Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 der eben erst sein Staatsexamen bestanden hat? Diese Ungewißheit über eine Existenzmöglichkeit wäre aber vermieden worden, wenn eine Provinzialstelle für Württemberg gegen die Aufnahme der Vakanz in den Arbeitsnachweis der Hauptstelle Einspruch erhoben hätte. Die Berufsberatung wäre aber überhaupt verfehlt, wenn sie nur ihre Fürsorge dem einzelnen Inden und nicht dem gesamten Judentum zuwenden wollte. Großzügig ist der Gedanke, großzügig muß auch die Ausführung sein. Eine Verzettelung darf unter keinen Umständen eintreten. Nicht ein Wo h lt ä t ig ke i t s i n st i t u t in der R e i h e s o vieler a n d erer soll die Hauptstelle werden, sondern s i e soll die I u d e n b e fähigen, a n dem to i r t' s ch a f tl i ch e n R i n g e n m i t d e n a nd e r e n Na t i o n e n, d a s d e m d e u t s ch e n V o l k e n a ch d e m K r i e g e i n u n - g e a h n t e m U m f a n g e b e s ch i e d e n i st, r e g e n A n t e i l z u n e h ui e n und als n i cfi t z u übersehende Mitarbeiter zu dem endgültigen Si e g e d es d euts ch e n W i r t s ch a s t s l e b e n s b e i z u t r a g en. Die Hauptstelle hat ja in ihrer Denkschrift zum Teil darauf hingewiesen, wenn sie ihre Tätigkeit gliedert in: Arbeitsnachweis, Berufsberatung, Berufswechsel und Kriegsbeschädigtenfürsorge. Deshalb muß sie ja ebenalle diese Zweige ihrer Tätigkeit pflegen lind ihre Mittel und Einrichtungen nicht auf den Arbeitsnachweis allein konzentrieren. Das kann aber nirr geschehen, wenn sie die wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Provinzen, Landschaften und Bundesstaaten sorgfältig berücksichtigt und dazil vor allem die Provinzialberatungsstellen ausbaut und zur entscheidenden Mitarbeit heranzieht. Im Osten wird sie die Juden zur Schaffung von Industrie- und Fabrikstätten beraten und die nötigen Unternehmer und Arbeiter, Mechaniker, Ingenieure und Werkmeister ansiedeln; im Westen und Süden muß sie vorwiegend dem Gartenbau, der Obst- und Geflügelzucht ilnd dem Handel neue Kräfte zuführen, in ländlichen Bezirken dem Ackerbau und der Viehzucht ihre Fürsorge zuwenden, im Norden und an der Küste der Schiffahrt, dem Erporthandet und der Fischerei ihre Unterstützung zuteil werden lassen, in den Großstädten vor einer Ueberfüllllng in den akademischen Berufen ernstlich warnen, in den Mittelstädten und den kleineren Residenzstädten den mittleren und unteren Beamtenberus - vorausgesetzt, daß d i e Stimm u n g i n d e n st a a t l i ch e n u n d st ü d t i s ch e n V e r - w a l t u n g s b e h ö r d e n d i e s e B e s ch ä f t i g u n g g e - e i g n e t erscheinen läßt - ernpfehlen, in den Kleinstädten den Handwerkern Niederlassirngsmöglichkeiten bieten. Nur so kann die Hauptstelle zum Segen für das Judentum werden, oder sie ist nichts. Eine sorgfältige Prüfung durch die Provinzialberatungsstellen erfordert auch der Berufswechsel, zu dem die Hauptstelle unter gewissen Umstünden anraten will. Sie sagt allerdings in ihrer Denkschrift, daß bei einem solchen Amt die körperliche und geistige Fähigkeit für einen neuen Beruf geprüft und festgestellt werden soll, ob der Beamte an seinem bisherigen Berufe Unlust oder Unzufriedenheit empfunden hat. Abgesehen von den Schwierigkeiten dieser Feststellung, wovon sogleich die Rede sein soll, erfordert kein Zweig der Tätigkeit der Hauptstelle so sehr eine genaue Kenntnis der Verhältnisse und damit zugleich eine besondere Dezentralisation wie die Beratung beim Berufswechsel. Tenn nicht die Unlust an dem bisherigen Berufe, auch nicht die körperliche und geistige Fähigkeit allein rechtfertigen den Berufswechsel eine Ausnahme bilden hierbei die Kriegsbeschädigten , sondern Angebot und Nachfrage in den einzelnen Berufen, vorhandene Gelegenheit zur Erlernung eines anderen Berufes für Männer und junge Leute im vorgerückten Atter, Mittel für den Unterhalt, für die Arlsbildungskosten und für die Begründung der Selbständigkeit. Die sogenannte „Unlust" am' Berufe kann nur durch einen Vertrauensmann am Orte selbst geprüft werden, sonst würde sie von vielen schwankenden Charakteren, den ehrliche Arbeit Scheuenden und Handwerksburschen, denen ein Vagabundenleben besser gefällt, als Grund für den Berufswechsel ins Feld geführt werden. Der Berufswechsel bei Kriegsbeschädigten ist dank der staatlichen Fürsorge für diese Opfer des Weltkrieges, unterstützt durch vortreffliche ärztliche Behandlung und durch die reichen Mittel der verschiedensten Vereine, gegenwärtig nicht schwierig. Nur muß auch hier keine Verzettelung in Einzelfürsorge, eintreten, sondern das große Ziel im Auge behalten werden, unsere Glaubensgenossen neuen werktätigen Berufen zuzuführen und damit die Wirtschaftskräfte unseres deutschen Volkes zu stärken. Ohne.Mittel läßt sich ein solches großzügiges Werk, das für die jüdische Bevölkerung ganzer Provinzen und Landschaften eine vollkommene Umwälzung wirtschaftlicher Natur bedeutet und gewisse Kreise unserer Glaubensgenossen zu einer völligen „Neuorientierung" zwingt, natürlich nicht durchführen. Doch brauchen diese Mittel nicht besonders groß zu sein. Die Hauptkosten würden durch Schaffung der Provinzialberatungsstellen entstehen, die am besten von einem besoldeten Geschäftsführer im Nebenan:te geleitet würden. Ein großer Teil dieser Kosten wird durch Zuschüsse der allgemeinen jüdischen Provinzialverbände, wie Synagogenverband, Großloge, Arbeitsnachweis, Hilfsverein der deutschen Juden, Orthodoxe, Liberale und Zionistische Vereinigung. Rabbiner-, Lehrerverband,Zentralverein, aufgebracht. Auch etwa bestehende Vereine für soziale Hilfsarbeit, wie Vereine zur Beförderung des Ackerbaues und Handwerks unter den Juden. Jugend- und Frauenvereine, Stipendienstiftungen für die Ausbildung der jüdischen Jugend, regelmäßige Jahresbeiträge der Synagogengemeinden, wohlhabende Glaubensgenossen und landsmannschaftliche Vereine in den Groß- und Mittelstädten werden sich der Förderung dieser großen Aufgabe nicht entziehen. Für die Begründung selbständiger Gewerbe, für die Ausbildungskosten beim Berufswechsel sind Darlehnskassen zu empfehlen, die zu einem billigen Zinsfüße und bei langjähriger Tilgung des Kapitals nach sorgfältiger Prüfung der persönlichen Verhältnisse des Darlehnssuchers und der örtlichen Verhältnisse seines Niederlassungsortes arbeiten. Bei einer solchen sorgfältigen Prüfung sind auch hierfür nicht allzu große Summen nötig. Wir dürfen ohne Scheu für unsere Zwecke auch die Unterstützung rmd Förderung der staatlichen und städtischen Behörden erbitten und können hoffen, sie zu finden. Denn gilt hier nicht die Förderung des Wohlstandes einer Glaubensgemeinschaft, sondern die Förderung des vaterländischen Wohlstandes. Das ist ja das große Ziel der Reichsverwaltmm welche bereitwillige Mitarbeiter gern und freudig aufuehm > wird, wo sie sie findet. Auch dieser Zustand erforder^die inte' sive Arbeit von Provinzialberatungsstellen, die durch r - sönliche Einwirkung viel mehr erreichen können als e ue Zentrale in der Reichs-Hauptstadt. Wir sollen und dürfen selbstverständlich die Tätigkeit der Zentrale nicht ausschalten. Insbesondere ist ihre Einwirkung auf die Vereine und die wohlhabenden Glaubensgenossen nicht zu entbehren. Sie muß die großen jüdischen Verbände, dir ihre Zentrale in der Reichshauptstadt haben, von der Notwendigkeit überzeugen - wir denken hierbei besonders an den Hilfsverein der deutschen Juden und die Unterstützungs- Vereine für die Juden des Ostens und Palästinas- , das; in Deutschland selber noch viel Elend u n t c r | unseren Glanbensg eno s s e n h err s ch t u n d d a n! diese V e r e i n e d i e P s l i ch t h a b e n , e i n e n T e i l d e r