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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-27 · Heft 17 (27.4.1917) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 17 (27.4.1917)
Date
1917-04-27
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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.,Bist du meschugge geworden? Fortgehen soll ich und einen todkranken Menschen allein liegen lassen? Melle. Melle! Ich habe es mir schon lange gedacht, daß der Aschmedai, von dem du immer Phantasierst, dein leibhafter Vetter sein mutz, weil du mich zu einer solchen Schlechtigkeit verführen willst! Faule Ausrede! Weil ich ein bißchen Hunger habe! Und wenn ich schon ein bißchen Hunger habe, was ist da weiter dabei! Es ist doch nicht das erste Mal, daß ich hungere, und wenn Gott mir das Leben schenkt, wird es auch nicht das letzte Mal sein! Aber deshalb werde ich so einen kranken Hund wie du bist, noch lange nicht allein liegen lassen!" Melle drängte nicht weiter; nur später, als Uscher ihm von irgendwo eine warme Suppe brachte, da ergriff der Kranke dessen beide Hände, die er mit großer Rührung drückte, während eine Träne in seinem Auge glänzte. Und Uscher verstand ihn, und auch ihm war das Weinen nähe; aber eher hätte er sich zwölf Nasenstüber erteilen lassen, ehe er seine Rührung gezeigt hätte. Um diese zu verbergen, begann er aufs neue zu poltern: „Habe ich nicht schon lange gesagt, daß du der größte Meschummed bist! Heute, am Purim, wo man lachen und lustig sein soll, fängt er an zu heulen wie ein altes Weib am Tische be-Aw!" * Trotz Uschers zärtlicher Fürsorge und Pflege schleppte sich Melles Krankheit noch eine ganze Woche hin, und auch noch eine zweite verging, eher Uscher chm erlaubte, das Zimmer zu verlassen. Als Melle wieder nach langer Zeit aus dem Tempel nach Hause kam, erhielt er abermals einen Brief von seinem älteren Bruder, dem ersten Schauchet und zweiten Ehasen aus Skolow, dessen erste Epistel dem kleinen Melle die Idee in den Kops gesetzt hatte, sich zum moralischen Komödianten auszubilden. Melle erinnerte sich der Erlebnisse der letzten vierzehn Tage, und er konnte ein leises Zittern nicht unterdrücken. Auch Uscher konnte sich nicht enthalten, einen mißtrauischen Blick auf den Brief zu werfen und seinem Leidensgenossen die höhnische Bemerkung zuzurufen: „Melle, ich habe große Maure, daß du wieder einen .Einfall' bekommen könntest!" Dennoch war auch er voller Erwartung und lauschte ausmerksam, als Melle zu lesen begann: „An meinen vielgeliebten Bruder, den zu sehen mir Gott die große Gnade erweisen möge! Obwohl es schon lange her ist, seit meine Hand ausgestreckt war, um Dir zu schreiben, so bist Du dennoch in meinem Herzen und in meinen Augen gewesen. Und ich schreibe Dir folgende Begebenheit, die ich Dir zu berichten habe. Was unsere Kinder anbelangt, so hat sich ihre Zahl bisher nicht vermehrt, und ich habe Dir keinen weitern Zuwachs zu vermelden. Unsere zwei ältesten Töchter sind, Gott boruch hu, an zwei große „Lamdonim" verheiratet, die von früh bis spät im heiligen Talmud lernen, um dadurch der ganze Mischpocho, Dich mitinbegriffen, das lichtige Paradies zu verschaffen; dafür bekommen sie und ihre Familien von uns das bißchen Essen; wohnen tun sie auch bei uns, und die Frauen gehen waschen und flicken und verdienen manchmal auch etwas Geld; es ist aber nicht viel. — Die andern Kinder wachsen heran wie die Zedern Libanons und erfreuen 'meine Seele durch Tugend und Frömmigkeit; sie sollen leben und gesund bleiben! Auch über meinen Wohlstand kann ich Dir, gottlob, nur gute Kunde geben. Gott bezahlt „Mido keneged Mido", Maß für Maß; denn die Ursache von der Verbesserung meines Vermögens ist genau dieselbe, wie sie damals bei der Verschlechterung gewesen ist. Vielleicht weilt Noch in Deinem Gedächtnis die Erinnerung ■ an den Fleischermeister Perez Wedel, von dem ich Dir schrieb, daß er seine Frau und Kinder böswillig hatte sitzen lassen und in die weite Welt gegangen war. Dadurch hatte er verschuldet, daß in der Khille weniger geschlachtet wurde, und so ist es gekommen, daß ich mit meiner Familie kaum noch für den heiligen Sabbat ein Stückchen Fleisch hatte kaufen können; von Fisch, wie es doch unsere heiligen Rabbonim für den Schabbes vorgefchrieben, konnte gar keine Rede sein. Aber Perez Wedels Frau, Ehanne, war ein frommes, gottesfürchtiges Weib, und sie saftete und betete zu Gott, daß ihr Mann zu ihr und zu ihren verlassenen Kindern wieder zurückkehren möge. Nun, mein vielgeliebter Bruder, Gott erhört das Gebet seiner Frommen, und er hat auch dieser Frau geholfen. Aber höre und staune, welches Wunder er an ihr getan. Es war vor ungefähr einer Woche, oder vielleicht noch etwas länger — ich will nicht lügen— da sitze ich wieder in meiner Schächtbude — denn vor Pessah werden doch die Stopfgänse geschlachtet, die so groß wie die Kälber und fast zwanzig Pfund schwer sind —, da höre ich durch die dünne Bretterwand aus dem kleinen Stübchen, wo die arme Ehanne! mit ihren Kinderchen wohnt, da höre ich plötzlich einen Schrei ausstoßen, so kreischend und so gellend, wie ihn nur ein Toter ausstoßen kann, wenn ihm die Strohhalme stechen, auf die er „abgehoben" liegt. Bor Schreck fällt mir das Schächtmesser aus der Hand, daß es viele Lücken bekommt, daß ich es auss neue schleifen muß. Während ich nun schleife — denke Dir nur Gottes Wunder —, da höre ich, so wahr ich lebe! Perez Wedels eigene Stimme, wie er bitterlich weint und sagt: „Ehanne, mein treues Weib, beinah hätte ich eine große, schwere Sünde begangen, die mich diese und jene Welt gekostet hätte; denn gerade am letzten Purim wollte ich mich mit einem andern Mädchen, mit der Tochter von einem Bäcker verloben. Aber Gott hatte Erbarmen mit meiner armen Seele und schickte mir ein Zeichen in Gestalt zweier armen Juden, die eine „moralische Komödie" spielten, in welcher sie die Sache zwischen Dir und mir haarklein erzählten, als wären sie dabei gewesen; - und da wurde mein Herz so weich wie das Wachs, welches am Jom-Kippur-Nachmittag im Schul von den Lichtern tropft. Darum bin ich von dort wie vor einem Feuer fortgelaufen und bin zu Dir und zu unfern Kindern zurückgekommen. Und wenn Du mir verzeihen willst, soll wieder alles gut werden zwischen uns." Und dann höre ich, wie die Ehanne noch ein bißchen weint, und dann aber höre ich ein Knallen und Klatschen, aber nicht von einem Lederriemen, sondern wie man es unter der Ehuppe hört, wenn der Ehossen das Glas zertreten, und lalle Mechotonim sich gegenseitig Masel tow wünschen. Aber das Wunder ist noch nicht zu Ende. Wie ich weiter höre, erzählt Perez noch, daß er die ganzen drei Jahre seiner Abwesenheit gerade in der Stadt sich ausgehalten hat, wo Du, mein vielgeliebter Bruder, auch als bekoweder Baalboes lebst. Und weil mein Schächtmesser jetzt wieder in Ordnung war und die Frauen nicht länger warten wollten." Melle unterbrach sich hier selbst und blickte gespannt auf Uscher, der voller Gemütsruhe faß und der langen Epistel geduldig zuhörte. „Uscher, du Charnmer, du Rindvieh, verstehst du es immer noch nicht?" schrie Melle, heiser vor Zorn. „Du blinder Maulwurf, was soll ich denn sehen und verstehen?" „Du bist wirklich ein noch größerer Ochse als ich selbst. Weißt du immer noch nicht, wen mein Bruder meint?" „Und du bist noch schlimmer als Bileams Esel: jener hat wenigstens das Maul ausgetan, als er gefragt wurde."

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