Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-04-27 · Heft 17 (27.4.1917) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 17 (27.4.1917)
Date
1917-04-27
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229303--73065-3285525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bacon Earl von Rothschild. Von Marianne Saling war gleichfalls oben die Rede. Mit diesen tapferen Bemerkungen von Rahel seien diese Notizen über Juden aus den Briefen des Varnyagenschen Kreises geschlossen. Srr drutlchrIudr und MeLandwjrtlchskt. Von Tr. W. C. s ist von großer Bedeutung, daß eine Gemeinschaft wie die jüdische im Deutschen Reich nicht sich den Fehlern verschließt, die gemacht worden sind, und beizeiten -daran denkt, sie für die Ankunft auszuschließen. Wie im Leben des einzelnen die Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist, so auch in einer ganzen Gruppe. Und gerade dieser Krieg als überragendstes Ereignis aller vergangenen Jahrhunderte mit seinen tausendfachen Lehren und Erkenntnissen kann uns mehr als alle anderen Erlebnisse zur Selbstbesinnung führen. Hat er doch in einem bisher noch nicht gekannten Umfange alle Schichten des deutschen Volkes durcheinandergewürselt und sie einander näher gebracht. Wir deutschen Juden waren bisher zum allergrößten Teile in den großen Städten ausgewachsen, von Jugend an einem ganz bestimmten Jbeenkreis unterworfen und hatten nur in einzelnen Fällen, die zur Gesamtheit in einer verschwindenden Minderzahl blieben, Gelegenheit, -auch schon vor dem Kriege einen Blick in die Landwrrtschast zu tun oder womöglich gar praktisch mitzuarbeiten. Hier kann es sich nicht darum handeln, den Grund für diese Erscheinung aufzuzeigen, sondern nur auf ihr tatsächliches Vorhanden hinzmveijen. Sie wegzuleugnen, hieße sich absichtlich die Augen zu verschließen. Einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel und erhärten das Gesagte. Nun hat dieser Krieg mit ungeheuerer Macht uns Städtern, die wir fast schon vergessen hatten, gezeigt, was für ein Glück für das Deutsche Reich in seiner mohlovganisierten und leistungsfähigen Landwirtschaft liegt! Er hat uns Städtern, die wir bisher das tägliche Brot als etwas selbstverständlich Vorhandenes Hinnahmen, aber auch deutlich vor Augen geführt, welch Dank denen zukommt, die fern Werden über-! wachen und pflegen. — Doch damit ist es noch nicht genug! Eine große Zahl unserer Glaubensgenossen hat auch als Soldaten im besetzten Feindesland Gelegenheit gehabt, mitzuarbeiten, mitzusäen und mitzuernten, hat die ganze Freude empfunden, die uns zuteil wird, wenn wir sehen, daß das Korn, das wir der Erde übergeben, gedeiht und uns die Mühe vergilt. Gestehen wir es ganz offen: das war für viele von uns etwas ganz Neues, bisher noch nicht Erlebtes, und in Friedenszeiten wäre es uns nie zuteil geworden. Da war das Verhältnis des Städters zur Natur ein wesentlich anderes! Er sah wohl die Mutter Erde auf Wanderungen, auf Fahrten, auf Reisen und Spaziergängen, doch nur als ein Gast, der am Zaun stehenbleiben muß!-Und wie viele sahen nur die Natur stilisiert in Sommerfrischen und Bädern, aber nicht das weite offene Land des Bauern. Nun wird man mir hier einwenden, das Gesagte trifft nicht nur für uns jüdische Deutsche zu, sondern für alle Städter ohne Unterschied des Bekenntnisses. Das ist gewiß richtig, aber da eben der Jude zum größten Teil in der Stadt wohnt, muß ich darin eine Gefahr für unsere Gemeinschaft sehen. Die Wurzel des Uebels aller Streitigkeiten, aller Parteifehden, wie wir sie vor dem Kriege leider erlebt haben, ruht in dem gegenseitigen Nichtkennen. Man verurteilt einander, aber man gibt sich oft nicht die Mühe, tiefer ineinander einzudringeN. Wir deutschen Juden müssen — wollen wir wünschen. 200 - daß nach dem Kriege der Antisemitismus nicht wieder aüflebt - auch selbst alles tun, um ihm den Grund für seine Tätigkeit zu nehmen. Wer es wirklich gut mit seiner Gemeinschaft meint und an ihr mit ehrlicher Liebe hängt, muß mit'Ganzer Macht dafür eintreten. Nirgends lernen sich Volksgenossen so gut kennen wie bei gemeinschaftlicher Arbeit, wo alle gleich sind und wo die Leistung deS einzelnen gilt! Dies für die Kriegsarbeit zu beweisen, hieße längst Gesagtes unnötig wiederholen! Aber für.die Friedensarbeit es darzutun, dürfte sich im Hinblick auf unser Thema lohnen! Der deutsche Jilde war bisher in überwiegender Menge entweder Kaufmann oder Kopfarbeiter, Gelehrter. Was in diesen Bernsen geleistet worden ist, ist so über alles Lob erhaben, daß wir eben darüber nicht weiter reden brauchen, denn es wird auch von niemandem geleugnet! Fruchtbarer für unsere Gemeinschaft ist, auf das hinzuweisem was fehlt, wie der Arzt sich ja auch mit dem tranken Körperteile beschäftigt und nicht mit dem gesunden. Es kann also nicht als Glück angesprochen werden, daß die überwiegende Menge der deutschen Judenheit der Landwirtschaft fernsteht, über sie urteilt, ohne sie zu kennen. And man muß sich anläßlich dieses Wendepunktes in der deutschen Geschichte fragen, ob jetzt nicht der Augenblick gekommen ist, diesem Nebel für die Zukunft abzuhelfen! Und ich glaube dies von ganzem Herzen bejahen zu können! Schicken wir die Heranwachsende Jugend aufs Land hinaus, lassen wir die körperlich dazu Geeigneten vom ersten Spatenstich an die Landwirtschaft lernen, ersparen wir ihnen keine Mühe und Arbeit: die heimatliche Scholle wird es ihnen danken. Vom Lande her kommt auch der Stadt frisches Blut und Jugendkrast; und was für ein erhebendes Gefühl wird es für die neue Generation sein, wenn sie sagen kann: wir sind nicht nur Verbraucher, sondern auch Erzeuger von Brotfrucht; wir haben die deutsche Scholle mit unserem Schweiß gedüngt und uns ihr dadurch aufs neue verbunden. , Dann wird die Anklage verstummen, daß der deutsche Jude mit Vorliebe Handel treibt, weil er die körperliche Arbeit scheut. Neue Gesundheit wird die Adern der Heranwachsenden Generation durchströmen, wird gutmachen, was Jahrhunderte der Stubenlust gesündigt haben! Wie der Frieden auch sein mag, und wie die Grenzen Deutschlands auch laufen mögen, deutscher Boden wird Arbeitskraft brauchen. Drum weisen wir unsere Jugend, die vor der Berufswahl steht, aus die Landwirtschaft hin, zu ihrem eigenen Segen, zum Segen des Vaterlandes, aber auch zum Segen unserer Glaubensgemeinschaft. Lin Ourimlpirl mit hindernillen. Humoreske von M. Pulvermann. (7. Forts.) oft du Schmerzen, du Schlemihl?" fragte Uscher mit der Zärtlichkeit einer besorgten Mutter. „Nein, du alter Es..Ein krampfhafter Husten verschlang die letzte Silbe. Uscher sprang hin und hielt ihn besorgt am Kopf. „Nein, du alter Esel", vollendete Melle, als er sich wieder erholt hatte; „und daher meine ich, es könnte nicht schaden, wenn du auf den Markt gingst, um etwas zu verdienen. Ich spreche nicht meinetwegen," fügte er matt lächelnd zu seiner Entschuldigung hinzu, „ich bin doch krank und kann nichts essen; doch du, Fresser, wirst wohl Hunger haben. Soviel ich weiß, fastet man nur vor Purim, nicht aber nach Purim."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.