Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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"T 81. Jahrgans: Nr. 18 Allgemeine Berlin, 4. Mai 191? eitung des Judentums. Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «Schentttch. Abonnements-Prels; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und von» orten durch unsere Vertrieb r-ellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 224. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an di» Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums^, Berlin SW, Jerusalemer Straße 96-99, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tfllflftft* 3ur Organisation für die Berufsberatung der Juden. Bon Hermann Becker. — Tie Woche. — Generalversammlung des Hilssvereins der Deutschen Juden. Von V — Professor Eugen Mittwoch. Von L. G. — Aron Wolfs Bcrliyn, Generalmusikdirektor, Professor, Ritter. Ein vergessener jüdischer Komponist. Zu seinem 100. Geburtstage. Von Königl. Musikdirektor A. Friedmann (Berlin). — Eine Pessachfeier an der Westfront. Von Feldrabbiner Dr. Salomonsti. — Feuilleton: Ein Purimspiel mit Hindernissen. Humoreske von M. Pulvermann. Büchereinlaus. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Magdeburg, Düsseldorf, Köln, Wiesbaden, Karlsruhe i. B., Kopenhagen, Wien. — Von Nah und Fern. £ur Organisation für dir Berufs« deratnng der Inden. Von Hermann Becker. Unsere Leser kennen aus dem Artikel in Nr. 52 des vorigen Jahrganges, aus den „Mitteilungen des Zentralvcreins der Staatsbürger jüdischen Glaubens" und schließlich aus dem kurzen Berichte über die Hauptversammlung des Fntralvereins am 4. Februar d. I. diesen neuen Arbeits- Werg des Vereins zur Genüge. Soll aber diese „Forderung des Tages" — und das muß unbedingt geschehen, >v e n n die wirtschaftlichen Nöte unserer Glaubensgemeinschaft nicht noch größer werden und damit auch ihr Bestand aufs ä u ß e r st e gefährdet werden soll — unter der Mitarbeit der jüdischen Männer und Frauen aller Stände zur Tat reifen, soll sie eine Gewissenssache eines jeden Glaubensaeaossen ohne Unterschied der religiösen Richtung sein, dann ist eine planvolle und zweckentsprechende Organisation unbedingt notwendig. Unsere Zeitung, welche als erste von allen jüdischen Tageszeitungen diese Angelegenheit in der weiteren t effentlichkeit erörtert hat, hat also auch die Pflicht, das Interesse daran nicht erlahmen zu lassen und immer wieder zur Mitarbeit anzuregen. Es lieg* nahe, hier auf die bewährten Kriegsorganisationen und den deutschen Organisationsgeist hinzuweisen, den unsere Fände zuerst verspottet, um den sie uns dann beneidet und dcn sie zuletzt nachguaihmen versucht haben. Allein unsere Angelegenheit ist keine politische und eine jüdische Zeitung treibt keine Staatspolitik. Die Berufsberatung will lediglich das Wohl «unserer «Glaubensgenossen fördern und ist von jedem Chauvinismus gegen Andersgläubige frei. Das vorausgesetzt, ergeben sich zwei wichtige Leitsätze für die Organisation: I. Durch die Berufsberatung soll keine jüdische Konkurrenz gegen die andersgläubigen Berufsgenossen gefördert werden; -• die Berufsberatung will jedem Tüchtigen freie Bahn und jedem Juden den nach seinen Fähigkeiten und Anlagen ihm gebührenden Platz an der Sonne schaffen. Diese beiden Leitsätze zeigen uns den Weg für die geplante Organisation. Wir haben schon in Nr. 52 ganz kurz diesen Weg angedeutet, als wir forderten: keine Zentralisation, sondern Dezentralisation. Die Hauptstelle für die «Berufsberatung «will diese beiden Wege miteinander verbinden, indem sie einmal Merkblätter für die einzelnen Berufe versendet lind zugleich Provinzialstellen für die Berufsberatung einrichten will. Wir würden aus praktischen Gründen «den umgekehrten Weg empfehlen, also zuerst Dezentralisation nach den einzelnen preußischen Provinzen bzw. Bundesstaaten und in diesen Provinzial st eilen Dezentralisation nach Berufen. Praktische Gründe, das sind lediglich wirtschaftliche Gründe, sind für unseren Vorschlag maßgebend. Erläutern wir das an einigen Beispielen: Die Vakanzenliste der Hauptstelle oder der Arbeitsnachweis meldet eine Niederlassungsmöglichkeit für einen Tischler in Goßlarshausen in Westpreußen. Die Liste geht allen Provinzialstellen, also auch der Stelle für Bayern, zu. Nun sitzt in Krumbach ein Tischler, der dort wenig oder gar keine Arbeit hat. Soll und «wird der Krumbacher Tischler nach Goßlarshausen in Westpreußen übersiedeln? Was kostet allein die Uebevsiedlung einer ganzen Familie bei dieser großen Entfernung? Und wenn der .Handwerker dort nicht genügende Beschäftigung findet, weil vielleicht «die jüdische Bevölkerung nur sehr dünn gesät oder gar keine Juden am Orte «wohnen, die christliche Bevölkerung aber — und das ist in ländlichen Gegenden gewisser Landstriche die Regel — nicht bei einem jüdischen Handwerker arbeiten läßt? Eine jüdische Gemeinde ist erst auf eine oder mehrere Stunden Eisenbahnfahrt oder Landweg zu erreichen. Es ist also für den glaübenstrenen Bayern keine Möglichkeit vorhanden, einen rituellen Haushalt zu führen, das Gotteshaus zu besuchen. Soll der «Handwerker nach kurzer Zeit, in welcher er seine geringen Ersparnisse aufgezehrt oder das Darlehen, das ihm «die Hauptstelle verschafft, zugesetzt hat, wiederum unter großen Kosten nach seiner Heimat zurückkehren? Ich höre «den Einwand: Solche Fälle kommen nur vereinzelt vor, der Arbeitsnachweis führt auch Stellen in der Nähe von Krumbach oder in «Bayern auf. Dorthin könnte sich der Handwerker wenden. Dieser Einwand beweist aber die Notwendigkeit. die Dezentralisation nach Provinzen und Landschaften und dann erst nach Bernsen vorzunehmen. Ein anderes Beispiel: In Berglingen in Württemberg «wird die Niederlassung eines jüdischen Zahnarztes gewünscht, so heißt es im Arbeftsnachipeis der Hauptstelle. In Berlin ist eine Anzahl unbeschäftigter jüdischer Zahnärzte vorhanden. Ein Bewerber erkundigt sich in Berglingen bei dem dortigen Gemeindevorstand und erfährt, daß ein christlicher Zahnarzt dort ansässig ist, aber wegen seiner antisemitischen Gesinnung nicht von den Inden konsultiert «wird. Soll der jüdische Berliner Zahnarzt nun von der Praxis in der verhältnismäßig Keinen Gemeinde Berglingen leben? Und «wer gibt ihm die Mittel zu seiner Niederlassung, zur Anschaffung der Instrumente und «dergleichen mehr, wenn der Bewerber ein junger Anfänger ist,