Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229303--73067-3285527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Was brauche ich dir noch erst zu sagen? Siehst du denn nicht, daß Perez Wedel kein anderer ist, als — Na chm e Klinker?" Uscher sprang mit einem Satze wie elektrisiert auf. „So wahr ich lebe, er ist es! Melleleben, um Gottes Willen, sage es keinem Menschen, daß ich meinen Kopf verloren und nur noch einen hohlen Kürbis auf den Schultern habe! — Ich bin akkurat so einer, wie es in Thillim steht: Augen haben sie und können nicht sehen! Daß ich nicht gleich an Nachme Klinker dachte, der kein anderer ist als Perez Wedel!" „Und unser moralisches Stück, Uscher! Das Zeichen vorn Himmel! Unsere wunderschöne Komödie!" schrie das kleine Männchen voller Begeisterung. „War es nicht ein feiner Einfall von mir? Haben wir nicht an diesem Purim mehr Gutes gestiftet, als der größte Maggid und Prediger?" Durch die Erinnerung an den Purim wurde Uscher wieder ganz entnüchtert. „Ganz gewiß," spottete er, „und wir haben auch eine wunderschöne Einnahme gehabt, — mehr als der größte Maggid und Prediger! — Melle, ich sage dir, so klein du bist, so ein großer Schaute bist du! Gutes gestiftet! Wem? Dir? Mir? Höchstens doch nur Perez Wedels Frau! Und was geht diese eigentlich dich an? Oder willst du vielleicht zu ihr hinfahren, daß sie dir einen ganzen Sack voll mit Dukaten gibt?" „Uscher, ich habe große Maure, daß du dich bald ganz schmadden wirst! Wie kannst du nur so gottlos sprechen! Für mich ist es schon der größte und schönste Lohn, ein Gotteszeichen, ein Himmelsbote gewesen zu sein und etwas Gutes gestiftet zu haben, wenn ich auch diese Menschen nicht einmal kenne und vor Augen gesehen." (Schluß folgt.) Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. <9. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) a, richtig. Also ich bring' de Ware hin. Wie alt war' ich j gewesen sin? Jahre achte, zehne; aber wie ich bei Schlefingere vorbeigekommen bin, Hab' ich de Schürze, wo ich de Hände mit de Ware drunter gehabt habe, recht hoch gehalten uit getan, als trag' ich wunder wie schwer, daß er sich sollte recht rarikesen. Der selige Vater hat Tratten gelacht, wie ich's 'n erzählt Hab, un hat auf de Mutter geguckt un gesagt: Schade um das Keppchen, die hett' missen e Jingelchen ivern un Moritz „Was denn, Tante, und Moritz?" „Nti, nischt", wehrt sie, sin je alles alte Sachen. Aber, was ich erzählen wollte" (wenn Tante etwas nicht sagen will, bringt sie keine Macht der Welt zum Sprechen. Was hat sie mir nur zu verschweigen, was mein seliger Großvater von meinem Vater gesagt hat?), „wie ich bei Ehrensteins ins Haus getreten bin, Hab' ich gedacht, ich bin beim König von Preußen. Schöner kann's da auch nich gewesen sin. Die Dienstschickse hat mir gewinkt, ich soll mit bei de Madam kommen, un da hat se erst an de Tür gepocht, un de Madam hat drinne gesessen im schwarzseidenen Kleid nn mit 'ne Spitzenhaube wie 'ne Firstin, sag' ich dir, aus en hellblauseidenen Damastsosa mit goldene Quasten, un sonne Sessel haben auch drum 'rumgestanden, un aus en Tisch 'ne schwere Decke, so 'ne Art Brokat, un 'ne große massiv silberne Schale mit Pfirsiche und Trauben, wie de se nich gemalt siehst. Und da hat se en sehr freundliches Gesicht gemacht und hat gesagt: „Ich dank dir auch schön, mein Kind, wie alt biste denn schon?" Aber von de Pfirsiche hat se mer ohßer einen geschenkt, obgleich mer — wie en Kind is - - das Wasser im Munde zusammengelaufen is da- 2()‘> -, nach. Keine Dienstschickse hat se kennen halten, so knapp hat se zu essen gegeben." „Die reiche Frau?" „Ja, so waren ihre Töchter auch un ihre Enkeltöchter. Gegönnt haben se keinen nischt, außer de eigene Familie. Das lag so drin. Siehste, Kind, das Hab' ich auch immer an deine Mutter selig so bewundert. Se hat bare 30 000 Taler mitgekriegt — das war damals noch en Wort, weißte. Heute reißt jeder Gascht 'S Maul aus, wenn er en Schiddach tun will — freilich, wenn's dann zum Klappen kommt, is cs ohßer de Hälfte --. aber mein seliger Bruder hat das schöne Geld bar von sein Schwiegervater auf en Tisch gezählt gekriegt aber deine selige Mutter — ich kann dir sagen, in der Ehe is sie de Sparsame gewesen; der selige Moritz hat nie viel von Geldsachen verstanden; sie hat sich eingerichtet, nich als käme se von Rosenberg Söhne. Un wenn du heut dein Geld beisammen hast, dann dankste bas deine Mutter. Alles, was recht ist, das hat auch meine Mutter selig immer anerkannt." Auf einmal schießen mir die Tränen hoch. „Nu, nu, Kind, se ruht doch nn schon zehn Jahre, da darfste dich nicht mehr aufregen — das wollen Eltern nicht." (Ach, Tante, du irrst dich. Mir hat nur dein Lob für Mutter ein bißchen weh getan.) „Wenn de Söhne halb so sparsam gewesen wären wie de Mädchen, wär's besser gewesen." (Ja, ja, Tantchen, ich weiß schon, in solchen Fällen redest du schnell von etwas anderem mit möglichst harter gleichgültiger Stimme — die soll die Tränen verwischen.) „Aber da war nur dein seliger Großvater, der als großer Mann gestorben ist. Die anderen Brüder, nebbich — da war der Louis — ich seh'n noch mit seine langen Peine - er hat da drum auch Mückenbein geheißen, er hat denn gcheirat 'ne Berlinerin, die geholfen hat, 's Geld alle machen. Von seine Kinder lebt nur noch de Pauline, na, wovon die lebt, weißte je." „Ja, Tante!" „Hast recht, wenn de da nicht viel dervon redst; es war sehrschön von deine Mutter selig, daß se de arme Kusine nich 'n Stich gelassen hat" (nicht doch, Tante, das Lob gebührte Vater. Ich weiß gar nicht, ob Mutter von den allmonatlichen Sendungen etwas wußte. Stillschweigend besorgte ich das in seinem Auftrag, vor Mutter wurde davon geschwiegen, ganz ohne Vornahme. Aber ich ließ das Lob auf Mutter sitzen. Gelt, Vater, tut bist mir nicht böse, du kannst es entbehren? Es bleibt dir genug). Se 's is en Rachmones — die Enkelin vom alten Ehrenstein, den sie den Judenkönig genannt haben, muß schnorren gehen. Aber so is es, wenn einer liederlich is und sein Geld vertut und sich nur gute Tage machen will." Aber was ist denn das? Der gemütliche Erzählerton ist fort, etwas scharf Persönliches liegt in der Stimme. Auch Tantes Blicke träumen nicht mehr in die Vergangenheit zurück, sie heften sich recht wach und strafend auf ein Stückchen anmutigste Gegenwart. Und Paula, der sich die Tante jetzt voll zugewandt hatte, schien auch sofort den Kontakt zwischen Großonkel Mückebeins — ach, nein, ihr Onkel ist es ja gar nicht, also müßte ich mich ja viel eher getroffen fühlen — Lüderlichkeit und ihrer kleinen Person einzusehen, denn sie machte ein schuldbewußt betroffenes Gesicht, in dem Trotz und Scham und Aerger kämpften. „Und wo steckt Rosa mal wieder?" Und Tantes Augen huschten böse über den leeren Fensterplatz gegenüber. Aha, also auch für Rosa war die Lehre aus Onkel Mückebeins verwerflichem Lebenswandel mitbestimmt. Ich staunte, mit welcher blitzartigen Schnelligkeit Tante Generationen übersprang und in der Gegenwart war. „Siehste, so sind se nun. Wenn se Handtücher stopfen sollen, da machen se sich 'ne Ausrede und sin draußen; aber früh, wenn se draußen in de Wirtschaft was tun sollen, dann kannste se todsicher in irgend 'ne Stuben-