussion statt. Es erfolgen die Aufforderung zu Zeichnungen iür die Kosten der Provinzialberatungsstelle sowie Vorschläge , mr den Geschäftsführer der Stelle. An diese Vorschläge ist die j Hauptstelle natürlich nicht gebunden, sondern sie kann der " Versammlung selbst Vorschläge machen oder um die Ermächtigung bitten, von sich aus einen Geschäftsführer zu bestimmen. Alles Weitere ordnet die Hauptstelle mit ihrem Geschäftsführer. Und nun frisch an die Arbeit, ihr deutschen Juden in Stadt and Land! Diese Lebensfrage unserer Glaubensgemeinschaft und unseres deutschen Volkes darf nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden und lasset nicht nach, bis dies Werk oelingt! Sorget dafür, daß die große Zeit auch große Männer nndet! Sir Woche. B e r l i n , den 1. Mai NN 7. ur zögernd schreibt man den Wonnemonat nieder. Tenn von Wonne vermag man nichts zu spüren, weder in den allgemeinen Verhältnissen noch in der Natur. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, nach einem ungewöhnlich harten, wngandauernden Winter für einige Tage Erholung, Erduickung und Wärme suchte, wurde aufs ärgste enttäuscht; er fand in der Fremde, wie in der Heimat, die Unbeständigkeit des April: nach kurzem, hellblinkendem, aber kraftarmem Sonnenschein Regenschauer, Kälte und trostlose Oede der Natur. Es scheint fast, als wenn der Frühling uns dieses Jahr beständig narren wollte, er steht nilr im Kalender, herrscht aber nicht in der Natur, und die Verheißungen bleiben unerfüllt, die wir nach dem gewöhnlichen Gange der Entwicklung seit vielen Wochen erwarteten. Möge der Mai uns endlich das bringen, was lvir so unumgänglich brauchen: Sonne, Fortschritt, Friede. # Einstweilen geht das fürchterliche Toben des schrecklichsten Weltkrieges weiter, und noch ist kein Ende abzusehen. Die ungeheure S ch l a ch t i m W e st e n , die auf einem unendlich lveiten Gebiete tobt, ist noch immer nicht zu Ende. Das eine Resultat ist mit großer Freude und der herzlichsten Bewunderung für unsere unvergleichlichen Truppen zu konstatieren, daß den Franzosen an der Aisne, den Engländern bei Arras der D u r ch b r u ch n i ch t g e l u n g e n i st. Vielmehr haben sie die ungeheuersten Verluste erlitten, die sie zwar von weiteren Angriffen nicht zurückhalten, die sie aber vielleicht das Vergebliche ihres Ringens erkennen lehren. Auch unsere Erfolge im Luftkriege und die Vernichtungen, die unsere U-Boote angerichtet haben, sind hochbedeutend. * Aus R ußland ist mancherlei zu berichten; zunächst stehe hier ein Artikel der „Frankfurter Zeitung": Die in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau" erhält aus! Rußland eingehende Berichte über die Teilnahme der Inden an der; Revolution und namentlich über die seither von den Zionisten enti faltete Propaganda. Danach beteiligte sich in Petersburg die! jüdische Studentenschaft entschlossen an dem dreitägigen Straßenj lampst der zum Untergang des alten Regimes führte. Von den! etwa 800 Toten, die dieser Kampf unter den Revolutionären sor-! derte, waren 8 0 Inden. Schon am 12. März wurden eigene zio-! uistische Milizabreilnngcn gebildet. Am 14. März bildete sich auch in Moskau ein Studentenausschuß aller jüdischen Parteirichtnngen,; der die Teilnahme an der Revolution organisierte. Wenige Tage! darauf erschien in Petersburg das von der alten Regierung ver-! botene zionistische Srgan „Jewreistaja Shim" wieder: in Moskau wurde in jüdischer Sprache ein sozialistisch-nationales Lrgan („Ter jüdische Sozialdemokrat") gegründet und die Gründung eines zweiten Blattes in russischer Sprache beschlossen. Zn den beiden Hauptstädten fanden große Voltsversanunlungen statt, in denen beschlossen wurde, einen Kongreß aller russischen Juden einzuberufen. Die wichtigsten jüdischen Srganisationen aber suel'ten sich inzwischen mit den Srganisationen anderer nationaler Minderheiten in Verbindung zu setzen. In Moskau fand am 17. Mürz eine erste Konferenz statt, au der Vertreter der Polen, Litauer, Armenier, Juden tmd Kleinruffeu (Ukrainer) teilnahmen. Tie Polen erklärten, daß sie unter den Nationalitäten eine eigenartige Stellung einnehmen, weil sie einen eigenen Staat besitzen. Die Litauer und Armenier forderten eine territoriale Autonomie mtb eine Umgestaltung des Reiches auf national-föderativen Grundlagen. Die Kleinrussen sprachen von einer national-kulturellen Autonomie in Rußland und einer national-politischen in Sester re ich mib forderten, daß die Schulen in der Ukraine sofort den Ukrainern übergeben werden. Auch die Juden legten ihre kulturellen und politischen Forderungen dar. Es wurde ein ständiger Ausschuß ein-! gesetzt, der weitere Besprechungen veranstalten wll. Gleichzeitig wurde in Petersburg eine Beratung der sozialistischen Parteien der „Fremdvölker" abgehalten, in der die titanischen, ukrainischen undverschiedene Gruppen jüdischer Sozialisten vertreten waren. Im Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat ist sowohl das jüdische Stndententomitee als die Mer jüdisch-sozialistischen Parteigruppe!! vertreten. Auch in den Provinzstädten iiuirben überall jüdische Vertreter in die revolutionären Ausschüsse gewühlt. Sodann ein kurzer Bericht der „Deutschen Warte": Genf, 22. April. Nach Meldungen französischer Blätter ans Petersburg hat der Generalstab des Militärbezirks von Moskau eine größere Anzahl israelitischer Studenten der Universität Moskau zur Vorbereitnngsschnle für S ff i ziere zngetassen. Weit weniger erfreulich ist folgender Aufruf, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt: Das Kopenhagener Bureau der zionistischen Organisation erläßt nachstehende Veröffentlichung: Zionisten! ° Eine Begebenheit von unübersehbarer geschichtlicher Tragweite hat sich vollzogen. Ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte hat begonnen. Ein Volt von 170 Millionen Menschen ist frei geworden und nimmt bewußt seinen Platz unter den fortgeschrittensten Völkern l M. %